Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 47 (23.11.1928)
- Date
- 1928-11-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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leite 10 Mfflffl^ DIE WAHRHEfl unentbehrliche Bemühungen wirken besten Falles nur für den ersten Gottesdienst; versagt hier die Wirkung auf das Kind, so wird es nicht wieder kommen, das gilt wenigstens vom Durchschnitt unserer Schüler. Wir können mit Genugtuung feststellen, daß trotz schlechten Wetters und anderer ungünstiger Umstände der Besuch unseres Jugendgottesdienstes in der Lcopoldstadt zugenommen hat. Was fesselt das Kind an den Jugendgottesdienst? Für das Kindergemüt ist von großer Wichtigkeit schon der Rahmen, die Aufmachung; der imposarüe Tempel ist hell erleuchtet, das Kind hört den Oberkantor wie den gesamten Chor zu Herzen gehende, erhebende Gebete und Gesänge vortragen. Das einleitende .,A sehr e" tragen Kinder vor, beim Umzüge der Thora begleiten sie mit dem Tallis bekleidete Schüler. Die Gebete werden so vorgetragen, daß die Schüler Wort für Wort in ihren, von dem Schulamte der Kultusgemeinde in neuer Bearbeitung aufgelegte Gebetbüchern folgen können. Und der Würde des Gottesdienstes entsprechend, sind stets Herren des Bethausvorstandes zugegen, um gewissenhaft ihres Amtes zu walten. Den Mittelpunkt des Ganzen bildet aber die Predigt unseres Herrn Rabbiners; sie wirkt deshalb so durchschlagend, weil sie streng genommen keine Predigt ist. Es ist ein Zwiegespräch mit Hunderten von Kindern, das jedes Kind von sechs oder sieben Jahren aufwärts zu fesseln weiß, weil es durch den Prediger zur geistigen Mitarbeit herangezogen wird. Dieser Jugendgottesdienst ist nicht ein Gottesdienst für Kinder, sondern ein Gottesdienst, an dem die Kinder aktiv mitbeteiligt werden. Die Kinder kennen daher keinen Moment der Abspannung, der Langeweile, empfangen sie doch in einer Form, die dem kindlichen Fassungsvermögen gerecht wird, Belehrung und Anregung zu religiösem Tun. Sie zeigen nicht nur offensichtlich Freude an dem Gebotenen, sondern nicht geringe Freude, daß sie aus ihrem Wissen auf die von dem Rabbiner gestellten Fragen Bescheid wissen. Mit dieser Art von Jugendgottesdienst wird das Menschenmöglichste getan, um die Institution als solche zu erhalten und auszubauen. Aber noch mehr! Die in der Predigt gegebenen Weisungen fallen auf fruchtbaren Boden; in manchen Familien, in denen bisher keine Sabbatkerzen angezündet wurden, bittet das Kind die Eltern am Freitage um Geld, um selbst die Schabboslichter beschaffen zu können. In unserem jüdischen Elternbund für den 2. Bezirk kam es neulich zu einer Diskussion, in deren Verlauf Herr Rabbiner Dr. Max G r u n w a 1 d Worte sprach, die v/ert sind, festgehalten zu werden,, weil sie unseren Gegenstand beleuchten. Auf allerhand weitgehende Wünsche, die von einem Vorstandsmitgliede geäußert worden waren, erwiderte Herr Dr. M. Grunwald: „Anstatt Tauben auf dem Dache nachzujagen, die nicht immer Friedenstauben zu sein pflegen, sollten wir uns mit dem Sperling in der Hand begnügen. Solange es noch möglich ist, an die Schuljugend der ersten Jahrgänge heranzukommen, müssen wir alles andere beiseite ä stellen und uns nur der einen Politik widmen: Wie fesseln | wir diese Kinderherzen an unser Judentum, wie schaffen wir I ihnen Lust und Freude an demselben? Dabei betonen wir h gar nicht das Wort Religion, daß manchem Ohre nicht ge- \ nehm ist und uns darum im Wege ist, weil die Gegner % Religion und Judentum mit Klerikalismus und Dogmenzwang q identifizieren. Wir wollen nur unsere Art erhalten, unsere Sj gute und alte jüdische Art, die zu pflegen unsere Aufgabe I ist, so wahr wir Juden heißen wollen. Zu dieser Pflege 3 gehört gewiß die Kenntnis unseres Schriftums und unserer ij Geschichte, sie vermitteln, was wichtiger ist als alles Wissen, $j die Wirkung auf Herz und Gemüt. Unsere Kinder sollen j| fühlen, wie unsere Väter gefühlt haben, sie sollen jüdisch i empfinden, wenn sie vor den Rätseln des Lebens stehen und |j an die Macht denken, von der wir beherrscht und geleitet werden, jüdisch, wenn die Pflicht gegen die Mitmenschen an j*t sie herantritt. Es ist leicht, über die jüdischen Eltern zu;| sprechen und, was man alles von ihnen für ihre Kinder verj langen müsse. Aber der, der gewohnt ist zu diesen Eltern 's zu reden und aus Erfahrung weiß, wie wenig es fruchtet, der wird es vorziehen, zu ihren Kindern zu reden, die werden uns die Eltern bringen. Und wenn die Engländer aus einem 1 nackten kahlen Felsen Malta geschaffen haben, so dürfen i auch wir nicht mutlos werden, auch wir müssen auf unfruchtbarem Boden erst das Erdreich schaffen, aus dem wir für die Zukunft die Früchte ziehen können." i Mit diesen Worten hat Herr M. Grunwald ins! Schwarze getroffen. Ich teile vollkommen seinen Optimismus; \ so mancher Weg zu den Herzen, unserer Glaubensgenossen, ,,. der in früheren Zeiten offen stand, er ist uns versperrt; j f darum pflegen wir mit aller Kraft den einzigen der uns offen! 