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Die Wahrheit · 1928-11-23 · Heft 47 (23.11.1928) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 47 (23.11.1928)
Date
1928-11-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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FERNSPRECH-NUM MER R 45-1-91 HOBELFABRMC S1GM. WIEN, 2. BEZ., PRA TERSTRASSE NR. 30 _.. t . ^,.,, M Boich* Auswahl solid gearbeiteter Möbel zu billigsten Melier «fr Innendekoration, stets große Auswah l von Möbeln aller Stilarten In leder Preislage. ■ Preisen Gemeinde; denn nur. wenn Sie uns Ihre Unterstützung zuteil werden lassen, werden wir siegen. Wir werden aber bestimmt siegen, weil wir siegen müssen und dann auch, weil wir Juden im Laufe unserer vieltausendjährigen Geschichte gezeigt haben, daß wir können, wenn wir nur wollen." (Lebhafter, langandauernder Beifall.) Rechtsanwalt Dr. Josef Ticho, Mitglied des Kultusvorstandes und Obmann der Schulkommission der Kultusgemeinde, führte als zweiter Referent folgendes aus: „Die Bibel sagt, daß die Zerstörung von innen kommt, welches Wahrwort leider auch die Geschichte unseres Volkes hinreichend bewiesen hat. Doch, um dies zu verstehen, brauchen wir nicht erst in die Geschichte zurückzugreifen, da uns die Gegenwart das traurige Beispiel dafür liefert, wie zwei jüdische Parteien, welche sich selbst als „w e r k t ä t i g" bezeichnen, eifrig am Werke tätig sind, das Fundament unserer Gemeinde zu untergraben und unser blühendes jüdisches Gemeinwesen zu zerstören. Auf der einen Seite die Religion fanatisch bekämpfen und auf der anderen Seite in eine religiöse Gemeinschaft eindringen wollen, dieser Gegensatz ist so kraß, dieser innere Widerspruch greift so sehr ans Herz, daß es mich wundert, daß es noch Juden gibt, die der Wahlparole von innerlich so widerspruchsvollen Parteien Folge leisten. Was ist es nun, das uns von den Jüdischnationalen trennt? Zunächst sei zugegeben, daß manche ihrer Forderungen, die sie in ihrem Wahlprogramm aufgestellt haben, wünschenswert sind. Die meisten aber sind weder wünschenswert noch auch überhaupt durchführbar, sie haben scheinbar keinen anderen Zweck, als der Wählerschaft, wie der Wiener sagt, einen blauen Dunst vorzumachen und sie durch unausführbare Versprechungen zu ködern. Ist es nicht widersinnig, eine der größten Errungenschaften neuzeitlicher Kultur, die Simultanschule, und sei es auch nur teilweise aufgeben zu wollen und unsere Kinder wieder in die Judenschule zurückzuführen, wo sie zu lebensuntüchtigen, zu ihrer Umgebung entfremdeten Menschen herangebildet werden sollen? Das höchste Gut, das wir besitzen, sind unsere Kinder und mit diesen lassen wir nicht herumexperimentieren. Diese Forderung wäre überhaupt nur dann noch zu verstehen, wenn es sich um die Errichtung einiger religiöser Schulen handeln würde, um jenen Eltern, welche ihre Kinder aus religiösen Gründen nicht in die öffentlichen Schulen schicken wollen, die Möglichkeit zu geben, diese Kinder religiös unterrichten zu lassen. Diesen Wunsch haben aber die Zionisten nicht. Es handelt sich ihnen lediglich um nationale Schulen, und gegen die Errichtung solcher Schulen werden wir entschieden Stellung nehmen, da wir in denselben auch eine große Gefahr für jene Kinder erblicken müssen, welche in die öffentlichen Schulen gehen. Höher als die Partei und das politische Schlagwort steht mir der Mensch, höher als der Mensch steht mir der werdende Mensch, das Kind. Wir werden niemals zulassen, daß dieses Kind einem politischen Schlagworte geopfert wird, sondern wir werden uns bemühen, es zu einem aufrechten Juden, aber auch zu einem tüchtigen, für den Lebenskampf gestählten Menschen heranzubilden. (Lebhafter Beifall.) Was nun die Forderung nach Einführung des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechtes für die Wahl des Kultusvorstandes betrifft, so handelt es sich auch hier um nichts anderes, als um eine demagogisches Schlagwort, so daß angesichts der Geringfügigkeit des Minimalbetrages, durch welchen sich auch der Aermste das Wahlrecht sichern kann, von einer Nichtallgemeinheit des Wahlrechtes in den