Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1928-11-30 · Heft 48 (30.11.1928) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 48 (30.11.1928)
Date
1928-11-30
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064248-3064294--16758-3089526
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite IG i«n«M^ DIE WAfllRfi1i!n /Imtlkke T^lautlarungetv ikclnmditi^^ (grpy^r - - Vom Vorstande der israel. Kultusgemeinde Wien wird über Ersuchen der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg verlauibart: Aufruf! Am 12. April 1915 hat Herr Leo Silberschein, geboren den 7. Juni 1891, der Deutsch- Israelitischen Gemeinde Hamburg das ihm gehörige Sparkassabuch der Hamburger Sparkassa von 1827 Nr. 367.050, dessen Aufwertungswert etwa 55 RM. beträgt, zur Aufbewahrung übergeben. Gemäß den damals vereinbarten Bewahrungsbedingungen fordert die Deutsch-Israelitische Gemeinde Hamburg Herrn Leo Silberschein hiermit auf, sich unter Ausweis seiner Identität bei der genannten Gemeinde zur Wiederinempfangnahme des Sparkassabuches zu melden. Sollte Herr Leo Silberschein verstorben sein, so werden seine Erben aufgefordert, sich bei der Hamburger Gemeinde unter Nachweis seines Todes und ihrer Erbberechtigung zur Inempfangnahme des Sparkassabuches zu melden. Sollten weder Herr Leo Silberschein noch seine Erben diesem Aufruf entsprechen, so wird die Deutsch-Israelitische Gemeinde Hamburg 10 Jahre nach Abiauf des Weitkrieges 1914—1918 über das Sparkassabuch verfügen. Z. 5089 ex 1928 Kundmadteun^. Wahlen in der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Das Präsidium der Israelitischen Kultusgemeinde teilt mit Bezug auf die am 2. Dezember 1. J. stattfindenden Wahlen mit: Zufolge der Entscheidung des Bundesministeriums für Unterricht vom 22. November 1928, ZI 34079/Kultusamte-c werden die laut Kundmachung vom 19. November 1928 verlautbarten Wahlvorschlagslisten der Wählergruppe „Partei der nichtzionistischen werktätigen Juden" für die Wahl der Mitglieder des Vorstandes und der Vertrauensmänner der Kultusgemeinde als ungültig erklärt. Die Verlautbarung dieser Wahlvorschlagslisten ist somit hinfällig geworden. Stimmzettel, die auf die Wahlvorschläge der Wählergruppe „Partei der nichtzionistischen werktätigen Juden" lauten, sind ungültig. _ Wien, 23. November 1928. _>?• •. r\ 'X7\P*'- ■; Der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien: Professor Dr. Alois Pick, m. p. Der Bankerott der jüdischen Nationalitäten-Politik in Polen. Von Benjamin Segel. (Fortsetzung.) Und .dieses letztere wird ungerecht sein. Denn so phantastisch und windig der Nationalismus als Mittel zur Erhaltung oder Rettung des Judentums erscheint, so hat seine Entstehung und Entwicklung — abgesehen von einer ganzen Anzahl rein geistiger, kulturhistorischer, stimmungsmäßiger Umstände, die bei anderer Gelegenheit erörtert werden sollen, — eine sehr reale, politische und soziale Ursache, die nicht in Betracht zu ziehen, falsch und ungerecht wäTe. Entstanden ist und ausgebildet wurde nämlich der jüdische Nationalismus in Ländern, wo Juden zwischen zwei Nationalitäten lebten und von jeder einen zum Schaden der anderen in Anspruch genommen v/urden; in Rußland, besonder Litauen, in Ostgalizien und Böhmen. Dort standen sich Russen und Polen, Polen und Ukrainer, Tschechen und Deutsche im Kampfe gegenüber. Die Juden brauchten gar nicht am Kampfe direkt sich zu beteiligen, schon durch die natürlichen Funktionen des Daseins allein übten sie zugunsten der einen und Ungunsten der anderen Nationalität einen Einfluß aus, ob sie es beabsichtigten oder nicht. Wenn die Juden Ostgaliziens in einer von Ukrainern und Polen, die Juden Böhmens in einer von Tschechen und Deutschen bewohnten Gegend ihre Kinder in die polnische, resp. die deutsche Schule schickten undmit den Behörd;n in polnischer, resp. deutscher Sprache verkehrten, so stärkten sie den Einfluß der polnischen, resp. deutschen Nationalität gegenüber der anderen und zogen sich den Haß der entgegengesetzten Seite zu. Jede Nationalität hat Prätentionen an die Juden. Nur wurden die Juden überall natürlich von derjenigen Nation angezogen, die am frühesten eine städtische Kultur und ein bürgerlich-liberales Wesen entwickelt hat und deren politische und soziale Interessen mit denen der Juden konvergieren. Also in Ostgalizien von den Polen, in Böhmen von den Deutschen, in Litauen von den Polen und Russen. Der dadurch bei der gegnerischen Nationalität hervorgerufene Haß und Groll war umso erbitterter, als z. B. die Tschechen in Böhmen zu den Juden sagen konnten: „Damit, daß die Deutschen uns unterdrücken, müssen wir uns schon abfinden, aber daß Ihr Juden ihnen dabei mithelft, ist empörend. Ihr seid ja selber nur Eingewanderte hier, erst vor kurzem in den Besitz der Bürgerechte gelangt, vorhin wart Ihr ja Parias, rechtlose Fremde." Die gleiche Sprache tönte den Juden überall entgegen, wo sie zwischen zwei Nationalitäten lebten, von beiden hin- und hergezerrt. Ist es da zu verwundern, daß die Juden schließlich auf den. Gedanken kommen mußten, eine Nationalität für sich zu bilden, um von keiner als Peitsche oder Keil gegen die andere mißbraucht werden zu können, mit beiden in Frieden zu leben und von beiden Ruhe zu haben? Zwar überzeugt uns eine etwas tiefere Analyse, daß der Nationalismus ganz ungeeignet ist, die Juden aus der Lage zwischen Hammer und Amboß zu befreien, und die Erfahrung hat gelehrt, daß er stets ein Werkzeug in der Hand der Mächtigen war, um die Schwächeren zu unterdrücken und die Juden um so mehr dem allgemeinen Haß und der Verachtung preiszugeben. Allein man kann es wohl begreifen, daß in Ländern, die von zwei einander bekämpfenden Nationalitäten bewohnt sind, die in einer bedrängten Lage befindlichen Juden, ohne viel zu grübeln und in die ferne Zukunft zu schweifen, zu dem Auskunftsmittel griffen, sich als „dritte" Nationalität zu deklarieren, um auf eigenem Sessel und nicht zwischen zwei fremden Sesseln zu sitzen und von beiden Seiten geknufft und gestoßen zu werden. Was für einen Sinn aber der jüdische Nationalismus in einem Lande mit einer einheitlichen Bevölkerung haben soll, das ist nicht zu verstehen. Vergebens habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen. Soll die „Nationalautonomie" unseren Anspruch auf Heimatberechtigühg und bürgerliche Gleichstellung besser begründen und befestigen und uns vor Pogrom und Boykott besser schützen, als wenn wir „nur" eine gleichberechtigte Konfession sind und konfessionelle Autonomie genießen? Wenn wir zum konfessionellen Unterschied auch noch den nationalen fügen, wird uns dann der Nichtjude eher als seinesgleichen, als willkommenen und gleichberechtigten Genossen in Staat und Gesellschaft empfinden, dem alle materiellen und geistigen Hilfs-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.