Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 47 (23.11.1928)
- Date
- 1928-11-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 MU!m™i:Hi;i!i!™iKram DIE WAHRHEIT Der Kampf um die Wiener Kultusgemeinde. Unsere Voraussage, daß es sich diesmal um eine Wahl handeln werde, welche in der Geschichte der Israelitischen Kultusgemeinde Wien einzig dasteht, scheint sich zu bewahrheiten. Eine Wahlbewegung, wie man sie noch nicht gesehen hat, wird von den zahlreichen wahlwerbenden Parteien entfaltet und in den verschiedenen Versammlungen stoßen die Meinungen hart aufeinander. Welche Meinungen und Anschauungen sind es hauptsächlich, welche sich in dieser Wahlbewegung durchsetzen wollen? Auf der einen Seite steht die Meinung, daß die Kultusgemeinde im Sinne der Tradition und Religion in jener Weise weiter verwaltet werden soll, welche zu ihrer Blüte und zu dem Ansehen geführt hat, welches diese Gemeinde in der ganzen Welt genießt; die Meinung, daß eine KultusgemeindefürdenKuItusundnichtfürdie Politik da ist. Dies ist die Meinung der „U n i o n", hinter welcher die überwiegende Mehrheit der Wiener jüdischen Bevölkerung steht, was durch den überaus großen Besuch der Wählerversammlungen der „Union" in ganz Wien von Floridsdorf bis Hietzing, von Währing bis Simmering bewiesen wird. Die andere Meinung, daß die Kultusgemeinde das geeignete Forum für parteipolitische Streitigkeiten und Auseinandersetzungen, gleichgültig ob nationaler oder sozialer Art, sei, macht sich im Kreise derjenigen bereits fühlbar, welche Politik in die Gemeindestube hineintragen wollen. Denn, mag ihnen dies auch glücklicherweise nicht gelingen, die Politik übt ihre zersetzende Wirkung bereits in ihrem eigenen Lager aus und gibt uns so ein deutliches Bild von dem, was wir zu erwarten hätten, wenn sie diese auch in der Kultusgemeinde entfalten könnte. Wir brauchen nur auf die inneren Kämpfe innerhalb der j üdisch nationale n Partei hinzuweisen, welche auf der einen Seite in Gemäßigte, Radikale und Ultraradikale, auf der anderen in religiös und areligiös eingestellte Gruppen, welche sich erbittert bekämpfen, zerfallen ist. Die sogenannten „W erktätigen Jude n" bieten der Wiener Judenschaft ein, wenn dies überhaupt möglich ist, noch abschreckenderes Schauspiel Hier kann man wirklich sagen: Sie sollen für einander einstehen und können sich gegenseitig nicht ausstehen. Auf der einen Seite tobt der Kampf zwischen den nationalsozialistischen Elementen und ihren nichtnationalen Widersachern, auf der anderen Seite liegen sich die verschiedenen Schattierungen des Sozialismus, vom gemäßigten bis zum radikalsten Kommunismus, in »Vt\/C\/(iV^WW^\W«^ Auf eine durch viele Jahrzehnte erprobte und bewährte Tätigkeit für das Judentum und insbesonders für die Wiener Kultus- Gemeinde können die Männer unseres Vertrauens hinweisen . . . W.;^WvWs>\*,W*WsrW^W*W**^^ ^v.*v<t,M^v<^w\r>^^^ Zar Nikolaus II. über die Revolution und dieJuden. In einem der letzten Reite der in Moskau erscheinenden historischen Zeitschrift „Krany Archiv" (Rotes Archiv) ist ein Briefwechsel zwischen dem Zaren Nikolaus II. und seiner Mutter, der Zarin Maria Feodorowna, Witwe Alexanders III., aus den Jahren 1905 und 1906 abgedruckt. Die Zarin Maria Feodorowna war vor ihrer Heirat mit dem späteren Zaren Alexander III. eine dänische Prinzessin Dagmar, die sich oft bei Ihren Eltern in Dänemark aufhielt. Auch zur Zeit dieses Briefwechsels, der während der kritischen Monate der ersten russischen Revolution der Jahre 1905 und 1905 stattgefunden hat, befand sie sich bei ihrem Vater, dem greisen dänischen König Christian IX., auf Schloß Amalienborg in Dänemark. Wesentlich neues historisch-politisches Material enthalten diese Briefe nicht. Der Zar meldet seiner Mutter oft sehr ausführlich, was in Rußland vorgeht, sagt aber im allgemeinen nichts, was nicht schon durch andere Veröffentlichungen bekannt wäre. Die Briefe seiner Mutter an ihn sind ebenfalls politisch ganz belanglos, es sind das die typischen Briefe einer Mutter, die um ihren Sohn, den Zaren, ihre sonstigen Kinder. Enkel usw., sehr besorgt ist und ihre eigene Meinung in politischen Angelegenheiten kaum äußert. Nichtsdestoweniger werden auch in diesem Briefwechsel einige Male die Juden erwähnt, und zwar in einer für das Verhältnis von Nikolaus II. zu den Juden sehr bezeichnenden Weise. Aus den zahllosen Veröffentlichungen, die seit der Revolution 1917 über den Zaren in Rußland und auch außerhalb Rußlands erschienen sind, und zwar von Personen ganz verschiedener politischer Richtungen, die mit ihm zu tun hatten und daher ein Urteil über ihn fällen konnten, kann man sich über die Persönlichkeit des letzten russischen Herrschers aus dem Hause Romanow ein ziemlich klares Bild machen. Er war durchaus nicht der beschränkte Mensch, für den man ihn während seiner Regierungszeit hielt. Seine geistigen Fähigkeiten waren jedenfalls nicht unter dem Durchschnitt. Auch kann man von ihm nicht als einem schlechten Menschen sprechen, im Gegenteil, er darf als im allgemeinen wohlwollender und bescheidener Mensch angesehen werden. Dabei war er aber von sehr schwachem Willen, und, wie die meisten willensschwachen Menschen, sehr eigensinnig und sehr darum besorgt, durchaus selbständig zu erscheinen, nicht den Eindruck aufkommen zu lassen, daß er etwa unter dem Einfluß von irgend jemand stehe. Diese Eigenschaft, die noch durch den Einfluß seiner Frau, der Zarin Alexandra Feodorov/na (der früheren hessischen Prinzessin Alice), welche aus ihm durchaus einen starken, richtigen „Selbstherrscher" machen wollte, immer gestärkt wurde, machte ihn zu einem mißtrauischen und argwöhnischen Menschen, der seinen nächsten Mitarbeitern, den Ministern, nie traute, immer sozusagen auf seiner Hut vor ihnen war und auch sie ihrerseits immer zwang, auf allerlei Ueberraschungen von seiner Seite gefaßt zu sein. So sind z. B. Fälle vorgekommen, daß Minister, die bei ihrem üblichen