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Die Wahrheit · 1928-11-23 · Heft 47 (23.11.1928) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 47 (23.11.1928)
Date
1928-11-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEI1 fUfHUHnumfimimiiitimsiimiiifiiiimmmmiitsiitituiuiHitufhm $x>\it 5 glauben Sie ja nicht, daß uns die Frucht des Sieges kampflos in den Schoß fallen wird; denn, wenn andere „e ro b e r n" wollen, dann müssen wir mit all unseren Kräften „verteidige n". Aber, ich glaube nicht, daß die Kultusgemeinde zum „Erober n" da ist, sondern, um in ihr und für sie zu arbeiten, wie es die Vertreter der „U n i o n" in der Kultusstube allezeit getan haben. Sechs Parteien sind es, welche sich in diesen Wahlen auf das erbittertste bekämpfen und der nichtjüdischen Welt dadurch ein Zeichen der inneren Zerklüftung und Zersplitterung des Judentums geben, welches im allgemein jüdischen Interesse tief bedauerlich ist. Lassen Sie mich zunächst einige Worte über die Jüdischnationalen sprechen. Diese sind allerdings keine so gefährlichen Gegner mehr als ehedem; denn sie haben durch ihre verfehlte Politik sehr viel an Boden innerhalb der Wiener jüdischen Bevölkerung verloren. Hierzu kommt noch ihre Spaltung in einen radikalen und einen gemäßigten Flügel, die ihre Schlagkraft außerordentlich lähmt. Allerdings si.id die radikalen Elemente aus der Partei ausgeschieden, doch haben sie den Gemäßigten nur unter der Bedingung das Feld überlassen, daß sie bei den kommenden Kultuswahlen nicht mit der „Union" zusammen in den Wahlkampf eintreten. So wollen denn die „Jüdischnationalen'" Politik In die Kultusgemeinde bringen, wir aber wollen diese vor jedem politischen Gezänke bewahren, da wir nur auf diese Weise den Aufgaben, die wir im Interesse der Judenschaft zu erfüllen haben, gerecht werden können. Unser Kampf richtet sich ausschließlich gegen den jüdischen Nationalismus, den wir für eine gefährliche Ideologie ansehen, nicht aber gegen den Zionismus. Wir machen daher einen scharfen Unterschied zwischen Jüdischnationalen und Zionisten. Zionisten nämlich sind auch wir, wenn auch In ganz anderem Sinne und aus ganz anderen Beweggründen heraus als unsere jüdischnationalen Gegner, für uns ist der Wiederaufbau Palästinas keine politische Sache, sondern eine Sache des Herzens und der Religion und wir sind gerne bereit, die zionistische Aufbauarbeit zu fördern. Allerdings lassen wir uns hierzu nicht zwingen und insbesonders kann es nicht Aufgabe der Wiener israelitischen Kultusgemeinde sein. rechtigten Erneuerungswünschen bezüglich des Fürsorgewesens nicht verschließen, doch, was die „Werktätigen" unter „Modernisierung" verstehen. soll in Wahrheit „Politisierung" heißen, das aber ist etv/as. wozu wir uns nie und nimmer hergeben werden, da wir der Ansicht sind, daß unsere Fürsorgeeiurichtungen allen bedürftigen Glaubensbrüdern ohne Unterschied von Partei, Klasse und Stand zur Verfügung stehen müssen. Um nicht mißverstanden zu werden, will ich nochmals betonen, wir bekämpfen nicht die Sozialdemokratie als solche, vielmehr' sind wir der Ansicht, daß ein Jude wohl auch Sozialdemokrat sein kann, falls ihm dies seine wirtschaftlichen Interessen vorteilhaft erscheinen lassen. Aber in der Kultusgemeinde hat die sozialdemokratische Partei, bzw. d.iren jüdische Ableger solange nichts zu suchen, als sie auf ihrem oben charakterisierten Standpunkte gegenüber jeder, also auch unserer Religion beharren. Solange sich diese Partei für den Austritt aus der Religion, für die religiöse Erziehung de.