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Die Wahrheit · 1928-11-30 · Heft 48 (30.11.1928) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 48 (30.11.1928)
Date
1928-11-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 niuiDiiiiiiiinuniiiiiiiiiiiiiii DIE WAHRHEIT auf die seelischen Momente Rücksicht genommen und ein Gebäude errichtet hat, das noch späteren Geschlechtern zur Ehre gereichen wird. Und noch ein Moment ist es. daß ich Sie bei der Beurteilung unseres Verhältnisses zu den .Werktätigen Juden' zu berücksichtigen bitte. Die Zeit nach dem Kriege war eine Zeit der großen sozialen und politischen Umwälzungen in zahlreichen Staaten. Auch unsere Glaubensgenossen haben an diesen Bewegungen mehr oder weniger Anteil genommen. Dieser Umstand hat, obwohl Nichtjuden in viel höherem Maße an den Umstürzen beteiligt waren, dennoch in zahlreichen Kreisen der Bevölkerung böses Blut gemacht und in manchen Ländern zu erheblichen Retorsionsmaßnahmen gegen uns Juden geführt; es sei nur an die Vorgänge in Bayern, Ungarn und an die Hakenkreuzbewegung in Deutschland erinnert. Ich habe die Besorgnis, daß auch bei uns in Oesterreich Gegenbewegungen entstehen könnten, wenn gewisse ultraradikale Elemente jüdischer Herkunft sich innerhalb der revolutionären Parteien allzusehr hervortun. Solche Elemente sind auch die .Werktätigen Juden' nationaler und antinationaler Gesinnung. Und nun bedenken Sie, welches Licht es auf das durchaus staatstreue Judentum werfen würde, wenn seine hervorragendste Vertretung in Oesterreich, die Wiener Kultusgemeinde, diesen ausgeliefert wäre." Baurat Kempler bespricht sodann an Hand der letzten Nummer der „Jüdischen Volkszeitung", des Organes der „Werktätigen Juden", den inneren Zerstörungsprozeß innerhalb dieser Partei und weist auf die sich im Zusammenhange damit abspielenden Vorgänge in der Parteipresse hin, die wir bereits in der verigen Nummer besprochen haben. Sodann wendete sich der Referent den Jüdischnationalen zu, über deren Verhältnis zur „Union" er sich folgendermaßen äußerte: „DerGedanke des Wiederaufbaues Palästinas ist nicht nationaler, sondern allein religiösen Ursprungs. Jeder fromme Jude betet zu Gott, er möge Jerusalem wiederaufbauen. Da es auch in unserem Kreise viele gibt, die den Wiederaufbau Palästinas wünschen, haben auch wir das Aufbauwerk unterstützt. Im Gegensatze zum Zionismus im,engeren Sinne halten wir jedoch den jüdischen Nationalismus für verfehlt und angesichts der weltpolitischen Lage des Judentums für vollkommen unhaltbar. Wir Juden haben die sittliche Pflicht, den Menschen das Beispiel der Toleranz vor Augen zu führen und sie auf den Weg der Menschlichkeit zu führen, nicht aber ihnen auf dem Wege des nationalen Chauvinismus zu folgen, der seit jeher unser größter Feind war. So sehr wir daher das Aufbauwerk im Heiligen Lande auch künftighin zu fördern bereit sind, so entschieden lehnen wir jeden Nationalismus und zumal den jüdischen als Juden und als Menchen ab." Baurat Kempler besprach sodann das Verhältnis der „Union" zu den übrigen wahlwerbenden Parteien und sagte: „Mit sechs Parteien in der Kultusstube kann man nicht tätig sein. Es muß eine entschiedene Arbeit nach der einen oder anderen Richtung vorhanden sein. Diese entschiedene Weiterarbeit an dem Wohle unserer Gemeinde verbürgt Ihnen die .Union', und ich bitte Sie daher, nur ihren Kandidaten Ihre Stimme am 2. Dezember zu geben." Die nächsten Redner, Rechtsanwalt Dr. Josef T i c h o, Börserat Ignaz Glück und Dr. Richard Baum präzisierten nun in mit großem Beifall aufgenommenen Reden den Standpunkt der „Union" gegenüber den anderen wahlwerbenden Parteien und gaben einmütig der Zusicherung Ausdruck, daß der 2. Dezember ein Sonntag der „Union" sein dürfte, wodurch die endgültige Ausschaltung jeder Politik aus der Kultusstube gewährleistet werden wird. Wie in den übrigen