Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 47 (23.11.1928)
- Date
- 1928-11-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT 3«lte 3 den Haaren. Daß es hierbei von Verbalinjurien, Ausschlüssen aus der Partei, Ehrenerklärungen und -abschneidungen in dem neuen und alten Parteiblatt desselben Titels nur so wimmelt, kann uns nicht wundernehmen und das Nachspiel, das diese Vorkommnisse bei den diversen Bezirksgerichten haben werden, wird zur Genüge die Wahrheit des alten Satzes beweisen: Politisch Lied ein garstig Lied. Sechs Parteien ziehen in den Wahlkampf, eine Zahl, die größer ist als bei politischen Wahlen in großen und mächtigen Staaten, in welchen Millionen Wähler zur Urne gehen. Ist diese Tatsache schon an und für sich charakteristisch, so gewinnt sie noch mehr an Bedeutung durch die Formen, in welche leider dieser Wahlkampf — man muß es wohl sagen — ausgeartet ist. Nicht genug, daß sich diese Parteien, welche alle in sich die Berufung fühlen, das Schicksal der Wiener Judenschaft zu lenken, sich gegenseitig auf das erbittertste bekämpfen, führen sie einen Lügen- und Verlenmdungsfeldzug gegen die „Union", welcher an Häßlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Immer wieder werden dieselben gemeinen Lügen und niedrigen Verleumdungen, obwohl sie schon bis zum Ueberdruß widerlegt wurden, aufgetischt und immer wieder werden haarsträubende Unwahrheiten behauptef oder bei den Haaren herbeigezogene geringfügige Vorfälle aufgebauscht und den Wählern vorgesetzt, nur um sie bis zu jenem Grad der Verwirrung und Verhetzung zu bringen, daß sie eine willenlose Beute jener Parteien werden, welche die Kultusgemeinde — „erobern" wollen; immer wieder werden in unseren Versammlungen hochverdiente, in der Arbeit für unsere Gemeinde und das Judentum ergraute Männer von grünen Jungen, welche jenen nicht das Wasser reichen können, angerempelt und die Ehrfurcht vor dem Alter, eine der schönsten jüdischen Tugenden, scheint gerade jen^n, welche das Judentum so oft im Munde führen, vollkommen abhanden gekommen zu sein. Unverdrossen und unermüdlich sind unsere Herren Präsident Dr. Jakob Ornstein, Bö^serat Ignatz Glück und Dr. Josef T i c h o am Werke, um die Angriffe, welchen die „Union" von allen Seiten ausgesetzt ist, zu zerstreuen. Tas1für Tag, Abend für Abend gehen sie in die „Union"-Versammlungen, oft auch an einem Abend gleich In mehrere und stellen trotz aller Snren<nmesvprsuche seitens unserer Gegner, welche ingendh>he Elemente für dercirtfpre Zwecke mißbrauchen, den Kontakt mit den Wählermassen her. Aber auch die Herren David n o h a n. Dr. Emst Feldsberg. Medizinalrat Dr. Heinrich H a a s e. Panrat Wilhelm K e m p 1 e r. Hofrat Jn°\ Löwv. Wolf Panoenheim tragen unermüdlich zur AnfVläninpbei und so kann man j?etro«?t dem 2. Dezember, der em Sohirksalstng für die Wiener Jurfensrhaft sein wird, entgegensehen. ✓^w^w^w^/siw^w^w^W*^ ^<>/^^&^y>^^^^ff>^fef^1^ WAMM/«WvWi\^WtV*W.W l|W W W„W W W W W W.W / V^^/* *V<:^MV»\1>/f^ ., unsere Gegner aber arbeiten nur mit leeren fm W$\ y??