Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 48 (30.11.1928)
- Date
- 1928-11-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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5tlte 2 BüBiuiBflnnw die WAHRHEIT den sie sich nicht scheuen, auch in die Kultusstube hineinzutragen. Die Gleichgültigkeit, welche sie selbst für die Religion empfinden, würde auch unsere Jugend anstecken und in deren Herzen jenen Gottesfunken zum Verlöschen bringen, welcher durch Jahrtausende gebrannt hat. Aber nicht nur unser Glaube und unsere Jugend sind in Gefahr, wenn eine der genannten Parteien zu maßgebendem Einfluß innerhalb unserer ehrwürdigen Gemeinde gelangen würde, sondern auch die Stellung, welche wir Juden in Staat und Gesellschaft einnehmen, wäre in höchstem Maße gefährdet. Aus diesem Grunde gibt es für uns gar keine andere Wahl als jenen Männern, welche durch so viele Jahre die Geschicke unserer Gemeinde erfolgreich geleitet haben, am 2. Dezember abermals das Schicksal unserer Gemeinde und damit unser eigenes jüdisches Schicksal in die Hände zu legen. Eingedenk ihrer Parole: „Für die Religion und gegen die Politik!" werden diese für die Fernhaltung jeder Politik aus der Kultusstube eintreten und frei von Klassenhaß und Nationalismus wie sie es bisher getan haben, für das Wohl unserer Gemeinde, für die Erhaltung unserer religiösen und humanitären Institutionen und für die sittlich-religiöse Erziehung unserer Jugend arbeiten. Viele Tausende jüdischer Kultuswähler haben sich an den letzten Kultuswahlen nicht beteiligt, weil sie die Führung der Geschäfte in guten Händen wußten. , Diesmal kommt es bei der Wahl gerade auf diese bisher gleichgültig gebliebenen jüdischen Mitbürger an. Diesmal wäre Fernbleiben von der Wahlurne. gleichbedeutend mit der Unterstützung politischer Parteien, deren Programme und Tendenzen die ruhige, traditionsgemäße und gedeihliche Arbeit selbstloser Männer zu stören geeignet wären. Es ist die Pflicht jedes Juden, der an das Wohl seiner Kinder denkt, jedes Juden, der nicht eine Schädigung seiner Glaubensbrüder herbeiführen will, am 2. Dezember an der Urne zu erscheinen um zu stimmen für die Liste der Jüdischen Union, Vereinigte Parteien zum Zwecke der Ausschaltung jeder Politik aus der Kultusstube, Prof. Dr. Alois Pick — Dr. Jakob Ornstetn Wiener Juden, dann wählt Ihr im Geiste Eurer Väter, dann wählt Ihr im Interesse Eurer Person, dann wählt Ihr zum Heile Eurer Kinder und zum Nutzen des Wiener Judentums! An die jüdische Frau! Auch für die jüdische Frau ist der 2. Dezember, an dem die Kultuswahlen stattfinden, ein entscheidender Tag. Bei der mannigfachen Art und Weise, in welcher die K u 11 u sgemeinde in das jüdische Leben eingreift, wird auch die Gestaltung des jüdischen Familienlebens oft in entscheidender Weise von ihr beeinflußt Kann es der jüdischen Frau gleichgültig sein, wenn Bestrebungen innerhalb unserer Gemeinde hervortreten, welche auf die Lockerung des S^uiU^bOM^ Die verkaufte Synagoge. Von Josef Kaplan. Fulda. „Bobrownik ist klein, und wenn man zufällig dort geboren ist und denkt daran in weiter Ferne — so muß man lachen . . ." (Frei nach Heine.) Wenn Sie unbedingt wissen wollen, wo Bobrownik liegt, dann nehmen Sie sich einen Globus vor, stellen Sie sich vor Berlin, suchen Sie ganz rechts oben im Reiche Pilsudskys ein kleines, winziges B — und Sie wissen nun, wo Bobrownik liegt. Das heißt, wenn Sie es finden, denn Bobrownik spielt nun mal keine Rolle in der Welt, und das B bei ihm ist das wichtigste, wenn man Briefe dorthin schreibt. Man muß nämlich stets anmerken: „bei" dort und dort. Sonst weiß sich die Post auch nicht zu helfen. — Aber nicht dies wollte ich hier mitteilen, sondern ein Ereignis, welches sich dort ereignet hat. Der Held dieser Geschichte heißt Liepe, ist ein kleines, schwaches Männchen mit pfiffigen Aeuglein, Plattfüßen (Achtung! für Rassentheoretiker!), zahnlosem Mund, und leidet, nebenbei bemerkt, an Hämorrhoiden, der ostjüdischen Nationalkrankheit Dieser Liepe ist ein reiner Unglückswurm und wird vom lieben Gott unverständlicherweise stiefväterlich behandelt Er bringt kaum das Notwendigste für eine Familie zusammen, läuft, redet, schwört, handelt, vermittelt — und alles, wie man sagt — für die Katz'. Außerdem hatte Liepe drei heiratsfähige Töchter, die ihm die Hölle heiß machten, jede murrte und knurrte und behauptete sechsmal täglich, daß andere Väter besser für die Zukunft ihrer Töchter sorgen, daß andere Väter Menschen seien. er aber, Liepe, sei kein Mensch, rein gar nichts. Solche und ähnliche Dinge warfen sie ihm an den Kopf. Liepe hörte alles seufzend an, betrachtete einige Falten und Runzeln auf der Stirne seiner ältesten Tochter, stellte fest, daß seine mittelste Jungfrau vier Zähne zu wenig hat und bedauerte die grünliche Gesichtsfarbe seiner Jüngsten. Dann setzte er sich in eine Ecke, nahm ein Thillimbuch zur Hand und begann laut und weinerlich Psalmen zu beten. Für die Töchter war dies jedesmal ein Zeichen zum Beginn eines neuen Bombardements, denn sie deuteten die Ergebenheit und Duldsamkeit ihres Vaters für Gleichgültigkeit und die drei Engel spien buchstäblich Feuer und Lava, gegen die bekanntlich auch Psalmen wenig helfen, wenn sich nicht Gott selbst hineinmischt und Abhilfe schafft Aber je mehr Vorwürfe auf den armen Liepe geworfen wurden, desto tiefer duckte er sich hinter sein Buch, und je lauter die Wölfe heulten, um so inniger wurde sein Gebet. — Für den lieben Gott war die Erfüllung seines Wunsches doch nur eine Kleinigkeit Er brauchte doch nur dreimal zweihundert Rubel, für jede Tochter einen Mann — und Liepe war gerettet und mußte nicht mehr seine tote Frau beneiden, die sorglos und geschützt in ihrem stillen Grabe ruhte. Es war an einem schönen Sommertag, als Liepe wieder einmal sorgenvoll und gequält nachdachte, wie er sich sein Dasein verbessern könnte. Er hatte alle möglichen Pläne durchdacht, dachte an das große Los., an irgendwo vergrabene Schätze, die er durch Zufall entdecken könnte — aber nichts, nichts, es war ja alles Luft. Plötzlich schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf! Jawohl, so muß es gehen! Er zog sich seinen Reservekaftan an, ölte sich die Stiefel, strich seinen Bart zurecht, rief den erstaunten Töchtern einige freundliche Worte zu und verließ strahlend das Haus. Mit schnellen Schritten durcheilte er die Stadt. Jeder blieb mit offenem Munde stehen, als er Liepe an einem gewöhnlichen Montag schabbesdig geputzt gehen sah. Liepe blinzelte fröhlich mit den Augen, für jeden hatte er ein „Wörtchen", einen Zuruf. „Was ist's?"