Kultusvorstand überhaupt nicht gesprochen werden kann. Welchen Sinn hat es nun, daß wir dennoch einen, wenn auch noch so geringen, Steuerbetrag an die Erlangung des Wahlrechtes knüpfen? Wir wollen wissen, ob derjenige, welcher aus Anlaß der Kultuswahlen plötzlich so großes Interesse für unsere Gemeinde entdeckt hat, auch in der Zeit zwischen den Wahlen sein Interesse an der Kultusgemeinde bekundet. Das äußere Zeichen dieses Interesses ist die Entrichtung eines Minimalbetrages an Kultussteuer. Aber, meine Anwesenden, es gibt leider unter uns einige Glaubensbrüder, die, so schwach sie auch sind, wenn es sich darum handelt, am Altare der Kultusgemeinde einige Groschen selbst niederzulegen, dennoch sehr stark werden können, wenn es sich darum handelt, anderen Opfer aufzuerlegen. Und weil wir die Kultusgemeinde nicht mit solchen Menschen belasten wollen, müssen wir am Zensus festhalten. Zum Schlüsse möchte ich noch auf das jüdisch-nationale Wahlschlagwort von der „V o 1 k s g e m e i n d e" eingehen, weil es geeignet ist. Verwirrung in weniger klar blickenden Köpfen hervorzurufen. Unsere Kultusgemeinde ist und bleibt eine Religionsgemeinde, kann aber niemals eine Volksgemeinde sein, weil es gar kein jüdisches „Volk" in völkischem Sinne gibt. Wir sind Oesterreicher und Juden. Alles, was unser Judentum, also unsere Religion, auch nur im entferntesten berührt, gehört in die Kultusgemeinde, alles andere gehört nicht hinein. Insbesonders hat die Kultusgemeinde nicht die Aufgabe, eine nationale Minoritätsvertretung zu sein. Wir lassen uns nicht von den übrigen Staatsbürgern separieren, wir lassen uns nicht an die Wand drücken, wir sind und bleiben gute Oesterreicher (lebhafter Beifall). Es ist ein Raub, den die Jüdischnationalen an jedem einzelnen unserer Glaubensgenossen begehen, der religiöse Bedürfnisse hat, wenn sie die Kultusgemeinde für andere Zwecke verwenden wollen als es diejenigen sind, für welche sie bestimmt ist. Darum bitte ich Sie, arbeiten Sie mit uns, daß die Kultusgemeinde als das erhalten bleibt, was ihre heilige Aufgabe ist, als ein Hort der jüdischen Religion!" (Lebhafter Beifall.) Kommerzialrat Alexius Salzer, der dritte Referent des Abends, richtete nun die folgenden zündenden Worte an die Versammlung: „Ich komme zu Ihnen weder als Kandidat noch als Kultusvorsteher, sondern allein aus innerer Ueberzeugung. Das Programm der „U n i o n" knüpft an die Ideale an, für welche im Jahre 1848 der Jude Dr. Fischhof mit jüdischen Studenten Schulter an Schulter mit ihren nichtjüdischen Kommilitonen gekämpft haben, als sie für Menschen rechte, für Freiheit und Gleichheit auf den Barrikaden standen. Auch heute sind diese Ideale, besonders, was uns Juden betrifft, noch immer nicht voll und ganz verwirklicht; daher müssen wir weiterkämpfen, um ihre endliche Verwirklichung nicht nur im Gesetze, sondern auch im Leben herbeizuführen. Die „Union" vertritt nicht nur die Geistesaristokratie, sondern, was noch viel mehr sagen will, die Herzensaristokratie im Judentum. Wo immer die Rechte des Judentums verletzt werden, wo immer einem unserer Glaubensbrüder um seinees Judentums willen Ungerechtigkeiten widerfahren, da tritt sie für ihn ein und sie hat daher auch das moralische Recht, im Namen des Judentums zu sprechen. Nicht so die Sozialdemokratie, welche, wenn einem Juden ob seiner Religion ein Unrecht geschieht, sofort erklären wird, daß sie keine Judenschutztruppe sei. Aber auch die Jüdischnationalen mit ihrer geschwollenen Phraseologie und ihrer nationalistischen Engstirnigkeit können nicht die Beschützer der jüdischen Rechte sein, sie, die doch immer davon sprechen, daß der jüdische Bürger ein anderes Recht haben müsse als sein nichtjüdischer Mitbürger. Schon vor 25 Jahren, als der Zionismus aufkam, habe ich ihn als schädlich und als eine Gefahr für das Judentum erkannt und die seitherige Entwicklung hat mir leider Recht gegeben. Wer dafür ist. daß die Gleichberechtigung der Juden endlich ihre volle Erfüllung finde, wer haben will, daß für unsere Kinder, Greise, Kranken und Armen weiter in so vor-

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