Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 46 (16.11.1928)
- Date
- 1928-11-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 HHffiBfflH^^ DIE WAHRHEIT du nur durch deine Religion!1 Was ist geschehen, daß das jetzt anders sein soll? Hat man jetzt erst entdeckt, daß semitisches Blut in meinen Adern rollt? Vielleicht waren meine Ahnen zu irgend einer Zeit deutsche Christen, die zum Judentum übergetreten sind? Das Haus Habsburg, so schreibt Gregorovius in seiner Geschichte Roms, war einmal stolz darauf, mit den Pierleoni verwandt zu sein, aus deren Mitte der Papst Anaclet II. hervorgegangen ist, obwohl die Pierleoni Juden waren. Warum soll ich nicht von deutschen Christen abstammen können? Verschwören kann ich es nicht und mein Gesicht entscheidet darüber auch nicht. Sie behaupten, Gnädige Frau, daß man den meisten Juden ihr Judentum ansehen kann. Ich vermag das nicht. Warum soll ich anderen diese Fähigkeit zuerkennen? Und was nun Sie betrifft, die Sie sich eine Vollblutarierin nennen, können Sie beschwören, daß Ihre Ahnen im 10. oder 16. Jahrhundert nicht getaufte Juden waren? Ich nenne mich also einen Deutschen mit demselben Rechte, mit dem ich mich vor 50 und 60 Jahren ohne Einwendung von irgend einer Seite so genannt habe. Warum auch nicht? Chamisso stammte aus Frankreich und ist ein deutscher Klassiker; die deutschen Generäle Francois und Podbielsky haben den Siebziger Krieg mitgemacht; ihre Namen aber deuten so wenig auf deutschen Ursprung, wie der Name Kohn oder wie die der Abgeordneten Chiari und Stransky, die trotz ihrer undeutschen Namen in unserem Parlamente das Deutschtum am meisten für sich in Anspruch nehmen und es den Juden absprechen. War der Präsident des Frankfurter Parlaments, Simon, ein Deutscher? War der Abgesandte dieses Parlaments, der Abgeordnete, der Friedrich Wilhelm I. die deutsche Kaiserkrone anbieten sollte, Johann Jacobi ein Deutscher? Diese ,Männer waren aber, wie Heinrich Simon, Moritz Rabbi Loew und sein Golem. Von Alois J i r ä s e k. (Entnommen Jiräseks: „Sagen aus dem alten Prag.") Während der Regierung Rudolf II. lebte in der Prager Judenstadt der Rabbi Jehuda Low ben Bezalel, ein sehr gelehrter und weiser Mann. Er war von hoher Statur und deshalb nante man ihn den „hohen" Rabbi. Er wußte nicht nur vorzüglich im Talmud und der KabbaJa Bescheid, sondern auch in der Mathematik und Astronomie. So manches Naturgeheimnis, •das anderen verschlossen war, war ihm bewußt und er kannte mancherlei Merkwürdiges, so daß die Menschen über seine Zaubermacht erstaunten. Sein Ruf war weit und breit bekannt und drang auch hinauf auf die Burg des hl. Wenzel, zum Hofe des Königs Rudolf. Sein Hofastronom Tycho de Brahe schätzte den gelehrten Jehuda Low sehr hoch; der Herrscher selber lernte ihn auf eine sonderbare Weise kennen. Einmal fuhr er im Hofwagen in Begleitung von berittenen Höflingen vom Hradschin zur Altstadt. Es war gerade zur Zeit, als er den Befehl erteilt hatte, daß alle Juden Prag verlassen müßten. Rabbi Low ging diesmal zum Hofe, um für seine Glaubensgenossen zu bitten; aber er hatte keinen Erfolg, denn er wurde nicht zum Könige vorgelassen. Jetzt erwartete er ihn, und zwar gerade in der Mitte der steinernen Brücke, denn er hatte, sichere Kunde, daß er hier vorbeifahren werde. Als die Leute den königlichen Prunkwagen mit vier Pferden in wunderbarem, glänzend beschlagenem SatteJzeuge Hartmann ihrer Religion nach Juden! Also, Gnädige Frau, die jetzige reinliche oder vielmehr