Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 46 (16.11.1928)
- Date
- 1928-11-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seit« 8 DIE WAHRHEIT stinenz vor. der Wahl nur die Gefahren, von welchen unsere altehrwürdige Gemeinde bedroht ist, vermehren. Jeder von uns muß sich in einen Agitator für unsere Sache verwandeln." Dr. Ornstein ging sodann auf einige Schlagworte der Gegner näher ein und beleuchtete zunächst die Frage des allgemeinen Wahlrechtes: „Sind wir denn wirklich so verknöchert und veraopft," sagte er, „daß wir uns den Forderungen der Zeit entgegenstellen? Um diese Frage zu beantworten, will ich mich der Statistik bedienen: 6.5 Prozent der Kultussteuerträger zahlen eine Kultussteuer von mehr als 100 Schilling und tragen damit 58 Prozent der Lasten unserer Kultusgemeinde. Ist das etwa, wie uns dies unsere Gegner vorwerfen, antidemokratisch? Haben diese 6.5 Prozent unserer Glaubensbrftder ein auch nur um ein Geringes besseres Wahlrecht als die anderen Kultussteuerträge«'? 11 Prozent zahlen eine Kultussteuer von 50 bds 100 Sehüing und tragen 20 Prozent aller Lasten. 82 Prozent zahlen weniger als 50 Schilling und tragen damit kaum den vierten Teil aller Lasten, dennoch besitzen sie die überwiegende Mehrheit aller Stimmen. Ist das antidemokratisch? Wer eine Kultussteuerleistung von 60 Groschen leistet, besitzt das Wahlrecht. Jeder, der sich zur Kultussteuecleistung bereit erklärt, mag sie auch noch so gering sein, kann dadurch Kultuswäfaler werden. Ja, sagen unsere Gegner, wenn er das täte, dann würde er sich der Gefahr (!) aussetzen, daß ihm dann eine höhere Steuerleistung vorgeschrieben ward. Sollen wir aber mit Männern von so niedriger Denkungsarr, die unseren Armen und Kranken das vorenthalten, was sie ihnen zu geben rechtlich und moralisch verpflichtet wären, Nachsicht zu haben und dieses Verhalten mit der Zuerkennung des Wahlrechtes belohnen? Wollen sich unsere Gegner wirklich dieser verabscheuungswürdigen Steuerhinterzieher annehmen? Wir, meine Damen und Herren, halten es mit dem Bibelworte: „Jeder steuere bei zu seiner Gemeinde!" Wer sich aber versteckt, um nicht zur Steuerleistung herangezogen zu werden, der soll nur in seinem Verstecke bleiben! Diese Versammlung, in welcher ich zu sprechen die Ehre habe, bietet ein erfreuliches Bild, nicht allein deshalb, weil sie an und für sich so überaus gut besucht ist, sondern weil sie auch von vielen ostjüdischen Glaubensbrüdern besucht äst, die ich als Präsident der „Union" in unserem Kreise auf das herzlichste begrüße. Gerne ergreife ich die Gelegenheit, auch einmal zu unseren ostjüdischen Glaubensbrüdern sprechen zu können. Ich brauche nicht darauf hinzuweisen, daß die Union einen Unterschied zwischen West- und Ostjndeo nicht macht und niemals gemacht hat Unsere Tätigkeit zur Zeit der Monarchie, die sich auch auf Galizien erstreckte, ist zur Genüge bekannt; bekannt ist auch, daß einer der Gründer der „Union" ein Ostjude war, unser unvergeßlicher Dr. Josef Bloch, Soll ich an die zahlreichen Fälle erinnern, wo wir unseren ostjüdischen Brüdern, wenn säe, durch falsche Anklagen verfolgt, verurteilt waren, einen Verteidiger beistellten, der im Wege der Revision schließlich ihren Freispruch durchsetzte. Soll ich an die vielen Fälle erinnnem, wo wir jüdische Mädchen aus den Mauern der Klöster, vor welchen die staatliche Autorität Halt macht, befreien konnten? Soll ich auf unsere Tätigkeit in der O ptionsfrage hinweisen, die trotz der feindlichen Einstellung der Verwaltungs- und Gerichtsbehörden den Optanten gegenüber dennoch in vielen Fällen zum Siege führte? All dies ist auch in ihrem Kreise zu gut bekannt, als daß ich es weiter hier ausführen brauche. Ich