Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 47 (23.11.1928)
- Date
- 1928-11-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Stile 4 ö8HBniH^^ Die WAHRHEf? Dieses unser Vertrauen in den Endsieg gründet sich nicht allein auf die Verdienste, welche sich die „Union" in den letzten 40 Jahren um das Judentum und speziell um die Wiener israelitische Kultusgemeinde erworben hat, nicht allein auf ihr klares und deutliches Programm, dessen Hauptpunkt die Ausschaltung jeder Politik aus der Kultusgemeinde darstellt. Unser Vertrauen gründet sich auch auf die abschreckende Wirkung, welche die oben nur kurz skizzierten Vorgänge innerhalb unserer Gegner auf jeden reinlich fühlenden und vernünftig denkenden Juden machen muß; denn dieser wird sich angesichts der geschilderten Tatsachen die Frage vorlegen, ob das die Männer sein sollen, welchen er das Schicksal seiner Kultusgemeinde anvertrauen soll, oder jene, die gemäß der Tradition seiner Väter mit Erfahrung, Liebe und Uneigennützigkeit für das Wohl seiner Gemeinde zu sorgen stets bereit waren und auch künftighin zu arbeiten gewillt sind. Wir haben eine viel zu hohe Meinung von dem gesunden Sinn der jüdischen Bevölkerung, welcher sich schließlich doch immer durchgesetzt hat, als daß wir nur eine Sekunde daran zweifeln könnten, daß am 2. Dezember ein — wir sagen es gerade heraus — Unglück geschehen könnte, dessen Folgen noch spätere Generationen zu tragen haben würden. Und gerade diese späteren Generationen, unsere Kinder und Kindeskinder, sind es, um derentwegen wir allen Kultuswählern nochmals eindringlich zurufen: Werbet und wählet am 2. Dezember für die Liste der „Jüdischen Union". ■i Kultuswähler- Versammlungen. Das Bezirkswahlkomitee IX der „Union deutschösterreichischer Juden" veranstaltete Dienstag, den 13. November, um 8 Uhr abends im großen Saale des Hanr delsmuseums, IX., Berggasse 16. eine Kultuswählerversammjung, welche so gut besucht war, daß der bis auf das letzte Plätzchen gefüllte Raum trotz seiner Größe die Versammlungsteilnehmer kaum fassen konnte. Der Obmann des Bezirkswahlkomitees IX. Herr Juwelier Moriz Oesterreicher, eröffnete die Versammlung, indem er die erschienenen Wähler und deren Damen auf das herzlichste begrüßte und seiner Freude darüber Ausdruck gab, den Präsidenten der Kultusgemeinde Generaloberstabsarzt Professor Dr. Alois Pick, den Präsidenten der Börsekammer Julius Stern und den Präsidenten des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft, Herrn Leopold Langer, begrüßen zu können. Er bat sodann den ersten Referenten, Herrn Börserat Isaatz Glück, Präsident des Verbandes der Wiener Tempelvereine, das Wort zu ergreifen. Von allen Anwesenden lebhaft akklamiert, führte Börsenrat I. Glück folgendes aus: „Trotzdem uns nur wenige Wochen vom Wahltage, der ein Schicksalstag für die Wiener Judenschaft sein wird, trennen, stehen wir nicht am Ende der Wahlbewegung, sondern an derem Anfange; jeder Tag macht uns frischer und kampfesmutiger, da es gilt, einen Verteidigungskampf gegen mehrere Fronten zugleich zu führen, und mit jugendlichem Feuer wollen wir für die Sache, die wir als die einzig richtige erkannt haben, eintreten. Daß nicht nur ich trotz meiner siebzig Jahre so fühle, erkennt man daraus, daß unsere Versammlungen von Tag zu Tag besser besucht sind, was wieder einmal beweist, daß das gesprochene Wort viel wirkungsvoller ist als andere Propagandamethoden. Es ist ein schwerer Kampf, den wir zu führen gezwungen sind, und Jedem Juden schaden Steuerdemagogie, Politisierung, Zersplitterung in der Kultusgemeinde! Darum wählet am 2. Dezember die Liste der „Jüdischen Union" (Prof. Dr. Alois Pick, Dr. Jakob Ornstein). Ihre Vertreter bürgen für Wahrung der religiösen Forderungen, ernste Arbeit und Ordnung in der Gemeinde! Vorgänge in Tomsk, Sinferopol, Twerj und Odessa haben deutlich gezeigt, wozu eine empörte Menge gelangen kann, denn die Häuser, in denen sich die Revolutionäre eingeschlossen hatten, wurden angezündet und jeder, der herauskam, wurde getötet." Der Zar lehnt also entschieden jeden Gedanken ab, daß an der Einmütigkeit der Pogrome, welche auf einmal überall stattgefunden haben, der Polizei eine Schuld beizumessen ist, es kommt ihm gar nicht in den Sinn, daß diese Einmütigkeit durch die Haltung der Regierungsorgane hervorgerufen sein kann! Einige Monate später, am 12. Jänner 1906. schreibt der Zar an seine Mutter über den früheren Finanzminister Witte, der in diesem Augenblick Premierminister war. Graf Witte war bei seinen Ministerkollegen wenig beliebt, weil er ihnen immer seine Ueberlegenheit deutlich zu spüren gab. Eben deswegen konnte auch Nikolaus II. Witte nie leiden, er wurde dabei übrigens auch von seiner Frau sehr beeinflußt, die schon bald nach der Thronbesteigung für den Zaren eine Karikatur malte, auf welcher Nikolaus II. als kleines Hündchen an der Leine von Witte geführt wird. Namentlich aber haßte er ihn seit dem 17. Oktober 1905, als Witte ihn dazu veranlaßt hat, das Verfassungsmanifest zu unterschreiben, diesen, wie er sich in einem Brief an seine Mutter ausdrückt, „furchtbaren Entschluß" zu fassen. In diesem Brief schreibt er an seine Mutter über Witte: „Ich habe niemals ein solches Chamäleon und einen Menschen gesehen, der so seine Ansichten wechselt wie er. Infolge dieser seiner Charaktereigenschaft glaubt ihm schon fast niemand mehr, er hat sich schon in den Augen aller ertränkt, man kann sagen, mit Ausnahme der ausländischen Juden." Unter diesen „ausländischen Juden" versteht der Zar die ausländischen Bankiers, mit denen Witte damals gerade in Verhandlungen über eine sehr bedeutende auswärtige Anleihe stand und bei denen Witte stets hohes Ansehen genoß, da sie ihn für den befähigtesten Staatsmann Rußlands in dieser Periode hielten. Das war er auch in der Tat. obwohl die gewöhnliche Vorstellung von Witte als einem liberalen Staatsmann gar nicht zutrifft, im landläufigen Sinne des Wortes war Graf Witte durchaus nicht liberal. In einem Brief vom 2. November 1906 an seine Mutter erwähnt der Zar wieder Witte im Zusammenhang mit Juden. Witte war schon damals nicht mehr Minister, den Posten eines Premiers nahm damals Stolypin ein, welcher die erste Duma auseinanderjagte und sich energisch an die gewaltsame Unterdrückung der revolutionären Bewegung machte. Witte, der sich eine Zeitlang im Ausland zur Erholung aufhielt, kehrte nach Petersburg zurück. Und da schreibt der Zar an seine Mutter am 2. November 1906: „Vor einigen Tagen kehrte hierher leider Graf Witte zurück. Es wäre gescheiter und bequemer für ihn, im Auslande zu leben, da hier um ihn herum sofort eine Atmosphäre aller möglichen Gerüchte. Klatsch und Insinuationen entsteht. Die schlechten Zeitungen beginnen schon zu predigen, daß er zur Regierung zurückkehren wird und daß nur er allein imstande ist. Rußland zu retten. Offenbar beginnt die Judenclique wieder zu arbeiten, um Unruhe zu säen, welche mit Mühe zu dämpfen mir und Stolypin gelungen ist. Nein, niemals, so lange ich lebe, werde ich diesem Menschen den geringsten Auftrag erteilen." An dieser Verblendung, daß die Juden an der Revolution und allem Unglück in Rußland die Schuld tragen, hielt der unglückliche Zar bis an sein tragisches Lebensende fest. J. L,