Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 48 (30.11.1928)
- Date
- 1928-11-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Dlfe WAHfcHEIT Seit« ii ^^^^^^ÄÄ^^^^^^^^^* {^^^^^B^^^i^^jr xiP' ^^x, &<jfCfl^**Zr^ ^^^^^^m^/^s. Oberkantor J. ROSENBLATT und alle anderen jüdischen und hebräischen Lieder und kantoralen Gesänge. Auch Opern und moderne Schlagerplatten in größter Auswahl. Modernste Sprechapperate zu günstigen Zahlungsbedingungen» Kataloge gratis! RICHARD HERZOG nahen Sie schon „DIE JÜDISCHE NAHMT quellen des Vaterlandes uneingeschränkt offen stehen müssen, gleichwie den anderen, deren Vorfahren seit Menschengedenken auf diesem Boden hausen? Wir sprechen zum nichtjüdischen Mitbürger: „In deinem Staate wohnen wir, seinen Schutz nehmen wir in Anspruch, seine Hilfsmittel und Wohlstandsquellen stehen uns zur Verfügung, gleichwie dir, denn als Bürger sind wir-gleichberechtigt mit dir; wir sprechen und schreiben deine Sprache, nicht selten besser als du, in deiner Kultur leben und weben wir. Aber bei dem allen wollen wir mit dir nichts gemein haben, wir wollen deiner Nation nicht angehören, deine Berührung meiden wir als Befleckung, wir bilden eine besondere Nationalität für uns. Wir wollen uns hier als nationale Minderheit etablieren, wie wenn wir Tschechen, Slowenen, Kroaten, Magyaren oder Polen wären." Darauf könnte der nichtjüdische Mitbürger uns antworten: „Mit Verlaub, die anderen Nationalitäten sind mh mir verbunden durch das mächtige Band der Religion; wenn wir heute uns auch in den Haaren liegen, knien wir morgen doch gemeinsam vor demselben Altar nieder, sprechen dieselben Gebete, beichten vor demselben Priester, empfangen dieselbe Kommunion, empfangen von derselben liand die letzte . Ölung und ruhen nebeneinander friedlich auf demselben Gottesacker. Wenn wir national geschieden sind, sind wir. in der Religion geeint, wir sind Brüder, unsere nationalen Streitigkeiten sind im Grunde nur Familienzwistigkeiten, so scharf, sd blutig sie auch sein mögen. Häutig sind Angehörige der einander mit grimmiger Feindschaft befehdenden Nationalitäten durch die engsten Familienbande verknüpft. Alles das trifft bei dir Jude nicht zu. Wenn du nun auch noch national von mir geschieden sein willst, bist du mir nicht doppelt, ja völlig fremd, lediglich durch das oberflächliche und rohe Band des Staatsgesetzes vereint, das im Kern auf Zwang beruht und ephemer ist, denn in den Staat tritt man ein und aus dem Staat tritt man aus; vereint lediglich durch Stimm- und . Steuerzettel, deren Erwerb und Verlust sich in bestimmten Geldsummen ausdrückt?" Aber es gibt noch etwas, das den Juden von den anderen Nationalitäten unterscheidet. Jene sitzen auf ihrem Territorium seit unvordenklichen Zeiten, das Land ist ihre Urheimat, gleich wie die der Mehrheitsnation, sie haben nie in einem anderen Lande gewohnt und es ihre Heimat genannt, sie sind in ihr jetziges Wohnland nicht aus einem anderen Lande eingewandert, die Mehrheitsnation kann sie unterdrücken, verfolgen, vertreiben, aber ihnen nicht die Heimatberechtigung absprechen. In vielen Fällen ist die herrschende, die Mehrheitsnation die eingewanderte, die erobernd aus der Fremde herkam, die Eingeborene unterwarf und sie zur Minderheitsnation herabdrückte. „Aber du Jude," so spricht der Nichtjude zu uns, „bist du nicht erst gestern, nämlich frühestens vor wenigen Jahrhunderten hierher eingewandert? Wissen wir nicht alle, bezeugt nicht die Weltgeschichte, daß deine Urheimat Palästina ist und versicherst du nicht selber seit einigen Jahren in allen Tonarten, daß du auch nach dieser deiner Urheimat dich zurücksehnst und jeden Moment auf dem Sprunge stehst, dorthin wieder mit Kind