'f geblieben ist; der Weg zum Herzen der Eltern geht durch das Kind. Das Kind uns zu gewinnen und zu erhalten, darf uns kein Opfer zu teuer und keine Arbeit zu beschwerlich sein. Bethausvorsteher Sigmund Ernst, Vorsteher der Bibelschule II. Momentaufnahmen. In einer überaus gut besuchten Wählerversammlung, welche am 19. d. M. im „Bayrischen Hof" stattfand, brachte Herr Baurat Wilhelm Kempler aus der alten „Jüdischen Volkszeitung", welche aber die neue ist, im Gegensatz zur neuen, die die alte geblieben ist, folgende Stelle aus einem „An unsere Leser" betitelten Aufruf vom 13. November zur Verlesung: „Dieses Blatt, die „Jüdische V o 1 k s z e i t u n g", erscheint in einem anderen Format, wir möchten sagen: in einem neuen Gewände, und wir geben der nach unserer Ansicht berechtigten Hoffnung Ausdruck, daß vor allem auch ein neuer Geist in diesen Spalten seinen Einzug feiern wird . . . Wir haben das Blatt aus den Händen unserer Vorgänger übernommen, die gezwungen wurden, die Redaktion zurückzulegen. Die vormalige Schriftleitung der Zeitung hat sich ausschließlichvon ihrenprivaten und rein subjektiven Auffassungen und Stimmungen, hauptsächlich beeinflußt von persönlichen Abneigungen gegen einzelne Menschen, in der Hauptsache leiten lassen, ohne Rücksicht darauf, ob durch diese unbedingt verwerfliche Richtung ein allgemeines und öffentliches Interesse gefährdet erscheint oder nicht. Wir werden uns von diesen bedauerlichen Verirr u n g e n, die schon Unheil genug gestiftet haben, grundsätzlich ferne halten. Wir hoffen, daß dieses Blatt, das jetzt und in Zukunft von selbstlosen Menschen mit reinen Absichten und mit reinen Händen geleitet und geschrieben werden wird, ein immer inniger werdendes geistiges Band zwischen uns, unseren Lesern und den Mitgliedern der Vereinigung werktätiger Juden bilden soll . . ." Wenn die neuen Redakteure dieses Blattes des besonderen betonen zu müssen glauben, daß dieses Blatt, „jetzt und in Zukunft von selbstlosen Menschen mit reinen Absichten und reinen Händen geleitet werden wird", dann kann man sich ungefähr vorstellen, wie die Absichten und die Hände ihrer Vorgänger beschaffen gewesen sein mögen. In der gleichen Versammlung versuchte auch Religionslehrer Markus Pick dem bisherigen Kultusvorstand ein — wie er sich ausdrückte — „Sündenregister" vorzuhalten. Die erste „Sünde" ist darin gelegen, daß äen Frauen noch immer das passive Wahlrecht verweigert wird. Börserat Glück war daher gezwungen, den Herrn Religionslehrer über verschiedene das Judentum betreffende Tatsachen aufzuklären, deren Kenntnis man von jedem Juden und zumal von einem jüdischen Religionslehrer voraussetzen müßte. Die zweite „Sünde", welche Herr Pick dem abtretenden Kultusvorstand vorwirft, ist, „daß nichts für die jüdische Jugenderziehung geschehen sei". Mit Recht konnte He_rr Dr. Ticho, der Obmann der Schulkommission der Kultusgemeinde, dem Interpellanten zur Widerlegung seiner Anschuldigung eine Tatsache entgegengehalten, von dej er allerdings keine Ahnung haben konnte, nämlich die bedeutenden Fortschritte des Jugendgottesdienstes. Daß ihm dies nicht bekannt war, ist nämlich darin gelegen, daß der Interpellant zu jener Gruppe von Religionslehrern gehört, welche die Bestrebungen der Gemeinde in dieser Richtung sabotieren und „selbstverständlich" keinen jugendgottesdienst besuchen. Den angeblichen Rückgang des Religionsunterrichtes beantwortet die Versammlung einstimmig mit dem Rufe: „Weil wir Religionslehrer wie die Brüder Pick haben." Die dritte „Sünde" der Gemeindeverwaltung liegt darin, „daß es in Wien hungernde und frierende jüdische Kinder gebe". Keiner war berechtigter, diese ebenso gehässige, als kurzbeinige Unwahrheit zu widerlegen als gerade jener Mann, welcher sich um die jüdischen Kinder die größten Verdienste erworben hatte, nämlich Börserat Glück, der unter dem frenetischen Beifall der Anwesenden die Leistungen der Kultusgemeinde für die jüdischen Schulkinder hervorhob, und dem Herrn Religionslehrer, der immer von seinen Empfehlungen der Gesuche sprach, eine Empfehlung gab, welche wahrhaft keine Empfehlung ist. * Nebenbei soll hier angemerkt werden, daß der Bruder des Interpellanten, der ebenfalls städtischer Religionslehrer ist, an der Wahlbewegung auch „werktätigen" Anteil