Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 46 (16.11.1928)
- Date
- 1928-11-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DI£ WAHRHEIT Seite 1 Wollen Ste grfir i§lB< SPCliCn?? Versuchen Sie die seit 60 Jahren bestehende Telephon Ii 42-3-70 Telephon R 42-3-70 und bestrenommlerfe -wa Küche im HOTEL-RESTAURANT „GUTH ■»-. hq^^ ™ Arrangiert jedes festliche Ereignis, in jeder Preislage in und außer Hause unter Beistellung von geschultem Personale und vollständigem Service Prachtvolle geräumige Säle für Hochzeiten, vereine und Gesellschaften Verwendung von nur Prima Gansfette — Mittags- und Abendmenu zu S 2*20 and S 3*20 Palästinaweine vom Fall Zum Besuche ladet höflich ein Schwechater Bier Josel Quin, Hotelier nnd Bestanrateur litische Forum schaffen, auf welchem sie ihre politischen Aspirationen, die uns nur zu gut bekannt sind, zur Geltung bringen können? Dagegen muß sich jeder Jude energisch zur Wehr setzen. Wecdäs unterläßt. begeht eine Sünde an. sich selbst, seinen Nachkommen und seinen Vorfahre n." Um nun die Mentalität der Poalezionisters zu charakterisieren, erwähnt der Vortragende jenes bezeichnende Vorkommnis in der Sitzung des poalezionistischen Weltkongresses in Berlin, das wir in der letzten Nummer gebührend gekennzeichnet haben und das in allen jüdischen Kreisen, überall, wo noch ein Funken Jüdischen Empfindens vorhanden ist, Abscheu und Entrüstung hervorgerufen hat „Wir haben uns aber leider nicht allein gegen die Poalezionisten zu wehren", fuhr Kommerzialrat Re if in seinen Ausführungen fort, „wiir haben noch andere Gegner. Diese sind die Jüdischnationalen, welche einen Standpunkt vertreten, der dem unsrigen gerade entgegengesetzt ist. Das Wort „national" hat immer einen häßlichen Beigeschmack gehabt und wird ihn behalten. Der Nationalismus führt immer zu einer Enge der Auffassung, zu einer Gereiztheit und Ungerechtigkeit gegenüber dem Andersnationalen; er findet weniger in der Liebe zu dem Volksgenossen, als vielmehr im Haß gegenr über demjenigen, welcher einem anderen Volke angehört, seinen Ausdruck. Das sehen sie z. B. an den Deutschnationalen, aber auch an den Nationalisten anderer Völker. Der Nationalismus steht aber auch im Gegensatz zu unserer Religion, welche den Menschheitsgedanken vertritt. Jeder Nationalismus kennt aber nur seine eigene Nation und sonst nichts auf der Welt. Dennoch aber muß ich ihnen gestehen, daß mich der Wahlaufruf der Jüdischnationalen in gewisser Hinsicht enttäuscht hat. Ich war bei der eben charakteristischen Denkungsart dieser Leute auf Aergeres gefaßt. Der Aufruf ist nämlich ziemlich zahm gehalten. Immerhin befanden sich in ihm einige Stellen, welche zu Bedenken Anlaß geben, z. B. der Hinweis „auf die wirtschaftliche Eigenart des jüdischen Volkes". Jeder österreichische Jude muß sich aufs tiefste verletzt fühlen, wenn er das, was die Judenfeinde aller Schattierungen von uns behaupten, daß wir uns nämlich im wirtschaftlichen Leben anders benehmen als unsere christlichen Mitbürger, in einem jüdischen Wahlaufruf liest. Wenn uns die Jüdischnationalen in einen Gegensatz zu unseren nichtjüdischen Mitbürgern bringen wollen, dann beschwören sie eine Gefahr herauf, deren Tragweite ihnen wohl selbst nicht einmal zum Bewußtsein gekommen zu sein scheint. Ferner fällt mir im jüdischnationalen Wahlaufruf die Stelle, welche von der Unterdrückung unserer Glaubensbrüder durch die derzeitige Gemeindeverwaltung spricht, auf. Von „Unterdrückung44 sprechen die Jüdischnationalen offenbar deshalb, weil wir nach ihrer Ansicht kein „allgemeines Wahlrecht" für die Knltusvertretung zulassen. Diese Anschauung ist jedoch ganz falsch. Da jeder Glaubensbruder, wofern ihm nur unsere Gemeinde eine Tramwaykarte wert ist, sich das Wahlrecht verschaffen kann, ist unser Wahlreicht viel demokratischer, viel allgemeiner, als das von Staat und Gemeinde, auf welches die Jüdischnationalen immer hinweisen, denn wie viele Staatsbürger und Gemeindeangehörige gibt es, die in Form von indirekten Steuern, bei jedem verzehrten Stück Brot, viel höhere Ab* gaben, als es selbst hohe Kultussteuern sind, an