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Die Wahrheit · 1928-11-30 · Heft 48 (30.11.1928) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 48 (30.11.1928)
Date
1928-11-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Dit WAHRHEIT nminiiiiiiiHflni^^ Seite 3 Familienlebens abzielen, kann es ihr gleichgültig sein, wenn die jüdische Jugend statt in sittlich-religiösem in klassenkämplerischem oder nationalistischem Sinne erzogen wird, kann es ihr gleichgültig sein, wenn sie in ihrer Sorge für die religiösen Bedürfnisse und insbesonders für die traditionsgemäße Führung ihres jüdischen Hauses nicht mehr von der Kultusgemeinde in jener Weise unterstützt wird, wie dies bisher der Fall war? All dies und noch viel mehr steht am 2. Dezember auf dem Spiele, an jenem Tage, wo es sich entscheiden soll, ob unsere Gemeinde in der bisherigen traditionsgemäßen Weise geführt oder zu einem SDielball im politischen Kampf der Parteien gemacht und so ihrer eigentlichen Aufgabe entzogen werden soll Die jüdische Frau, welche die Beschützerin des Hausfriedens ist. kann unmöglich wollen, daß Kampf und Zwietracht in die Kultusstube einziehen, und wie sie ihre heilige Pflicht gemahnt, alle Gegensätze auszugleichen und alle Streitigkeiten von der Familie fernzuhalten, so muß sie auch dahin wirken, daß die Kultusgemeinde vor innerer Zersetzung bewahrt bleibt. Jede jüdische Frau hat daher die Pflicht, alle ihre Familienangehörigen, welche Kultuswähler sind, insbesonders aber ihren Gatten zu bestimmen, bei der Wahlurne zu erscheinen und am 2. Dezember die Partei der jüdischen Tradition, die Partei des inneren Friedens, nämlich die .Jüdische Union, vereinigte Parteien zum Zwecke der Ausschaltung jeder Politik aus der Kultusstube" (Prof. Dr. Alois Pick — Dr. Jakob Ornstein) zu wählen. Der Kampf um die Wiener Kultusgemeinde. Die Versammlungen, welche die „U n i o n" in der letzten Woche vor der Wahl veranstaltet hat, boten dasselbe Bild wie das der vorausgegangenen Wochen, nur daß die Zahl der Besucher noch größer, der Beifall, welchen die Redner der „Union" ernteten,, noch lebhafter und die Stimmung noch zuversichtlicher war. Ja, das äußere Bild, das die Vertrugen ihn die Leute. „Gut ist's!" antwortete Liepe und eilte weiter. Vor einem Haus außerhalb der Stadt blieb er stehen. Er atmete tief einigemal und murmelte ein kurzes Gebet in den Bart hinein. Dann ging er in den Hof, der mit Heuwagen bestellt war. Auf einem Wagen saß träge ein Bauer zwischen fünfundvierzig und fünfzig Jahren und sah fragend auf den Ankömmling. Liepe ging auf den Mann zu. „Guten Tag, Stashek! Wie geht's? Was machen die Kinder und die Alte, deine Alte meine ich? Und was machen die Kühe und die Schweine? Wahrhaftig, Stashek, du siehst gut aus! Gott gibt dir, was? „Ah, sieh' da — Liepe! Pscha Krew, bist du alt geworden — graue Haare und häßlich, du Ferkel! Wie lange bist du schon nicht hier gewesen, du alter Onkel! Aber geputzt bist du; Liepe, geputzt sag' ich, wie ein jüdischer Rabbi! Bist wohl reich geworden, heh?" - „Ah, was heißt reich geworden! Du weißt doch, Stashek, mein Bruder in Amerika — na, so ein paar tausend Körbe habe ich geerbt. Nicht viel, zehn, zwölf Tausender. Aber ich kann das Geld nicht halten: Häuser habe ich gekauft. Du kennst doch die große Synagoge, heh? Die ist jetzt mir — verstehst? Und der Brunnen daneben, du weißt doch.... Na Gott, man ist zufrieden! Und dir, Stashek, wie geht es? Auch gut? Gott sei Dank! Na, dir hat es ja nie gefehlt. Wie steht die Saat? Gut? Gott, sei Dank! Das Vieh auch gut? Gott sei Dank! Und die Töchter verheiratet?" „Jawohl, Liepe, alles ausgegeben. Jetzt lebe ich — — .sozusagen — dem Ende zu. Warum sagt du jedesmal ,Gott sei'Dank', freut dich das alles?" , „Und ob, Stashek! Warum sollen sich