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Die Wahrheit · 1928-11-23 · Heft 47 (23.11.1928) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 47 (23.11.1928)
Date
1928-11-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
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ÖÜS WAHRHEIT nÄffiffirt^ Sej4d H nimmt. Er ist hierzu um so eher in der Lage, als er vom Stadtschulrat für Wien — einen Krankheitsurlaub erhalten hat. Wür wissen nicht, ob die Krankheit, an welcher der Genannte leidet, im Wahltieber besteht, was aber immer auch dem Herrn Religionslehrer fehlen möge — er wird sicher einen triftigen Grund für sein Fernbleiben von seinem Beruf haben —, immerhin sind wir bezüglich der Heilwirkung der politischen Hetze auf seinen Krankheitszustand sehr skeptisch und glauben auch nicht, daß Versammlungslokale das richtige Sanatorium darstellen. An den Stadtschulrat stellen wir. aber allen Ernstes die Frage, ob er es für angezeigt hält, daß Jugendbildner, welche zur sittlich-religiösen Erziehung der heranwachsenden Generation berufen sind, sich in dieser Weise im öffentlichen Leben betätigen und ob er durch sein Verhalten diesem Treiben auch noch Vorschub zu leisten gewillt ist? Und noch eine interessante Mitteilung wird uns von zuständiger Seite zuteil, daß Zöglinge dieses wahrhaft jüdischen Jugendbildners, welche bisher dem Jugendgottesdienst nicht besucht haben, während seines Krankenurlaubes in großer Zahl beim Jugendgottesdienst erscheinen. So hat so manche schlechte Sache auch ihre Lichtseiten. Qlerreix. Ein 'l elegrammwechsel: I. Rassenschützlerische ilochschüler der Pester Universität an hakenkreuzlerische Studenten der Wiener Universität: „Innigste, begeisterte Glückwünsche zu heldenmütiger Haltung gelegentlich der Republikfeier an der Universität! Hätten es hier selber nicht besser gemacht!" II. Hakenkreuzlerische Hochschüler der Wiener Universität an rassenschützlerische Studenten der Pester Universität: „Danken beglückt und stolz über solche ehrende Anerkennung unserer edlen Vorbilder und Meister." * * Ein Salzburger Hakenkreuzlerblatt feiert den zehnjährigen Bestand unserer Republik in einem Artikel mit — Trauerrand. Es ist schwer denkbar, daß eine Zeitung während des Bestandes der Monarchie die freche Schamlosigkeit gewagt hätte, eine Jubelfeier des Staates derart zu verunglimpfen, aber ganz unmöglich erscheint der Gedanke, daß ein solches Blatt in die Lage gekommen wäre, eine solche Infamie zu wiederholen. Ein Hakenkreuzlerblatt glaubt aber auch in der Republik gegen die Republik ungehindert und ungestraft alles unternehmen zu dürfen, ja diese Jubelfeier zum ausschließlichen Festtage „der asiatischen, jüdischen Wüstenbrut" zu stempeln. Der Staatsanwalt, der zweifellos in der Republik wie einst in der Monarchie der gesetzlichen Verpflichtung eingedenk ist, das Ansehen des Staates gegen jede Schmähung zu schützen, mag von einem unüberwindlichen Gefühl des Ekels übermannt, der Meinung sein, daß die geistigen Exkremente des Salzburger Hakenkreuzlerblattes am besten durch schweigende Verachtung gestraft werden. Man verliert ja auch kein Wort darüber, wenn ein räudiger Köter das Bedürfnis empfindet, just am Sockel eines herrlichen Monumentes sich in seiner Weise zu äußern. * * * Graf Czernin, der letzte Minister des Äußern in der österreichisch-ungarischen Monarchie, war bekanntlich vor einiger Zeit wegen antisemitischer Ausfälle gegen jüdische Schieber in seinem „Tagebuch" öffentlichen Angriffen ausgesetzt. Se. Exzellenz sah sich bald darauf veranlaßt, in der „Neuen Freien Presse" eine Erklärung zu veröffentlichen, in der er versicherte, daß man seine Äußerungen zu seinem größten Bedauern mißverstanden habe. Es gab damals manche ansonst des Schreibens und des Lesens Kundige, die es nicht kapierten, wie hier ein Mißverständnis entstehen konnte. Graf Czernin erfährt, seitdem in verschiedenen Prozessen von seinen Geschäften die Rede war (vor einigen Tagen hörte man wieder von den Häuserkäufen in Berlin) eine große Genugtuung. Jetzt bezweifelt wenigstens niemand mehr das „größte Bedauern", zu dem der Herr Graf durch sein „Tagebuch" gelangt ist. Herr Theodor Fritsch hält, gleich Ludendorff, in seinem „Hammer" mit anerkennenswertem Mute noch immer an der Überzeugung fest, daß die „Protokolle der Weisen von Zion" echt sind. Aber es ist ihm vielleich doch schon etwas unbehaglich, von allen Seiten hören zu müssen, daß sich in deutschen Landen kaum noch ein dritter findet, der unter Nennung seines Namens offen dieses vertrottelte Machwerk für ein echtes Dokument erklärt. Nun hat sich der Dritte, allerdings mit einer gewissen Reserve, gemeldet, das ist Herr Ernst v. Wolzogen, der seinen 80. Geburtstag mit einem von Gift geschwollenen Artikel gegen die Juden feiert. Da heißt es unter anderem von dem Buche eines jüdischen Schriftstellers, es sei in demselben nirgends die Rede „von all den wichtigen Punkten des jüdischen Kriogsplanes wider den deutschen Geist, der in den angeblich gefälschten Protokollen mit zynischer Offenheit entwickelt wird." Herr v. Wolzogen weiß ganz genau, daß die hervorragendsten deutschen Gelehrten in ihren Gutachten über die „Protokolle" auch nicht einen Schimmer der Möglichkeit übrig ließen, daß hier etwas anderes als ein von antisemitischen Fälscherhänden zusaminengeschartes Sammelsurium von Lüge, Tücke und Blödsinn vorliege. Aber Herr v. Wolzogen versucht „angeblich" aus eigener ehrlicher Überzeugung, wahrscheinlich aber mehr Herrn Fritsch zuliebe, dieses vernichtende Urteil dadurch abzuschwächen, daß er von „angeblich" gefälschten Protokollen spricht. * * Ein mir Unbekannter fühlt sich in der „Jüdischen Volkszeitung" gedrängt, einigen harmlosen Bemerkungen, die ich vorige Wroche an dieser Stelle äußerte, entgegenzutreten. Ich erkläre feierlich, daß es mir nicht im Traume einfällt, den Mann auch nur durch einen Beistrich zu verletzen. Ich nehme an, daß er ein loyaler Staatsbürger, ein guter Jude und ein biederer Charakter ist; ich gehe noch weiter, ich glaube, daß er, falls er verheiratet ist, der zärtlichste Gatte, und wenn er so glücklich ist, Kinder zu besitzen, der treueste Vater ist. Aber um Himmelswillen, was ficht ihn an zu schreiben und noch dazu es drucken zu lassen? Zum Schreiben gehört doch auch etwas anderes als Papier, Tinte und Feder, die bekanntlich alle geduldig sind, was ich leider von mir nicht behaupten kann. Und dann noch, bei aller Bescheidenheit, warum erwidert er mir just auch in „Glossen"? Ich will nicht unbescheiden werden. Ego

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