Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 46 (16.11.1928)
- Date
- 1928-11-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT afflfflmiiiw^^ Seite 9 lillllM^ Di* wabren religiösen Forderungen des Judentums: Weg mit dem unfruchtbaren Nationalismus! Weg mit dem unjüdischem Klassenkampf! Vertritt die Liste der „Jüdischen Union4*! (Prof. Dr. Alois Pick, Dr. Jakob Ornstein). mit dem Bekenntnis, daß sie „den Staat, in dem wir jetzt sind" — längst nicht brauchen. Vielleicht durch diese oder ähnliche Vorfälle belehrt, hat der Bürgermeister von Wien in seiner Festrede im Gemeinderat jedes Wort vermieden, das zu böswilliger Mißdeutung benützt werden könnte. Seine Ansprache, die mit dem feierlichen Bekenntnis schloß: „Die Gemeindevertretung, die berufen ist, das Schicksal dieser Stadt zu bestimmen, wird in Treue und Liebe zu unserem republikanischen Staat für die Republik Oesterreich ausharren und zu ihr in Treue stehen, was immer das Schicksal beschließen möge", fand mir das Echo in dem Rufe: „Hoch die Republik!" Professor Junitzer, der neugewählte Rektor der Wiener Universität, hat bei seinem Amtsantritt in einer feierlichen Ansprache die Studierenden daran erinnert, daß die Universität zur wissenschaftlichen Ausbildung der Hörer und nicht zur Austragung politischer und anderweitiger Differenzen diene. Die Ermahnung des Rektors hatte den Erfolg, daß einige Tage später die Hakenkreuzler jüdische und sozialdemokratische Studenten mit Stöcken überfielen und sie mit Gewalt aus den Räumen der Universität hinausdrängten. Nach der wirklich schönen und würdigen Ansprache der. Rektors ist zu hoffen, daß die jüngsten brutalen Ausschreitungen an der Universität nicht zu Maßregelung — jüdischer und sozialdemokratischer Studenten führen werden. # * * Auch eine Studentin wurde durch den Hieb mit einem Knüttel niedergeschlagen. Das junge Mädchen, das sich offenbar bisher mehr wissenschaftlichen als politischen Studien gewidmet hat, glaubte, da es sich nicht um eine pietätsvolle Denkfeier für die Monarchie handelte, unbedenklich „Hoch die Republik!" rufen zu dürfen. Ein Hakenkreuzler belehrte sie gründlich über ihren Irrtum. S. Grüners Restaurant II., Zirkusgasse 30 Telephon R 43-1-60 Vorzügl. Wiener, ungarische und orientalische (rumänische) Küche. Mittag und Abend Menü nach Wahl. Erstklassige Getränke. Hakenkreuzlerische Studenten, die — es ist nicht der erste Fall — studierende Mädchen mit Knütteln niederschlagen! Welche Perspektiven für die Zukunft in Oesterreich eröffnen sich dem Beobachter, der sich sagen muß, aus dem Kreise dieser Jünglinge werden dereinst auch Richter hervorgehen .... Oder läßt selbst dieser Fall die optimistische Möglichkeit offen, daß sie auch später einmal ohne Ansehen der Person urteilen werden? In Posen zog vor einigen Tagen nach einer antisemitischen Versammlung eine Menge aufgehetzter junger Leute, hauptsächlich Studenten, in die Judengasse. Die Studenten zerstörten die Inneneinrichtung der jüdischen Geschäfte, während der gemeine Pöbel wertvolle Waren — wenn der Ausdruck gestattet ist — in Sicherheit brachte. Das nenne ich eine dem modernen wirtschaftlichen Prinzip entsprechende Teilung der Arbeit. So arbeitet die geistige Elite mit dem mehr materialistisch gesinnten Teil antisemitischer Stürmer Hand in Hand. Die Königliche Tafel hatte bekanntlich die zwei Rassenschützler, die den Abgeordneten Vazsonyi auf der Straße tätlich insultierten, zu drei, respektive fünf Tagen Arrest verurteilt. Die Königliche Kurie hat nun dieses Urteil annulliert und eine neue Verhandlung anberaumt. Optimisten meinen, die Königliche Kurie habe erkannt, daß dieses Urteil angesichts des Umstandes, daß Vazsonyi schließlich einmal sogar ungarischer Justizminister gewesen, zu milde sei. Pessimisten fürchten jedoch, daß sich die Königliche Kurie vielleicht erinnert habe, die Attentäter seien seinerzeit von der Menge mit begeisterten Hochrufen begrüßt worden und die Strafe sei daher zu strenge. Ego. Wii^McgmeiUenfu^Wddßä! Tel. U 38-1-28 XI., Zentralfriedhof, neben dem 1. Tor, Tel. U18-0-8S