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Die Wahrheit · 1928-11-23 · Heft 47 (23.11.1928) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 47 (23.11.1928)
Date
1928-11-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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DIE WAHRHEIT fflMtiM Seite ¥ gemeinden, Verwaltungsgemeinden zu schaffen. Bei den Juden ist bekanntlich das Gegenteil der Fall.. Wie liegen nun in dieser Beziehung die Verhältnisse bei den Juden? Welches ist die Nationalitätensprache der Juden? Hebräisch oder Jiddisch? Die Frage ist noch lange nicht entschieden und erst von kurzem entstand in Tel- Aviv, wo einer einen jiddischen Vortrag halten wollte, zum xten Male eine wilde Schlägerei, die an die schönsten Kämpfe im einstigen Böhmen zwischen Tschechen und Deutschen erinnerte. Es ist zwar gelungen, einem beträchtlichen Teil der jüdischen Massen in Polen einzureden, daß das Judentum in Gefahr sei, unterzugehen, wenn sie sich nicht mit aller Qewalt bemühen werde, das Jiddische (früher nannte man es etwas unhöflich: Jargon) zu retten, und es entstand eine ganze Anzahl von Volks-, auch ein paar Mittelschulen in jiddischer Vortragssprache; auch Schulen mit hebräischer Vortragssprache gibt es. Allein, es unterliegt keinem Zweifel, daß diese Schulen keine Zukunft haben, obwDhl die Regierung für beide Kategorien jüngst ziemlich namhafte Summen ins Budget einsetzte. Das ist ja schon einmal dagewesen. Hat man schon das C h e d e r vergessen? Dieser Schultypus hat in Deutschland bereits etwa vor 80 Jahren ganz zu existieren aufgehört, in Polen nähert es sich seinem baldigen Ende. Im Cheder wurde nur Hebräisch und Jiddisch unterrichtet. Aber es erzog — besonders in Polen — vollständige Lebenskrüppel, die sich später in der Welt nicht zurechtfinden konnten. Am Ende ging ein Geschlecht hervor, welchem das Hebräische und das Jüdische so tief in d~r Seele verhaßt war, das die Intelligenz ihren Stolz darein setzte, keinen Vers in der Bibel lesen und mit einem Juden, der nur Jiddisch konnte, keine Unterhaltung führen zu können. Allerdings lernte man im Cheder keine einzige weltliche Wissenschaft, in den hebräischen und Jargonschulen aber lernt man alle Qegenstände der staatlich-öffentlichen Schule, nur in hebräischer oder jiddischer Sprache. Aber glaubt jemand, daß ein Schüler, der eine hebräische Volksschule und ein hebräisches Gymnasium absolviert hat, auf einer anderssprachigen Universität den. in dieser Sprache erzogenen Kommilitonen ohne Schwierigkeiten nachkommen und seine Fähigkeiten voll entwickeln kann? Wird er nicht im späteren Leben bei der praktischen Ausübung seines Berufes von denen überflügelt werden, die von Anbeginn in der Handhabung der Landessprache geübt sind? Die Krönung eines Volks- und Mittelschulsystems ist übrigens die Hochschule. Warum fordert man eine solche nicht, gleichwie die Ukrainer es mit gutem Erfolg haben? Oder sollen etwa die jüdischen Abiturienten nach Jerusalem an die dortige hebräische Universität gehen um von dort als fertige hebräische Ärzte, Juristen, Techniker, Lehrer, Apotheker in Europa ihren Beruf auszuüben unter einer Bevölkerung, mit der sie sich nicht einmal werden sprachlich recht verständigen können? Niemand würde solches sehnlicher herbeiwünschen als die polnischen Antisemiten der Nationaldemokraten, denn dadurch würden sich die Juden von selber aus dem Wettbewerb im wirtschaftlichen Leben ausschalten. Im Herbst 1918 entwickelte der hervorragende Führer der Nationaldemokraten Prof. St. M i c h a 1 s k i in einer zu Lausanne gedruckten Broschüre „Solutisce de la question juive en Pologne" den ausführlichen Plan, wie die Juden in hundert Jahren bis auf den letzten Mann aus Polen hinausgedrängt werden sollten; das Hauptmittel hierzu war, den Juden als Nation vollständige Autonomie zu gewähren, mit tinem System hebräischer Schulen vom Kindergarten bis zur Universität . . . Darum haben die polnischen Antisemiten jetzt gar kein Jammergeschrei erhoben, als die Regierung den hebräischen und jüdischen Schulen eine Subvention gewährte ... Sobald dies? Schulen ihre Arbeit getan haben weiden, wird es sich herausstellen, daß ihre Absolventen die Schulkenntnisse praktisch zu verwerten nicht imstande sind, daß ihre