Union-Versammlungen, hat auch in dieser die Garde der grünen Jungen nicht gefehlt, welche im Auftrage der Gegenparteien die Versammlung vergeblich zu sprengen versucht haben. Wohl wäre es möglich gewesen, die jugendlichen Ruhestörer an die Luft zu setzen, doch wurde dies nicht getan, da man der Ansicht war, daß das unqualifizierte Benehmen dieser irregeführten Jugendlichen ein Propagandamittel für die „Union" darstellt, wie wir uns kein besseres wünschen können; denn, der das Treiben dieser Elemente' auch nur in einer der zahlreichen Versammlungen zu beobachten Gelegenheit gehabt hat, der wird sich mit Bestimmtheit sagen, das sind die Leute, die ich nicht wählen werde. Einen geradezu kläglichen Eindruck machte das Auftreten des Religionslehrers Markus Pick, der dem abtretenden Vorstand ein „Sündenregister" vorzuhalten versucht hat und als eine der schwersten Sünden des Kultusvorstandes die Unzulänglichkeit des Religionsunterrichtes bezeichnet. Selbst eni Max Reinhardt, der größte Meister der Masseninszenierung wäre blaß vor Neid geworden, wenn er gehört hätte, wie in diesem Momente in der aus vielen hundert Personen bestehenden Versammlung wie aus einem Munde der Ruf ertönte: ,J3ei solchen Religionslehrern wie Sie und Ihr. Bruder wäre es kein Wunder, wenn es anders wäre". Und das, was bisher niemand zustande gebracht hat, ist hierbei Herrn Religionslehrer Markus Pick gelungen, nämlich die Anwesenden aller Parteischattierungen zu einer Meinung zu bringen, was die einmütige Ablehnung von Reiigionsleforer Pick und Konsorten betrifft. Daß ihm der Obmann der Schulkommission, Herr Dr. Josef T i c h o, die entsprechende Antwort auf diesen unerhörten Angriff nicht schuldig geblieben ist, braucht wohl nicht gesagt zu werden. Mit seinen Angriffen auf das Fürsorgewesen hatte er noch weniger Glück; denn hier trat ihm G1 ü c k, ein im Fürsorgewesen erprobter Mann, entgegen, und die Art der „Abfertigung" machten auf den Angreifer einen niederschmetternden Eindruck und riefen in der Versammlung nicht endenwollende Beifallsstürme hervor. Zehn Gebote für den Wahltag. 1. Entledige Dich so früh als möglich Deiner Wahl- Pflicht am Sonnig, den 2. Dezember, der ein Schick-, s a 1 s t a g für das Wiener Judentum ist. indem Du das auf Deiner Wahllegitimation angegebene Wahllokal aufsuchst und dort Deine Stimme für die „Jüdische Union, vereinigte Parteien zum Zwecke der Ausschal« tun« jeder Politik aus der Kultusstube" abgibst. 2. Im Falle, daß eine größere Zahl Wähler vor der Wahlkommission warten sollte, um zur Stimmabgabe zugelassen zu werden, bringe das kleine Opfer, einige Zeit zu warten, bis auch Du an die Reihe kommst. 3. Vergiß nicht. Deine Wahllegitimation, irgendein Identitätspapier (Heimats-, Geburts-. Trauungsschein, Reisepaß usw.) und einen Stimmzettel der „Jüdischen Union, vereinigte Parteien zum Zwecke der Ausschaltung jeder Politik aus der Kultus st übe" für den Kultusvorstand und einen für die Vertrauensmänner mitzubringen. 4. Begib Dich in die Wahlzelle und lege dort die beiden Stimmzettel der ..Jüdischen Union, vereinigte Parteien zum Zwecke der Ausschaltung jeder Politik aus der Kultusstube" in das Dir vom Wahlleiter ausgefolgte amtliche Wahlkuvert, das sodann dem Wahlleiter wieder .übergeben wird. 5. Veranlasse am 2. Dezember alle Deine Bekannten, welche Kultuswähler sind, vor ihrer zuständigen Wahlkommission zu erscheinen und dort ihre Stimme für die ..Jüdische Union, vereinigte Parteien zum Zwecke der Ausschaltung j<eder Politik aus der Kultusstube" abzugeben. - Jedem Juden schaden Steuerdemagogie, Politisierung, Zersplitterung in der Kultusgemeinde! Darum wählet am 2. Dezember die Liste der „Jüdischen Union" (Prof. Dr. Alo«s Pick, Dr. Jakob Ornstein). Ihre Vertreter bürgen für Wahrung der religiösen Forderungen, ernste Arbeit und O'^nung |n der Gemeinde!

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