unreinliche Scheidung in Deutsche und Juden, die der Antisemitismus vornimmt, ist so unberechtigt wie lächerlich. Ernst Schneider unterscheidet sogar zwischen Menschen und Juden. Da wäre schon die Scheidung zwischen Menschen und Antisemiten berechtigter." Unsere Jüdischnationalen sprechen gerade so von Rasseneigentümlichkeiten und Eigenarten der Juden, die sie noch um national-kulturelle, soziale und wirtschaftliche willkürlich vermehren, wie die ärgsten Antisemiten. Sie wüten geradezu gegen die Bezeichnung „deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens" oder „Union* österreichischer Juden". Sie ignorieren die Lehre und Mahnung des Propheten: „Sorge für das Wohl des Staates, in den dich der Herr versetzt hat, denn in seinem Wohle ist auch das deinige begründet." Eine Reminiszenz: Im Jahre 1872 gab es noch keinen Zionismus, damals wollte der Wiener Kultusvorstand unter anderen Reformen auch die Eliminierung der auf die Rückkehr nach Jerusalem sich beziehenden Gebete (auch aus dem Schemauno-Essre) beschließen. Oberrabbiner Dr. Güdemann und der Rabbiner der Orthodoxen, Sal. Spitzer, haben den damaligen ignoranten Antragstellern nachgewiesen, daß diese Gebetstellen sich ausschließlich auf die messianische Idee und Zeit beziehe und schon deshalb nicht illoyal sind, weil es nicht heißt, daß wir Juden in das Land unserer Väter zurückwollen, sondern daß Gott diese Rückkehr veranlassen möge und werde. Ein weiterer Reformantrag bezog sich auf die Abschaffung des Hebräischen aus dem Unterricht in den Gymnasien. Auch diesem Antrag konnte nicht stattgegeben werden. Es wurden in der Folge neue hebräische und den prachtvollen berittenen Aufzug auf der Brücke gewahrten, riefen sie dem Rabbiner zu, sich fortzupacken. Doch Low blieb stehen, als ob er nicht hören würde, gerade dem königlichen Wagen im Wege. Da aber fuhren die Leute den gelehrten Mann schon an und warfen nach ihm. Sie schleuderten Steine und Kot nach ihm und solch ein Blümlein fiel auf ahn, auf seinen Mantel, seinen Kopf und zu seinen Füßen. In diesem Augenblick kam der königliche Wagen angefahren. Der Rabbi wich aber nicht um einen Schritt von seiniem Standplatz zurück. Doch die Pferde überfuhren ihn nicht, sondern hielten vor ihm, obgleich es der Kutscher nicht gebot. Jetzt erst rührte sich der Rabbi und schritt mit entblößtem Haupte, mit Rosen und anderen Blumen zum Wagen, wo er kniend den König um Gnade für seine Glaubensgenossen anflehte. Der König, welcher von seiner Erscheinung und dem Vorfall überrascht war, befahl ihm, auf die Burg zu kommen. Dies war eine große Gnade. Die zweite aber wurde ihm vor dem Throne zuteil, wo er mit siedner Bitte einen guten Erfolg hatte. Die Juden mußten nicht in die Verbannung und ihr Rabbi Low wurde von jener Zeit an öfters auf die Burg zum Könige geladen, dem er manchen Augenblick durch seine Zauberkunst verkürzte. Einmal wünschte sich der König Rudolf, daß ihm Rabbi Bezalel die Stammväter Abraham, Isak und Jakob und die Söhne Jakobs zeige. Der Rabbi zögerte, schließlich aber versprach er, den Wunsch des Regenten zu erfüllen, nur darum bat er, daß niemand lachen dürfe, bis sich die heiligen Figuren der Patriarchen offenbaren würden. Der König und sein Hof, die in einem Seitensaale versammelt waren, versprachen es und blickten begierig nach der tiefen Fensternische, wo der ernste, große Rabbi im Dämmerlichte stand. Da aber verschwand er wie im Nebel und aus einer grauen Wolke trat die hohe Gestalt eines Greises in