mangelhafte Kenntnis der Landessprache ihnen ein Hindernis im Leben ist, gleichwie ihren im Cheder erzogenen Vorfahren, und daß das mit so großen Opfern erworbene „weltliche" Hebräisch nur zu rasch ihrem Gedächtnis entschwindet, denn eine Sprache, die man im Leben nicht anwenden kann, fällt rasch der Vergessenheit anheim. Reue und Groll über die verlorene Zeit und Kraft wird entstehen und daraus wird ein Haß gegen das arme Hebräisch und den unschuldigen Jargon erwachsen, im Vergleich mit dem der Haß gegen die Epoche des Cheder ein Kinderspiel war. Das ganze System des jüdischen Nationalismus mit seinem „Minderheitsschutz" wird als eine traurige und lächerliche Verirrung erscheinen, über seine Urheber wird man den Stab brechen. (Fortsetzung folgt.) S. Gruners *m Restaurant II., Zirkusgasse 30 Telephon R 43-1.60 VorzUgl. Wiener, ungarische und orientalische (rumänische) Kttche. Mittag und Abend MenU nach Wahl. Erstklassige Getränke. Unser Jugendgottesdienst. Eine der wichtigsten Aktivposten in dein Rechnungsabschlüsse des jetzt ausscheidenden Kultusvorstandes ist der Jugendgottesdienst, wenigstens in der Form, wie er in unserem großen Leopoldstädter Tempel geübt wird. Ein besonderer Gottesdienst für die Jugend ist bei uns in Wien nichts Neues; bis zum Kriege wurden diese Gottesdienste entsprechend besucht, da sie einen schulöffentlichen Charakter hatten. Der Religionslehrer war beim Gottesdienste zugegen, in der Schule ermahnte er zu seinem Besuche, Fehlende durfte er zur Rechenschaft ziehen. Das hat sich nun geändert. Die Religionslehrer haben nicht mehr die Pflicht, ja, wie manche unter ihnen unter Berufung auf einen schulbehördlichen Erlaß irrtümlich behaupten, auch nicht einmal das Recht, von der Schule aus auf die Schüler in dieser Richtung einzuwirken. Aber es geschieht noch mehr; soweit wir Aussagen von Schüler Glauben schenken dürfen, gibt es auch Religionslehrer, die ihre Schüler in entgegengesetztem Sinne zu beeinflussen versuchen. Nun wissen wir, welche Rolle der Stellungnahme des Religionslehrers in der Einstellung der Eltern zufällt; alles dreht sich um die Religionsnote; die daif unter keinen Umständen den Ausweis „v e r s c h a nd e 1 n". Bei solcher Haltung eines Teiles der Lehrer die Scheu der Eltern zu überwinden und die Teilnahme der Kinder an dem Jugendgottesdienste zu erwirken, ist nicht so leicht. Hierzu kommt die tatsächliche Ueberbürdung der Kinder mit Schule-Nachhilfeunterricht, Musik und Sprachstunden, im Sommer die von den Schulen veranstalteten Ausilüge und allerhand private Jugendspiele, das Interesse an den sportlichen Kampfspielen, ganz besonders aber der allgemein wahrnehmbare Rückgang des religiösen Interesse und nicht zuletzt im Schüler selbst das Bewußtsein; du hast es nicht nötig, in den Tempel zu gehen, niemand fragt dich danach, niemand kontrolliert dich. Um so erfreulicher ist es, wenn der großen Tempel nicht nur durch die Kinder vollbesetzt wird, sondern wenn auch ebensoviele Väter und Mütter erscheinen. Was diese Eltern herführt, ist ein sehr richtiges Empfinden; sie kommen nicht, um etwa durch ihre Anwesenheit die Disziplin unter den Kindern zu heben; diese ist tadellos und wenn einmal bei den Kindern eine nicht immer vermeidbare, naturgemäße Unruhe entstehen will, reichen die Lehrer und Lehrerinnen, die hier vorbildlich und unauffällig die Aufsicht führen, vollauf hin, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Diese Eltern kommen zum Jugendgottesdienst zum Teil vielleicht, weil sie am Samstag Nachmittage eher Zeit für den Tempelbesuch finden und weil sie der Gottesdienst anzieht, zum überwiegenden Teile aber deshalb, weil sie das Gotteswort, das sie mit ihrem Kinde gemeinsam hören, fallweise dann gemeinsam besprechen und wo es nottut, dem Kinde näher erklären können. Der Kultusvorstand hat nun versucht, durch einen gedruckten Appell an die Eltern, den Besuch des Jugendgottesdienstes zu heben. Er will, was Noah (Mannheimer) Abraham (Jellinek) und Moseh (Güdemann) geschaffen haben, neu aufleben lassen. Aber solche an sich durchaus zweckmäßige, ja Fneltiiier i tatst WIEN |.9 Seite nst«tt**gasse 2 Ter. U 28-1-28 XI., Zentralfriedhof, neben dem 1. Tor, Tel. U 18*0-83

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