^3$5 m m\ m täi2a& m^mMI iK^r^Y^^tftW <Z4 tn Zä£&. Versprechungen, deren Verwirklichung auch In vielen Jahr7ehnten nicht erschwingliche Mittel erfordert und daher vollkommen unmöglich ist. '*WvWc-W\W W.WVW.W, W W ,\/;iV»\/A/>W PW .W W W W w w w w w ^W-W\*^L^W.Vvf\S*V^^^ X X -X Immediatbericht äußerst gnädig empfangen wurden und nichts Böses ahnen konnten, bei der Rückkehr nach Hause Entlassungsukase vorgefunden haben. Wie stets bei derartigen Menschen, war diese psychische Veranlagung die Ursache, daß der Zar gerade von denjenigen immer beeinflußt wurde, die es richtig verstanden haben, ihren Einfluß nicht merken zu lassen. Unter den Gedanken, die ihm auf diese Weise von Leuten beigebracht wurden, denen an der russischen Katastrophe und auch an der furchtbaren Tragödie der Zarenfamilie selbst eine sehr große Schuld zuzuschreiben ist, war auch der, daß die Revolution hauptsächlich von den Juden gemacht wurde. Daraus ergab sich bei ihm eine unentwegt ablehnende Haltung den Juden gegenüber, ein Widerstand gegen jede Verbesserung ihrer Rechtslage in Rußland. Die im entgegengesetzten Sinne mehrfach geäußerten Ratschläge der Minister, die eine Besserung der Lage für notwendig hielten, fanden gewöhnlich bei ihm kein Gehör. Diese Ansicht, daß es vor allem die Juden sind, die für die Revolution verantwortlich zu machen seien, äußert sich auch in seinen jetzt veröffentlichten Briefen an seine Mutter. Z. B. in einem Brief, der einige Tage nach dem Erlaß des sogenannten Oktobermanifestes, d. h. des Manifestes vom 17./30. Oktober 1905, welches die Schaffung einer Verfassung und die Gewährleistung bürgerlicher Rechte versprach. Bekanntlich war die Veröffentlichung dieses Manifestes ein Signal zu einer fürchterlichen Pogromwelle in Rußland, es fanden in zahlreichen Städten nicht nur des jüdischen „Ansiedlungsrayons", sondern auch außerhalb derselben, in der Woche, die auf das Manifest folgte, einige Hunderte Judenpogrome statt, bei denen die Behörden meistens eine sehr zweideutige Rolle spielten, den Juden fast nirgends Schutz gewährten, oft sogar den Pöbel zu Mord und Plünderung aufstachelten. In vielen Orten konnte man direkt von den Behörden als den Anstiftern der Pogrome sprechen, fast überall aber haben sie sich äußerst passiv verhalten, so daß der Pöbel den Eindruck gewinnen mußte, er dürfe straflos alles mit den Juden machen, es werde ihm nichts geschehen. Diese Pogrome deutet nun der Zar in seinem Briefe als die berechtigte Reaktion des wohlgesinnten Teiles des Volkes, welches von der Revolution nichts wissen will, gegen die Revolution und ihre jüdischen Führer. Der Zar gebraucht übrigens stets nicht das Wort für Juden „Jewrei", wie Jude in Rußland heißt, sondern das dem Polnischen entlehnte Wort „Shid", das im Russischen einen verächtlichen Beigeschmack hat und von den russischen Juden stets als Schimpfwort aufgefaßt wird. „In den ersten Tagen nach dem Manifest" — schreibt Nikolaus am 27. Oktober 1905 an seine Mutter — „haben die schlechten Elemente ihr Haupt stark erhoben, darauf setzte aber eine heftige Reaktion ein und die ganze Masse der treuen Menschen erhob sich. Es wurde dadurch das verständliche und bei uns übliche Resultat erhalten: das Volk wurde durch die Frechheit und Unverschämtheit der Revolutionäre und Sozialisten empört und da neun Zehntel von ihnen Juden sind, so stürzte sich die ganze Wut auf sie, daraus entstanden die jüdischen Pogrome. Es ist auffallend, mit welcher Einmütigkeit und wie zur selben Zeit dies in allen Städten Rußlands und Sibiriens vorgekommen ist. In England schreibt man selbstverständlich, daß diese Unruhen von der Polizei organisiert worden sind, wie immer, — die alte bekannte Fabel! Aber nicht nur den Juden erging es schlecht, auch die russischen Agitatoren, Ingenieure, Rechtsanwälte und sonstige andere scheußliche Menschen erhielten ihr Teil. Die