- Jugend, für die „Freie Schule" ereifert und i.ui ihre Mitglieder sogar in dieser Richtung einen Druck auszuüben versucht, hat sie in einer religiösen Gemeinde — und nichts anderes ist unsere Kultusgemeinde — absolut nicht das Geringste zu tun. Nun aber haben sich, wie bereits erwähnt, die ,.W e r ktätigen Jude n" in zwei Parteien gespalten, welche gesonderte Listen für die Kultuswahlen eingereicht haben, nämlich in die „n aiional -werktätige" und die „nicht-nationalwerktätige" Partei. Wir gratulieren ihnen und uns zu diesen Ereignis, und zwar deshalb, weil wir überzeugt sind, daß die Wiener Kultuswählerschaft, angeekelt durch die Vorgänge, welche sich gelegentlich des inneren Zersetzungsprozesses dieser Partei abgespielt haben und noch abspielen, sich von diesen Menschen abwenden und jener Partei zuwenden wird, deren einziges Bestreben es ist, den Frieden in unserer Gemeinde wieder herzustellen und aufrecht zu erhalten. Trotz dieser inneren Schwäche auch dieses Gegners dürfen wir uns die Sache nicht allzu leicht machen. Wir müssen fest arbeiten und die Wahlagitation energisch betreiben; denn leider legen auch jetzt noch viele Kreise der Die wahren religiösen Forderungen des Judentums: Weg mit dem unfruchtbaren Nationalismus! Weg mit dem unjüdischen Klassenkampf! Vertritt die Liste der „Jüdischen Union"! (Prof. Dr. Alois Pick, Dr. Jakob Omstein). einen erheblichen Bruchteil der Steuergelder der Wiener jüdischen Bevölkerung nach Palästina zu schicken, wie dies die Jüdischnationalen gerne möchten, wo wir doch in Wien so viele kranke, hungernde und notleidende Glaubensbrüder haben, welche unserer Hilfe dringend bedürfen. Jetzt komme ich zur zweiten Partei, welche sich inzwischen durch irgendein Kunstmittel in siamesische Zwillinge verwandelt hat, von welchen der eine dem andern zum Verwechseln ähnlich sieht. Es sind das die „werktätigen Juden". „Werktätig" natürlich in Anführungszeichen; denn werktätige Juden sind wir alle und wir lassen uns von niemand, der sich in irreführender Absicht diese Bezeichnung allein anmaßt, den Vorwurf machen, etwa Nichtstuer und Faulpelze zu sein. Was uns nun von den sogenannten „werktätigen Juden" trennt, das ist unsere der ihren diametral entgegengesetzte Auffassung in bezug auf die Religion, Sie wollen, wie sie das in allen ihren Programmen, Wahlaufrufen und Verammlungsreden hinausposaunen, das religiöskulturelle Moment in unserer Gemeinde ganz in den Hintergrund schieben, da ja nach ihrer Auffassung „Religion nur Privatsache" sei, und an dessen Stelle „die soziale Fürsorge modernisieren". Daß unser Fürsorgewesen aber einer Modernisierung von dieser Seite gar nicht bedarf, dafür möge Ihnen als Beweis dienen, daß die sozialdemokratische Gemeinde Wien, deren Leiter doch in Ihren Anschauungen den „Werktätigen" zumindest näher stehen als uns, sich bei der Einrichtung ihres Fürsorgekatasters das Kataster der jüdisch-sozialen Fürsorge als Muster genommen hat. Dennoch aber werden wir uns be¬ Wiener Kultuswählerschaft eine beschämende Indolenz und Uninteressiertheit an den Tag. Von 36.000 Kultuswählern sind bei den letzten Kultuswahlen sage und schreibe 14.000 zur Urne gegangen! Wenn sie es bei dieser Wahl ebenso machen werden, dann wahrlich, verdienen sie kein besseres Schicksal, als es das ist, das ihnen die „werktätigen Juden" nationalen und nichtnationalen Couleurs bereiten würden! Eine weitere Partei sind die „M israchiste n", das sind die religiös orientierten Nationaljuden. Diese stehen zu den Jüdischnationalen im Gegensatz, aber auch zu uns, obwohl ich letzteren Gegensatz nicht recht begreife; denn die „MI s r a c h i s t e n" stellen das religiöse vor das nationale Judentum und gerade in religiöser Hinsicht, glaube ich, hat sich der jetzige Kultusvorstand nicht das Geringste zuschulden kommen lassen. Schauen Sie sich nur den Jugendgottesdienst an, welcher viele hundert jüdische Kinder zum Teil mit ihren Eltern wieder in unsere Gotteshäuser führt. Schauen Sie sich die Leistungen unserer Gemeinde auf dem Gebiete des Kultus und der religiössittlichen Erziehung unserer Jugend an und dann urteilen Sie selbst, ob wir uns in dieser Hinsicht irgendein Versäumnis vorwerfen können! Es gilt also auch für die „M israchiste n", daß sie sich selbst im Lichte stehen und ihre Feinde unterstützen, wenn sie die durchaus religiös orientierte „Union" bekämpfen. Meine Damen und Herren! Ich bin mit der Aufzählung der wahlwerbenden Parteien fertig. Sie kennen nun den Charakter jeder einzelnen und sind in der Lage, selbst Ihr Urteil zu fällen. Wenn Sie mit mir eines Sinnes sind, dann unterstützen Sie uns in unserer Arbeit für das Wohl unserer

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