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Die Wahrheit · 1928-11-30 · Heft 48 (30.11.1928) · page 13

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 48 (30.11.1928)
Date
1928-11-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
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DIE WAHRHEIT iiiBiilM Seite 13 Buche schon gar keine Rede; dort wird nur von dem „hohlen, gleißenden Intellektualismus" gesprochen. 3. Frau Gioetier verrät in ihrem Buche nicht, daß Spinoza ein „Vaterjude" sei: da die ganze famcse Untercheidung ledeiglich ihrer Phantasie entsprungen ist, so kann der Leser nicht wissen, ob Spinoza nun „Vaterjude", „Mutteriude" oder beides zugleich sei; es bleibt also dem findigen Leser überlassen, ob er Spinoza als „tot", geistig tot", „moralisch tot" stigmatisieren oder ob er alle drei Eigenschaften anwenden will. Jedenfalls wird Spinoza als ein zersetzender, todbringender und gefährlicher Jude dargestellt. 4. Nachdem Frau Groener offenbart hat, daß Spinoza „Vaterjude" sei, kommt die Ungeheuerlichkeit heraus, daß gerade Spinoza zu den moralisch Minderwertigen zu rechnen sei, Dem „Vaterjuden' spricht sie eine besondere „Wesensniedrigkeit" zu (Seite 85). 5. Statt die alten Widersprüche aufzuklären, verwickelt sich Frau Groener in einen neuen und noch größeren! Auf Seite 86 des Buches heißt es: „Immer nur kann der .Mutteriude' über des Vaterjuden Verworfenheit, der .Vaterjude' über des Mutterjuden ohnmächtiges Altklugsein Wertvolles uns mitteilen; uns selbst moralisch oder geistig zu fördern, das vermag kein Jud e." *) In der „Richtigstellung" gibt sie nun — im krassen Widerspruch hierzu — den geistigen Einfluß Spinozas auf Goethe zu und redet gar von „Geisteslebendigkeit". Vermag nun ein Jude moralisch oder geistig zu fördern oder nicht? 6. Solte Frau Groener durch meinen Aufsatz eines besseren belehrt sein und nunmehr „zubilligen", daß auch von einem Juden geistige oder moralische Förderung ausgehen kann, so wäre das ein schöner Erfolg. Sicherlich wird sie dann ihr gehässiges und demagogisches Buch zurückziehen, zumal ja auch die darin enthaltenen psychologischen Auslassungen sich nicht durch Richtigkeit auszeichnen, was ich an anderer Stelle nachweisen werde. II. In meinem Aufsatze stellte ich die Charakterisierungen Goethes gegenüber, die von Frau Groener und Frau Ludendorff gegeben v/erden. Es zeigte sich, daß derselbe Goethe einmal als der große und reine Führer zum Ariertum, das andere Mal als „charakterlich anfällig" und verjudet dargestellt wird. Auch an dieser Tatsachenfeststellung glaubt Frau Groener etwas „richtigstellen" zu müssen. 1. Frau Groener gibt in ihrer „Richtigstellung" ihre Meinung Über die Freimaurerei kund, Für die von mir herangezogene Tatsachenfeststellung ist aber die Frage nach dem „Urmötiv" der Freimaurerei gänzlich belanglos. Es ist nicht einzusehen, was diese Auslassungen Frau Groeners in einer „Richtigstellung" zu suchen haben. Die erheiternde Tatsache, daß Goethe von zwei Vertreterinnen völkischer Anschauungen das eine Mal auf die Seite des arischen Lichtes, das andere Mal auf die Seite der jüdischen Finsternis gestellt wird, kann durch die chönsten Erklärungen nicht aus der Welt geschafft werden. 2. Frau Groener meint in ihrer „Richtigstellung" Goethes Blick sei in bezug auf die Freimaurerei getrübt gewesen; „damit ist über ihn als Genie und als Edelmütiger noch nichts diesen Wesenszügen abträgliches ausgesagt". Goethe ist für sie „der Reine und Große", das Idealbild des Ariers. — Wir empfehlen Frau Groener die Lektüre der neuesten Schrift von Mathilde Ludendorfr: „Der ungesühnte Frevel an Luther, Lessing und Schiller" (1928); auf Seite 71—78 wird sie „bewiesen" finden, daß Goethe „für immer aus der Reihe der genialen Menschen ausscheidet", und daß die Juden und Logenbrüder dem deutschen Volke Goethe zum unantastbaren Heiligen gemacht haben". Nach Mathilde Ludendorff sind die späteren Werke Goethes „plumpe Verherrlichungen des Logensystems, wie das verworrene Werk ,Faust' II. Teil, das die leuchtenden Meister bis zur heutigen Stunde vergebens den klaren deutschen Geistern als Meisterwerk aufzuschwatzen versuchen" (Seite 78). Frau Groener sieht nun gerade in „Faust" „den Heiland der Weisheit und Vergottung" (Seite 68). Nach Frau Ludendorff ist jeder, der im „Faust" ein Meisterwerk sieht, ein in „Logenluft verdummter Geist" — kurz ein „künstlicher Jude". Also würde von Frau Ludendorff