Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 46 (16.11.1928)
- Date
- 1928-11-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sehe 6 bbbööb D|ß WAHFHEif Der zionistische Irrweg. Colonel Wedgwood hielt vor kurzem in Veranstaltungen der zionistischen Organisationen Deutschlands Ansprachen, in denen wieder einmal die Mitarbeit aller Juden am Palästinawerk gefordert wird. Darüber schreibt die Berliner „Jüdisch-Liberale Zeitung" folgendes: Daß Palästina kein „Land ohne Volk", haben 5a erst wieder die jüngsten Vorgänge an der Klagemauer gezeigt; daß Palästina kein Weg zur Linderung der Ostjudennot, beweist ein Blick auf die Ein- und Aus Wanderungsziffern; daß man ein Kulturzentrum nicht „schaffen" kann, belegt die kurze, aber inhaltreiche Geschichte der Jerusalemer Universität, und daß man einen „Judenstaat" nicht schaffen wird, das gewährleisten neben den Bevölkerungsverhältnissen in Palästina und der Kolonialpolitik Englands auch die Finanzen der zionistischen Organisation. Was vom Zionismus da bleibt? Man möchte hoffen, daß der von Zionisten unzweifelhaft geförderte Stolz aufdas Judesein bleibt. Das Verhalten der deutschen Zionisten im Fall Wedgwood macht allerdings befürchten, daß auch diese Hoffnung für die Zionisten aufgegeben werden muß. Wir wollen gar nicht von Begleiterscheinungen dieser Vortragsreise sprechen, nur von dem Umstand, daß man Herrn Wedgwood vor den deutschen Juden die Werbetrommel schlagen läßt, sei die Rede. Vor zehn Jahren formulierte Weizmann die stolze Forderung: „Palästina den Juden wie England dem Engländern." Und heute nun ist zionistischer Redner Colonel Wedgwood, der bekannte englische Parlamentarier, der erst vor kurzem unter dem Titel „Das siebente Dominium" ein Buch veröffentlichte, in dem er die Frage auf wirft: Soll England das jüdische Palästina aufbauen auf die Gefahr, hin, daß dieses mit seiner Hilfe geschaffene Gebilde von dritter Seite benutzt werden kann, um England in seinen Stellungen in Asien und Afrika zu bedrohen? Wie kann eine Garantie geschaffen werden, daß dieses jüdische Palästina, auf einem für das britische Reich so lebenswichtigen Punkte gelegen, nicht in den Dienst der Feinde gerät oder sich in diesen Dienst begibt? Wedgwood beantwortet die Fragen: Palästina muß ein Bestandteil des britischen Reiches werden, ein Teilstaat des britischen Imperiums, das siebente Dominium. Es ist selbstverständlich in zionistischen Kreisen bekannt, daß Colonel Wedgwood, ehemaliger großbritannischer Minister und Mitglied des Unterhauses, die Auffassung vertritt, Palästina, bei Ablauf der Mandatsperiode vom Mandatsland des Völkerbundes in ein britisches Dominium zu verwandeln. Trotzdem lassen sie ihn sprechen. Und wagen noch nicht einmal, in den Versammlungen oder in der „Jüdischen Rundschau" seinen Plänen entgegenzutreten. Und sammeln nach den Vorträgen Geld von jüdischen Deutschen für ihr Werk in Palästina, das nach den Wünschen des Vortragenden ein Teilstaat des britischen Imperiums werden soll. In der ersten Berliner Kundgebung, bei der Wedgwood sprach, veranstaltet vom Keren Hajessod, ließ Wedgwood von seinen Wehren Absichten noch nichts durchblicken. In der zweiten Versammlung im Lehrerveireinshaus. veranstaltet von der Berliner Zionistischen Vereinigung, war die Schüchternheit schon ein wenig überwunden. Wir zitieren nach der- „Rundschau": „Redner bespricht dann ausführlich die Beziehungen zwischen jüdischem und englischem Geist, die er für sehr verwandt hält. Er bittet die zionistische Welt, die Idee einer dauernden engen Verbindung der beiden Völker nicht zu verwerfen. Palästina soll ein jüdisches Nationalheim werden, aber gleichzeitig ein Bestandteil des britischen Weltreiches, das sich in einen Bund freier Völker verwandeln wird." Am gleichen Tage fand für zionistisch-revisionistische Führer ein Tee statt, über den ein Communique folgendes ausplaudert: „Colonel Wedgwood hielt eine Ansprache, in der er die politischen Ideen entwickelte, welche er in seinem bekannten Buch ,The seventh Dominion' niedergelegt hat. Eine Aussprache schloß sich an. Die Gedankengänge