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Die Wahrheit · 1928-11-16 · Heft 46 (16.11.1928) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 46 (16.11.1928)
Date
1928-11-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer {50 Groschen Wo&msawk VeigffefiffidHniAtfi ier JLbtian deutsAöaterr. JUtaf Jkm&cbefl y«rkutbaraitfe& der kftttfttlidhwi Knlfostfemeinde Wiea" aniBiiiiiniiiiiiiiiiiiüiüiiHtuiniuüiiiiiiitiiiRirauniuti Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße Nr. 13 — Telephon R42-2-16 XLIV. Jahrgang Wien, 16. November 1928 Nummer 46 Judentum und Nationalismus. Von Medizinalrat Dr. H. Haase. Anläßlich der bevorstehenden Wahlen in den Vorstand der Kultusgemeinde ist es sicher nicht unangebracht, mein Mahnwort an die Wiener Judenschaft vom Jahre 1919 zu wiederholen und in einigem zu ergänzen. Daß die gegensätzlichen Anschauungen innerhalb der Judenheit niemals in der Geschichte seit dem Streite um den Rabbinismus und die Philosophie nach Maimonides eine so tiefe Kluft geschaffen haben, wie sie das Aufkommen des Nationalismus mit sich gebracht hat, ist eine traurige Tatsache. Seine Verschärfung erfährt der gegenwärtige Kampf dadurch, daß ein ganz fremdes, das politische Moment damit auf den Plan getreten ist. Müssig erscheint mir der Streit um die Definition des Begriffes „Nation". Man kann heute ruhig unsere nationalen Juden in Wien, die sich wieder bloß „Zionisten" heißen, in zwei Kategorien trennen, in solche, welche aus dem Osten stammen, heimatlos geworden, vom Judenhaß verfolgt und vertrieben, eine ideale neue Heimat mit Geist und Seele suchen und dem Traum vom Aufbau eines nationalen Staates in Palästina nachhängen. Auch gegen Gefühlsmomente erscheint es müssig, anzukämpfen. Die anderen, das sind die, welche hier diese Folgen politischer Unterdrückung der Juden Polens und Rußlands zu einer unangebrachten politischen Parteitätigkeit ausschroten. Wir glauben im Recht zu sein, wenn wir behaupten, was schon zur Zeit der Emanzipation der Juden in Mitteleuropa auch von christlicher Seite behauptet worden ist, daß die „Judenfrage" keine Frage der Juden, sondern eine Frage der Völker ist, unter denen sie leben. Wer kann leugnen, daß die Grabschändungen, welche sich nationalsozialistische deutsche Jugendliche in der letzten Zeit leisten, eine Kulturschande des deutschen Volkes beinhalten? Die große Gefahr des politischen jüdischen Nationalismus in den Ländern der Diaspora besteht darin, daß damit erst eine politische Judenfrage geschaffen wird. Die von den Zionisten in ihrem Programm geforderte „Volksgemeinde" strebt nach Anerkennung der österreichischen Juden als „ethnische", d. h. völkische Minorität. Das damit verbundene Aufgeben der mit so großer Mühe errungenen Gleichberechtigung zugunsten sehr fragwürdiger Minorität s rechte würde uns Juden sicher weit größeren Schaden zufügen, als der schärfste Antisemitismus es bisher vermocht hat. Die sich gern idealistisch gebenden Führer der Partei verlangen von uns das Opfer. „Wozu?" frage ich mit Edmond Fleg: „Um eine Nation zu werden, die den anderen gleicht? So unendlich mehr schon gelitten haben als die anderen, um dann den anderen gleich zu werden?" Nein! Das Judentum kennt keinen einseitigen Nationalitätsbegriff, „da dieser mit dem Geiste der Thora, der Propheten und Psalmen in direktem Widerspruch steht, ebenso wie mit dem Geiste seiner Geschichte." Im Judentum war der Volksbegriff stets nur durch seinen Gottesbegriff bedingt .... Es hat nicht die Aufgabe, die zentrifugale Nationalitätssucht oder Nationalitätsschwärmerei der Völker zu unterstützen, geschweige ihr seinerseits zu huldigen, sondern vielmehr die, den Individualismus der Nationen aufzuheben; würde es in seinen Bekennern das Bestreben erwecken, wieder eine Nation zu werden, so beginge es einen Selbstmord, denn es würde für eine im günstigsten Falle zweifelhafte Gegenwart die Zukunft preisgeben. ... Die Nationalisierung des Judentums ist das Umgekehrte seines Anfangs, der Judaisierung des Nationalen. Dieses steckt im Irdischen, das Jüdische im Geistigen. Die Nationalisierung des Judentums heißt also, es aus der Sphäre des Geistigen in die des Irdischen versenken. Aber „Staub bist du und zu Staub kehrst du zurück", das ruft man nur den Toten nach. Güdemann, aus dessen Werken diese Zitate entnommen sind, hat 1907 in einer Antwort an eine schriftstellernde Dame folgendes geschrieben: „Hätte ich vor 60 Jahren in meiner Vaterstadt Hildesheim in Preußen oder vor 50 Jahren als Student in Breslau auf die Frage nach meiner Nationalität geantwortet: ,Ich bin ein Jude!4, so würde man mich entweder für schwerhörig oder für verrückt erklärt und mir gesagt haben: ,Du bist deiner Nationalität nach ein Deutscher, ein Jude bist

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