will jedoch allen gehässigen Verleumdungen gegenüber, die von der Gegenseite gegen uns ausge-. streut werden, die Feststellung machen: Die „Union österreichischer Juden" sieht ihre Aufgabe d^rffn, Beschützerin der staaisbüfrger!l>lich.e-n Rechte aller unserer Glaubensbrüder zu sein. Ich will mich aber auch an unsere orthodoxe h Glaubensbrüder wenden. Gerade weil wir vor Ihrer treuen Anhänglichkeit an den Glauben unserer Väter die größte Ach-' tung haben, weil wir Ihrer tiefen und innigen Frömmigkeit den größten Respekt zollen, bringen wir jedes erdenkliche Opfer, um jede unserer Anstalten, sei es nun unser Spital oder das Versorgungshaus, so zu führen, daß auch unser frömmster Glaubensbruder, falls er sie aufzusuchen gezwungen ist, dieselbe, ohne sein Gewissen auch nur im Entferntesten belastet zu haben, verlassen kann. Es kann in allen unseren Anstalten seinen religiösen Bedürfnissen genau so Rechnung tragen als wenn er zu Hause wäre. Meine Damen und Herren! Wir stehen auf dem Boden der österreichischen Verfassung, wir stehen auf dem Boden des Staatsgrundgesetzes, das uns die vollkommene Gleichberechtigung mit den nichtjüdischen Staatsbürgern gewährleistet. Diese Gleichberechtigung, für welche unsere Vorfahren gekämpft haben, und die sie uns als teures Erbe hinterlassen haben, ist in Gefahr, wenn Versuche unternommen werden, uns von den übrigen Bürgern dieses Staates zu trennen, eine Kluft zwischen uns und ihnen aufzurichten. Fern sei es daher uns, uns auf dien Vertrag von St. Germain zu stützen und aus ihm Mrnderheitsrechte für uns ableiten zu wollen, die, wenn sie einmal eingeführt wären, alsbald zu unserem Schaden ausschlagen würden. So sehr wir auch Anhänger der Verständigungsidee, deren Ausdruck der Völkerbund ist, sind, so geben wir uns dennoch keiner Täuschung darüber hin, daß der Völkerbund uns Juden, falls wir uns an ihn wenden würden, Schutz und Beistand gewähren würde. Dafür kann ich die Zionisten selbst als Zeugen anführen, welche in ihrem Blatte erklärt haben, daß sie sich schon vor zwei Jahren wegen der unleidlichen Verhältnisse an der KJagemauer an ihn gewendet hätten, ohne daß er auch nur das Geringste getan hätte. Wir setzen das Vertrauen nicht in eine fremde Macht, sondern einzig und allein in unser gutes Recht". Dr. Ornstein schloß seine mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen mit einem Appell an alle Anwesenden, für die „Union" zu arbeiten und am 2. Dezember wie ein Mann für die Liste der „Union" zu stimmen. Ollcrren, Der Bundeskanzler Professor Dr. Seipel hat in seiner Festrede anläßlieh der Republikfeier der Wiener Hochschulen die historische Tatsache festgestellt, daß die Staaten nicht ewigen Bestand haben, daß sie sich verändern. „Wir können es nicht hindern — fuhr er fort — aber wir können mit aller Kraft darauf hinarbeiten, daß wir den Staat, in dem wir jetzt sind, so lange erhalten, als wir ihn brauchen, so lange, als er Aufgaben für unser Volk und in der Gemeinschaft der Völker zu erfüllen hat." Man kann sich lebhaft das Entsetzen des Bundeskanzlers, dieses ersten und berufenen Kämpfers für die Erhaltung des Staates vorstellen, als er aus den wüsten Szenen, die sich unmittelbar nach der Republikfeier abspielten, erfahren mußte, in welch schändlicher Weise ein Teil der hakenkreuzlerischen Studenten seine großangelegte Rede mißdeutete. Die frechen Schreier „Nieder mit der Republik!" ergänzten sich die Rede des Staatskanzlers MÖBJELFABRMC SIGM. WIEN, 2. BEZ., PRA TERSTRASSE NR. 30 Belebe Auswahl solid gearbeiteter Möbel zu billigsten Preisen MJeSlerfllr Innendekoration, xietx große Auswahl von Möbeln aller SUlarten In Jeder PreMage. FERNSPRE CH-NUMMER r 45-1-91 P P E N H E I