Staat und Gemeinde entrichten, ohne das Wahlrecht zu besitzen! Doch wie die „Unterdrückung", von welcher die Jüdischnationalen phantasieren, in Wahrheit aussieht, das mögen ihnen folgende Daten beweisen: 30 Prozent aller Leichenbegängnisse sind gratis, 30 Prozent werden zu einem Preise besorgt, der weit unter dem Selbstkostenpreise der Gemeinde liegt; alle übrigen werden zu Preisen vorgenommen, welche der jeweiligen Vermögenslage der Hinterbliebenen entsprechen und auch hier wird das weitestgehende Entgegenkommen geübt. Doch die „Unterdrückung" zeigt sich auch bei freudigen An-, lässen: Geburtsschein und Trauungsschein werden Unbemittelten unentgeltlich besorgt; arme Brautpaare werden kostenfrei getraut und die Braut erhält außerdem noch aus einem besonderen Fonds einen Beitrag zur Brautausstattung; die Neugeborenen armer Eltern werden kostenfrei beschnitten usw. So schaut die „Unterdrückung" aus, von den vielen karitativen Institutionen der Gemeinde ganz zu schweigen. Die Anerkennung, welche der Wiener Kul'tusgemeinde auf der ganzen Welt, überall wo Juden leben, für ihre vorbildliche Tätigkeit gezollt wird, ist daher eine allgemeine. Diese Anerkennung, ja die einzigartige Stellung, welche unsere Wiener Kultusgemeinde unter allen jüdischen Gemeinschaften der Erde einnimmt, sie hat sich nicht eTst in den letzten Jahren herausgebildet, sie ist die Frucht einer hundert Jahre währenden aufopfernden Tätigkeit, welche die Männer, die jetzt um ihr Vertrauen werben und ihre Vorgänger in selbstlosester Weise geleistet haben. Da kommen nun Parteien und Gruppen, welche auf nichts anderes hinweisen können als auf demagogische Schiagworte und inhaltslose Phrasen, und suchen Sie zu verwirren, zu betören und durch maßlose Ansprüche in Ihnen trügerische Hoffnungen zu erwecken, welche sich niemals verwirklichen lassen. Ein solches Schlagwort ist das von der „Volksgemeinde", welches im Programm der Jüdischnationalen vorkommt. Wir sind aber keine Volksgemeinde, sondern eine Religionsgemeinschaft und die Kultusgemeinde hat ihrer gesetzlichen Bestimmungen und ihrer idealen Aufgabe gemäß keinen anderen Zweck als die einer solchen Gemeinschaft zustehenden gemeinsamen Angelegenheiten wahrzunehmen. Eine weitere sehr gefährliche Forderung ist die nach Aufstellung eines Katasters. Das Wort Kataster, im Zusammenhange mit Judentum gebraucht, hat immer einen merkwürdigen Beigeschmack. Wir brauchen einen solchen Kataster nicht und es wäre besser gewesen, die Jüdischnationalen hätten das ominöse Wort nicht in den Mund genommen, denn, wer kann wissen, ob nicht einmal das, was die Jüdischnationalen jetzt im Namen des Judentums fordern, später von Judenfeinden aufgenommen und zu unserem Schaden eingeführt werden könnte. Ebenso falsch ist die Forderung nach Dezentralisation der Wohlfahrtseinrichtungen. Jeder, der sich nur einigermaßen mit Wohlfahrtspflege befaßt hat, weiß, daß diese nur durch eine zentrale Behandlung durchgeführt werden kann. Meine Damen und Herren! Lassen Sie sich nicht verwirren und betören, folgen Sie nicht den Schlagworten, sondern der Stimme Ihres Herzens und der Forderung Ihrer Vernunft. Verbreiten Sie Aufklärung in den weitesten jüdischen Kreisen; denn nur auf diesem Wege können wir den Entstellungen unserer Gegner wirksam entgegentreten. Deshalb schließe ich mit der Bitte, unterstützen Sie die Bestrebungen, die ich hier zu vertreten die Ehre habe; Sie erfüllen damit eine Pflicht gegen sich, eine heilige Pflicht gegenüber Ihren Kindern und ehren so das Andenken Ihrer VorfahrenJ" Als nächsten Redner erteilte sodann Kultusvorsteher Edmund Hofmann, welcher inzwischen den Vorsitz in der Versammlung übernommen hatte, Herrn Präsidenten Dr. Jakob Ornsteitt das Wort. Dieser führte aus. „Heute ist der Nacht-ag zu der Wählerliste erschienen, aus welchem zu entnehmen ist. daß am 2. Dezember ungefähr 37.600 Wähler he: der Wahlurne erscheinen können, um ihre Stimme abzugeben. Fs isj daher unsere Aufgabe, bis zu diese.«™ Tage allen Kuhuswählern einzuschärfen, daß es ihre Pflicht ist, das Wahlrecht auch auszuüben und daß sie durch ihre Ab-