Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 48 (30.11.1928)
- Date
- 1928-11-30
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 DIE WAHRHElf hieraus geschmiedet werden. Das bewilligte Erfordernis in der gewiß ansehnlichen Höhe von 1,8 Millionen Schilling erscheint aber nicht übermäßig, wenn man dagegenhält, daß die Einnahmen im Friedhofs- und Beerdigungswesen von Jahr zu Jahr zugenommen und für das laufende Jahr allein mit 1,85 Millionen Schilling, also mit mehr veranschlagt sind, als die gesamten Baukosten betragen, die sich übrigens nicht auf die Zeremonienhalle allein beziehen, sondern auf das gesamte Bauwerk, die Herstellung der Friedhofsmauer, der Arkadengrüfte und eines besonderen Gebäudes für Infektionsleichen, das Verwaltungsgebäude, die Herstellung der Plätze, Wege usw. Die größte Post im Budget der Kultusgemeinde nimmt aber mit dem Betrage von 1,904.017 S (gegen 1,3 Millionen Schilling im Jahre 1924). das Fürsorgewesen ein. Rund neun Zehntel der gesamten Eingänge an Kultussteuer werden somit Wohlfahrtszwecken zugeführt, ein Prozentsatz, der von keinem öffentlichen Gemeinwesen erreicht, geschweige denn übertroffen wird. Damit folgt unsere Gemeinde ebenso den alten Geboten unserer Religion wie den modernsten Auffassungen sozialer Pflichten. Die in die Berichtsperiode fallende moderne Ausgestaltung des Spitals der Kultusgemeinde (Rothschild-Spital) ist schon für sich allein ein Ruhmesblatt für den abtretenden Kultusvorstand, ebenso wie die ständige Mühewaltung für die in der Versorgungsanstalt untergebrachten greisen und siechen Männer und Frauen. Die Jugendfürsorge, in der rund 10.000 Fälle behandelt wurden, erforderte diese namhaftesten Mittel. Ferner werden alljährlich 7000 bis 8000 Fälle von Einzelunterstützungen und nahezu 4000 Handbeteilungen durchgeführt. Mehr als 100 Vereine erhielten für solche Zwecke Beiträge der Kultusgemeinde. Diese Leistungen fallen um so schwerer ins Gewicht, als durch die Geldentwertung infolge der Inflation die reichen Stiftungen, über welche die Gemeinde früher verfügte, stark zusammengeschmolzen sind. Die Vertreter der„Union",die als Mehrheit die führende Rolle im Vorstande zu übernehmen hatten, sind mit der Widmung von Beträgen für soziale und kulturelle Zwecke bis an die äußerste Leistungsfähigkeit der Gemeinde, ja bis an die Grenze des drohenden Defizits gegangen. Wenn dabei zur Förderung der Aufbauarbeiten für P a 1 ä s t i n a in den letzten drei Jahren mehr a 1 s 150.000 S bewilligt wurden, dann wird man die mit unrichtigen Teilbeträgen operierenden Beschwerden von oppositioneller Seite wegen zu geringer Berücksichtigung dieser Zwecke gebührend einschätzen können. Glänzend bewährt hat sich aber auch die Finanzpolitik der Kultusgemeinde, die sich stets dessen bewußt blieb, daß angesichts der Uebersteuerung durch andere Faktoren die Steuerschraube bei unseren Gemeindemitgliedern nicht einfach ohne weiteres noch stärker angezogen \y erden könne, während die Not breiter Schichten eine erhöhteFürsorgetätigkeit zur Pflicht machte und auch die notwendige Erhaltung und Ausgestaltung der Einrichtungen für rituelle und Unterrichtsangelegenheiten wachsende Zuschüsse erforderlich machte. Möglichste Sparsamkeit suchte den Ausfall von zehntausend Steuerpflichtigen infolge Ablebens und des starken Konjunkturrückschlages wettzumachen. Obwohl die