sogar Maria Groener zu den „Verjudeten" gerechnet werden. — Was ich in meinem Aufsatze bewies, daß die antisemitischen Schlagworte in ein Gestrüpp lächerlicher Widersprüche führen, bleibt also auch nach der „Richtigstellung" Frau Groeners voll und ganz zu Recht bestehen. Dr. Siegfried Weinberg, Berlin. *) Von uns gesperrt. Die Tätigkeit der Vertreter der „Union" im Kultusvotstand. In den Wahlaufrufen und Versammlungen der bisherigen Opposition und der neuauigetauchten Parteiungen fehlt es nicht an herabsetzender Kritik der Tätigkeit der Israelischen Kultusgemeinde, um im Gegensatze zu diesen absichtlich düster gehaltenen Schiiderungen das eigene Licht um so heller leuchten zu lassen. Papier ist geduldig und so kann auf der einen Seite die Steuer- und Verwaitungspolitik der Gemeinde Wien als Vorbild und Muster hingestellt werden, auf der anderen jeder Beschluß der Majorität, der den Herrschaften paßt, als das ausschließliche und alleinige Werk der betreffenden Wahlwerber. Umgekehrt verleugnen dieselben Leute ihre eigenen Beschlüsse, denen sie nachweisbar zugestimmt haben, wenn sie vermeinen, unpopuläre Beschlüsse den Vertretern der Union im Kultusvorstand in die Schuh? schieben zu können. Demgegenüber beweist der gerade zu; rechten Zeit erschienene Bericht der Israelitischen Kuitusgcmeinde Wien über ihre Tätigket in der Periode 1925—192^. daß die Verwaltung unserer Gemeinde, auch wenn man den strengsten Maßstab anlegt, keinerlei Vergleiche zu scheuen hat und der rigorosesten Untersuchung in jeglicher Richtung standhält. Dk Vertrcter der Union bekennen sich stolz zu diesem Werk und übernehmen für ihre Funktion als Mitglieder der Majorität die volle Verantwortung vor ihren Wählern wie vor jeder anderen Instanz. Der Aufwand der Kultusgemeinde für die Zwecke de^ Kultus hat sich in der ablaufenden Funktionsneriode des Kultusvorstandes nahezu verdoppelt. Der Voranschlag 1928 siebt für diese Zwecke S 918.120 gegen S 511.013 hu Jahre 1924 vor. Neben den Gemeindebethäusern standen für den täglichen Gottesdienst noch weitere 62 Vereinsbeihäuser zur Verfügung. Wenn da von einer Seite, der allerdings du;» richtige Verständnis für Kultusangelegenheiten naen ihren wiederholten eigenen Aeußerungen nicht eigen ist., die Idee einer „Eingemeindung" aller bestehenden Qebethäuser. einer „völligen Zentralisierung" vorgeschlagen wird, so ist dem zunächst entgegenzuhalten, daß die großen Beträge, die hierfür aufgewendet werden müßten, in der allgemeinen Wohlfahrtspflege augenblicklich eine wohl dringendere, bessere Verwendung finden. Wenn andere Gemeinden — unbekümmert um die Felgen — ihren Wirkungskreis weiter ausdehnen, muß durch Steuerdruck schärfster Art und Tariferhöhungen den ohnehin genug belasteten Steuerträgern dann alljährlich die schmerzlich wirkende Rechnung präsentiert werden. Auch das Erfordernis für die unter dem Titel „Unterrichtsangelegenheiten" zusammengefaßten Zwecke hat sich in der Berichtsperiode fast verdoppelt. Daß diese- Geld aber gut angelegt und richtig verwendet war. geht scheu daraus hervor, daß der Besuch der Jugendgottesdienste im Schuljahr 1927/28 nahezu 7 m a 1 so hoch war als im Jahre 1924/25. Daß auch viele Erwachsene durch die mehr als 40.000 Jugendlichen zum Tempelbesuche angeregt wurden, daß in den ganzen vier Jahren nur fünf Abmeldungen vom Religionsunterricht erfolgten, von denen drei übrigens wieder rückgängig gemacht wurden, das zeigt deutlich genug, daß der Religionsunterricht und die Pflege des Kultus auf der rechten Bahn sich bewegen. Das widerlegt schlagend alle mühsar; konstruierten Anwürfe gegen eine Verwaltung, die an 68 Ve seine jeder Richtung Subventionen für Unterrichtszwecke bewilligt und ein eigenes Referat für die jüdischen Jugendgruppen eingerichtet hat. Mehr als vierzig Jugendbünde stehen derzeit so unter ständiger Ueberwachung und Förderung der Gemeinde. Das ist gewiß nicht wenig. Der amtliche Bericht schafft endlich auch volle Klarheit in einer anderen mit Unrecht in die Wahlbewegung einbezogenen und vielerörterten Angelegenheit, der Frage de^ neuen Friedhofes, für den das Erfordernis mit deu Stimmen sämtlicher 35 Vorstandsmitglieder bewilligt wurde. Wenn semit alle im Kultusvorstand vertretenen Parteien einhellig diesem Beschlüsse zugestimmt haben, ist es unverantwortlich und geradezu unverständixh, daß jetzt im Wahlkampf von einzelnen dieser Parteien Waffen

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