gutsituierte Leute eigentlich beneiden? Ich sehe nicht warum! Man soll sich vielmehr ab und zu unter die Arme greifen. Wenn du mal nicht ganz flüssig bist, Stashek, verstehst, wegen Geld und so — komme ruhig zu mir — wir werden schon sehen. Aber was ich noch sagen wollte: ich will da nebenan in Kikul ein Stück Sammlungen boten, konnte den Eindruck erwecken, daß es sich nicht um eine Kultus-, sondern um eine politische Wahl handelt, so lebhaft ging es in den Versammlungen zu, die wahrhaft Massenversammlungen waren und sich über alle Wiener Gemeindebezirke erstreckten. Besonders dann, wenn jugendliche Ruhestörer, welche scheinbar von einer gern ei n samen Zentrale aus und oft unter Führung eines bezahlten zionistischen Beamten in die Versammlungen der „Union" zu Sprengungszwecken dirigiert worden sind, durch laute Zwischenrufe und Lärm den ruhigen Fortgang der Versammlungen zu hindern versuchten, erreichte die Erregung ihren Höhepunkt. Das Benehmen, welches diese grünen Jungen an den Tag legten, war ein so abstoßendes, der Eindruck, welchen sie auf alle besonnenen Wähler machten, ein so abschreckender, daß sich jeder vernünftig denkende Mensch wohl hüten wird, Parteien seine Stimme zu geben, welche die jüdische Jugend in solcher Weise verführen und mißbrauchen. Das immerwährende Nachplappern derselben eingelernten Phrasen, das immerwährende Vorbringen der gleichen unsinnigen Schlagworte ist nicht nur ein Beweis des Mangels eigener Argumente, sondern noch mehr ein Zeichen dafür, daß unsere Gegner die Tatsachen, welche die Redner der „Union" ins Treffen führen konnten, nicht vertragen und sie deshalb in Lärm und Getöse zu ersticken versuchen; denn nur der, welcher nicht zu überzeugen vermag, versucht den anderen zu überschreien. Oft waren die jungen Burschen, welche von dieser Zentralstelle in. die Versammlungen geschickt wurden, kaum den Kinderschuhen entwachsen. Es war bei ihnen daher selbstverständlich auch nicht die nötige Reife vorauszusetzen, zu verstehen, um was es sich bei Kultuswahlen handelt. Doch bei den Führern der Wald kaufen — für zweitausend Rubel. Mir fehlen momentan noch sechshundert dazu. Wie wäre es, Stashek, kannst du vielleicht, heh? Nicht für lange — für sieben Wochen im ganzen..." Stashek kratzte sich das glattrasierte Kinn, dann sah er pfiffig auf Liepe. „Sechshundert? Und mit wieviel?" „Na, sagen wir — weil du es bist, Stashek — mit 10 Prozent..." „Mit 10 Prozent? Gut! Und die Sicherheit?" „Die Sicherheit? Ein Schuldschein auf mein Haus!" Stashek kratzte sich abermals das Kinn. Einige Minuten dachte er nach, dann sagte er entschlossen: „Gemacht, Liepe ■— komm' ins Haus..." Vom Tage an herrschte im Hause Liepes ein anderes Leben. Im Nu waren die drei Töchter verlebt, jede strahlte in ihrem Glück. Der Vater bewies in der Wahl der jungen Männer guten Geschmack und sorgte dafür, daß die Verlobungen bald gefeiert wurden. Und, was ganz Bobrownik in Erstaunen versetzte, eine Hochzeit fand nach der anderen statt, und zwar innerhalb von vierzehn Tagen. Und worüber man sich noch mehr wunderte, war die Tatsache, daß Liepe jeder Tochter 200 Rubel mitgab, was immerhin unter Armen nennenswert war. Aber über etwas wunderte man sich auch: daß täglich ein Bauer gegenüber der Synagoge stand und pfiffig vor sich hin pfiff. Er betrachtete stundenlang den hübschen Bau von allen Seiten und zog jedesmal mit einem schlauen Lächeln von dannen. — Wenn jemand in Bobrownik Gedanken lesen könnte, der hätte gewußt, was sich Stashek dabei gedacht hat. Nämlich: daß Liepe ein großer Narr ist — ihm einen solchen schönen Bau für lumpige 600 Rubel zu übereignen! Und Stashek hielt sein Geheimnis für sich, denn schlau muß der Mensch sein — was man hat, hat man.

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