Zahl der Steuerträger rund 55.000 beträgt, kommen von diesen doch nur 45.000 ihren Pflichten nach, wobei rund ein Fünftel aller Steuerzahler so hoch besteuert ist, daß dieser Teil vier Fünftel der Gesamtvorschreibung zu zahlen hat. Dadurch, daß vor allem die Leute, die sich bisher der Steuerpflicht zu entziehen gewußt hatten, erfaßt, neue bisher ungenützte Steuerquellen erschlossen und bestehende besser ausgenützt wurden, gelang es bisher das Gleichgewicht im Gemeindehaushalt trotz der unablässig steigenden Auslagen zu erhalten, die heuer mit rund 6,000.000 S (gegen bloß 3,7 Millionen Schilling vor vier Jahren) veranschlagt sind. Nur ajlein diese mit höchster Sachlichkeit und Gründlichkeit arbeitende Verwaltung vermochte es, die Ordnung im Budget soweit aufrechtzuerhalten. In dem von den Vertretern der ,.U n i o n" vorgeschlagenen und durchgeführten Ansuchen an die Bundesregierung, um gleichwie für die Zwecke der anderen anerkannten Religionsgesellschaften vom Bunde angemessene Beitragsleistungen zu erhalten, dürfte ein Weg gefunden worden sein, nicht nur die Finanzlage der Wiener Kultusgemeinde, sondern auch aller übrigen Gemeinden dauernd zu entlasten. Wenn man bedenkt, daß die Mitglieder des Kultusvorstandes dieses vollgerüttelte Maß an Arbeit und Verantwortung ohne jede materielle Entschädigung auf sich nehmen — die Vertreter der „Union" wenigstens lehnen jede Besoldung entschiedenst ab, so sehr auch die Werktätigen mit Stadtratsgehalten liebäugeln —, dann sollte man meinen, daß für Angriffe gegen den bisherigen Kultusvorstand wohl kein Raum mehr bliebe. Welcher Dank wäre auch groß genug, um den führenden Männern des bisherigen Kultusvorstandes, welche an der Spitze ihrer Liste zu sehen die „Union" zur besonderen Ehre zählt, zu bezeigen, daß ihre gegen innere und äußere Schwierigkeiten und Hemmungen unter den schwersten Bedingungen geleistete Arbeit im Sinne der Tradition und zum Wohle der gesamten Judenschaft nach Verdienst gewürdigt wird. Zumindest aber dürfen sie doch erwarten, daß jeder, der die ruhige und sachliche Leitung der Kultusgemeinde vor gefährlichen Experimenten auf Kosten der Steuerträger, ja des Fortbestandes der Gemeinde bewahrt sehen will, nicht bloß selbst, sondern auch durch Werbung im Kreise von Freunden und Bekannten dazu beiträgt, daß am 2. Dezember die Liste der „Jüdischen Union" zum Siege gelange. Was will die Partei der „Jtidisdinationalen'? der „WerWütigen? der „Union"? 1 Die jüdische Volksgenieinde. 1. „Eroberung" der Kultusgemeinde für parteipolitische Zwecke. 1. Die israelitische Kultusgemeinde. 2. Nationale Minoritätsrechte. 2. Den Klassenkampf. 2. Gleichberechtigung und Frieden. 3. Förderung nationaler Zwecke. 3. Alleinbesteuerung der Besitzenden. 3. Gerechte Besteuerung; Verwendung der Steuern zu religiösen, kulturellen und Wohlfahrtszwecken. 4. Religion an zweiter Stelle. 4. Religion auf ein Nebengeleise. 4 Pflege des Kultus, Erziehung der Jugend und soziale Fürsorge im Sinne unserer alten Tradition. 5. Den Judenkataster. 5. Bezahlte Kultusräte. 5. Ehrenamtliche Arbeit 6. Wahlrecht ohne Steuerleistung. 6. Wahlrecht ohne Steuerleistung. 6. Wahlrecht gegen eine minimale, nicht einmal einen Schilling erreichende Steuerleistung. 7. Erziehung der Jugend zu nationalen Chauvinisten. 7. Erziehung der Jugend zum Marxismus. 7. Sittlich-religiöse Erziehung der Jugend.