und Kegel auszuwandern? Doch einstweilen, bis dieser große Tag kommt, willst du dich hier häuslich niederlassen, in doppelter Eigenschaft; als gleichberechtigter Bürger und zugleich als gesonderte Nationalität, und ich soll dir nicht nur jene Rechte einräumen, die jeder Fremde mit dem Steuerzettel erwerben kann, sondern es ruhig zulassen, daß du in Positionen trittst und Stellungen einnimmst, die für mein intimstes Seelenleben und mein zukünftiges Schicksal entscheidend sind. Ist das nicht ungereimt?4' So könnte der Nichtjude zu uns sprechen, wenn wir ihm mit der Forderung der Nationalautonomie und des Minderheitsausschutzes kämen. Es ist schwer, sich auszudenken, mit was für Gegenargumenten wir ihn widerlegen würden. Im Grunde ist es für den Nichtjuden vollkommen gleichgültig, ob wir uns subjektiv als Nation oder Konfession betrachten. Statistisch kann der Staat die Juden nur als Konfession erfassen, kein anderes Mittel steht ihm zur Verfügung. Wer aus d^r jüdischen Konfession austritt, ist dem Staate, dem Gesetze gegenüber kein Jude. So lange er aus der jüdischen Konfession nicht ausgetreten ist, bleibt er der Welt gegenüber Jude, gleichviel, ob er sich als Japaner, Araber, Hindu oder Zulukaffer oder aber als Nationaljude gebärdet. Der Begriff „jüdische Nationalität" ist nur die Kehrseite des Begriffes „jüdische Konfession". Der Umfang beider Begriffe ist genau derselbe. Was kümmert es die Welt, ob wir ihr die eine oder die andere Seite des Begriffes zuwenden? Im Wesen bleiben wir, was wir sind, eine Konfession, eine Glaubensgemeinschaft, aber wir erzählen den Leuten draußen, daß wir seit gestern eine Nationalität seien, und sind überzeugt» daß wir ihnen in diesem neuen Kostüm gewaltig imponieren. Wir übersehen eine Kleinigkeit: als Glaubensgemeinschaft sind wir die älteste der Welt, alle anderen Glaubensgemeinschaften leben von unseren Schöpfungen, unseren Offenbarungen, unseren Erinnerungen. Sogar die katholische Kirche verfehlt es nicht, der jüdischen Religion den Tribut der Ehrfurcht zu z illen, wie dies erst vor kurzem der regierende Papst s;hr nachdrücklich getan hat; aber als Nationalität sind wir viel jünger als die Litauer, Letten, Esten, Slowaken, Slowenen, Kroaten, Weißrussen, jünger sogar als Kuzowallachen und Albaner und die ähnlichen Kulturnationen, von denen es jetzt in Europa nur so wimmelt. Aber nicht nur jünger, sondern ungleich fragwürdiger. Denn alle diese Nationen und Natiönchen wohnen doch unstreitig im Lande ihrer Väter, wir aber wohnen gar nicht im Lande unserer Väter. Von den zirka 16 Millionen Juden wohnen noch nicht 160.000, also noch nicht der tausendste Teil in Palästina. Aber wir hüllen uns in das Pantherfell des Nationalismus, brummen nationalistische Kriegsgesänge und bemühen uns, den Nachbarn einzureden, daß wir eine von den nationalen Bestien sind, die gegenwärtig im Völkerwald herumschweifen und das Kulturleben unsicher machen. Betrachtet man dieses Treiben, so kommt einen die jüdische Anedote vom „C h o j s e k" in den Sinn. Chojsek, das Muster eines schlauen und scharfsinnigen Mannes kam einmal vom Feiertagsgottesdienst nach Hause und schrie triumphierend: „Die ganze Stadt hab' ich heute zum Besten gehabt; gehe ich da aus der Synagoge und trage ein Siddur bei mir, aber jedem, der mir in den Weg kommt, sag ich, es sei ein Machsor!" Nachzuweisen, welch große Schäden die nationalistische Phrase im religiösen, sozialen, kulturellen und politischen Leben der Juden bereits gestiftet hat, soll Gegenstand des folgenden Artikels sein. Hier will ich nur auf einen Punkt hinweisen. Nichts hat der Palästina -Idee so sehr in der Welt geschadet wie der jüdische Nationalismus. Es ist nämlich