Colone! Wedgwoods berühren sich sehr, eng mit den Forderungen des Revisionismus, und die Mehrzahl der Revisionisten sympathisiert offenbar mit dem Projekt Colonel Wedgwoods, Palästina bei Ablauf der Mandatsperiode in ein jüdisches Dominion zu verwandeln, das, mit den anderen Dominions gleichberechtigt, einen Teil des britischen Imperiums bilden soll. Eine offizieSe Stellungnahme der revisionistischen Partei zu dieser Frage wird voraussichtlich auf der im Dezember <L J. in Wien stattfindenden revisionistischen Konferenz erfolgen." Und schließlich sei noch erwähnt, daß Wedgwood auf einer Landeskonferenz der Poale Zion in Deutschland ausführte:, „Es wird vielleicht lange dauern, bis eine jüdische Mehrheit in Palästina zu- CENTRALKINO n Wien II., Taborstraße 8 - Tel. R 42-3-41 URAUFFÜHRUNG GEHEIMNISSE ORIENTS Ein Prunkfilm der Ufa Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr standekommt und bis der jüdische Staat geschaffen wird Solange aber die Juden in der Minderheilt sind, müssen wir dafiir sorgen, daß in Palästina kein Parlament entsteht." Wir haben den Zionismus als jüdische Bewegung aus jüdischen Gedankengängen heraus abgelehnt. Der Zionismus ging seinen Weg. Die Praxis mußte auch die Zionisten belehren, daß es ein Innweg war. Doch die Zionisten wandern den Irrweg weiter. Und es stört sie schon nicht mehr, daß der Colonel Wedgwood sie führt. Kultuswählerversammlung. Unter Vorsitz des Obmannes der Bezirkssektion II, Herrn Kommerzialrat Ludwig R a p p e p o r t, sowie des Herrn Kultusvorstehers Edmund H o f m a n n, welcher den Vorsitz später übernahm, fand Mittwoch, den 6. d. M. im Großen Saale des Restaurant Operer, II., Taborstraße 12, eine Kultuswählerversammlung der „Union" statt, welche einen außerordentlich zahlreichen Besuch aufzuweisen hatte. Insbesondeirs war es das Erscheinen vieler orthodoxer Glaubensbrüder, welches dieser Versammlung ein besonderes Gepräge verlieh, und ein Zeugnis dafür ist, daß unsere Wahlparole „Für die Religion und gegen die Politik!" uns trotz aller Verhetzungsversuche gegnerischer Agitatoren die! Sympathie auch dieses wertvollen Teiles der Wiener Judenheit verschafft hat. Nach Eröffnung der Versammlung ergriff, lebhaft akklamierr, Kommerzialrat Moritz Reif das Wort zu folgenden Ausführungen: „Die große Zahl der Anwesenden scheint mir ein schlagender Beweis dafür zu sein, daß die Wiener Kultuswählerschaft endlich aus ihrer Gleichgültigkeit erwacht ist und zu erkennen beginnt, um was es sich für uns Wiener Juden bei dieser Wahl handelt. Der 2. Dezember wird ein Schicksalstag für das Wiener Judentum sein, und zwar deshalb, weil wir Parteien gegenüberstehen, welche Bestrebungen an den Tag legen, deren Erfüllung unserer altehrwürdigen Gemeinde schweren Schaden, wenn nicht gar den Zusammenbruch bringen würde. Diese Bestrebungen sind eigentlich recht jungen Datums und halten keinen Vergleich aus mit jenen, welche die heute in unserer Gemeinde führenden Männer seit Jahrzehnten an den Tag gelegt haben. Wenn jene Männer, welche die Tradition hochhalten und diese ungeschmälert den Kindern abliefern wollen, nicht alle angestrebten Ziele haben erreichen können, dann tragen jene die Schuld, welche nicht um zu arbeiten, sondern um die Arbeit der anderen zu erschweren, in die Gemeinde gewählt worden sind und die jedes gedeihliche Weiterarbeiten in der Kultusstube unmöglich machen würden, wenn sie verstärkt in diese einziehen sollten. Um dieses Eindringen von störenden Elementen in die Kultusstuibe zu verhindern, muß jeder Jude die kurze Spanne. Zeit, die uns noch bis zu den Wahlen zur Verfügung steht, ausnützen, um in seinem Bekanntenkreise Propaganda dafür zu machen, damit jeder am 2. Dezember seine Pflicht tue. Welche sind nun diejenigen Parteien, deren verstärktes Eindringen in die Kultusstube wir als eine Gefahr für das Wiener Judentum ansehen? Da ist zunächst die „Poaie Zion", eine national-kommunistisch orientierte Partei, welche für ihre Kandidaten um Stimmen wirbt. Was die Poalezionisten in der Wiener Kultusgemeinde wollen, ist mir vollkommen schleierhaft. Wollen sie auch dort etwa jenes po-