Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 45 (9.11.1928)
- Date
- 1928-11-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 «^BMflHiiJHnun» interkonfessionelle Steuergelder im Auslande erhalten werden, während die zumeist armen jüdischen Studenten, von ihren Glaubensgenossen kärglich unterstützt, darbend und hungernd ihren Wissensdurst stillen müssen. Ego. Wiedereröffnung der israelitischen Kinderbewahranstalt des Vereines „ Wohlfahrt". Wie bereits in der vorigen Nummer berichtet, wurde die israelitische Kinderbewahranstalt in der Schiffaratsgasse während der Ferien umgebaut, vergrößert und renoviert und Sonntag, den 28. Oktober, feierlichst wieder eröffnet. Unser den Anwesenden bemerkte man unter anderen: in Vertretung des Bundesministeriums für soziale Fürsorge: Ministerialrat K o c e w a, für den Polizeipräsidenten Polizeirat Stadthaupimann Dr. Weybora, in Vertretung der Israelitischen Kultusgemeinde: Präsident Prof. Dr. Alois Pick und die Vizepräsidenten Dr. Jakob 0 r n s t e i n, Dr. Josef L öwenherz, für die „Zukunft": Kommerzialrat Dr. K a r p e 1 e s und Direktor Rozsa, für den Prauenverein II. Frau Präsidentin Dr. Margarethe G r u n w a 1 d. mit den Damen B e r a n und H i r s c h f e I d, für die Frauenwohltätigkeitsvereine Frau Sofie Grünfeld, Frau Bundesfürsorgerätin Ella KTeisler, für die jüd. soziale Fürsorge: Kommerzialrat Karl K1 e m p er e r, für den Allgemeinen Verband für freiwillige Jugendfürsorge: Dr. P a r a d e i s e r, für die Wiener Tempelvereine Präsident Börserat Ignatz Glück; für den Tempelverein „Beth Israel" Obmann Dr. Landau mit einer großen Zahl Vorstandsmitglieder, für die Logen B'nai- B'rith Präsident Dr. Fritz Eckstein und Prof. Dr. Julius Z a p p e t t, für die „Chewra Kadlscha", Jakob T r e b i t s c h, für den Bethausvorstind Vorsteher Julius Berg er, für den Verein „Montefiore" Obmannstellvertreter Kudelka, für die Presse Chefredakteur Herzog (Correspondance Herzog) u. L. Hirschfeld („Wahrheit"). Nach einem Vorspiel und einleitenden Psalm eröffnete der Obmann, Herr Rabbiner Dr. Max G r u n w a 1 d, die Feier, indem er unter anderem sagte: „Hochansehnliche Festversammlung! Im Namen des Vereines „Wohlfahrt" und der „Israel. Kinderbewahranstalt" begrüße ich Sie auf das herzlichste und danke ich Ihnen für die Ehre Ihres Erscheinens. Insbesondere begrüße ich die Vertreter der staatlichen, der Kommunalt- und Polizeibehörden, ferner die Vertreter der Israel. Kultusgemeinde und der übrigen jüdischen Institutionen sowie die Vertreter der Presse. Hochgeehrte Anwesende! Unsere heutige Veranstaltung hat in diesem festlichen Rahmen eine gewisse Berechtigung nur dann, wenn wir sie als einen kleinen Auftakt gelten lassen zur bevorstehenden Feier des zehnjährigen Bestehens unseres Freistaates Oesterreich. Aus diesem Anlaß soll, wie die Zeitungen melden, eine Denkschrift erscheinen, ein Ueberblick über die Achtung gebietende Arbeit, die in diesem ersten Jahrzehnt am Wiederaufbau unseres schwergeprüften Landes geleistete wurde. Ich weiß nicht, ob man, wie in Deutschland, zu dieser Denkschrift auch die Religionsgemeinschaften heranziehen und damit auch das Judentum einen Beitrag zu leisten haben wird über das, was unsere jüdischen Gemeinden in diesen zehn Jahren zur Erhaltung und Erstarkung Oesterreichs beigetragen haben. In einem solchen Bericht würde jedenfalls ein bescheidenes Plätzchen, ein Wörtchen der Erwähnung verdienen der kleine Freundeskreis, aus dem unser Verein „Wohlfahrt" hervorgegangen ist. Gerade jetzt vor zehn Jahren war es. Die Kultusgemeinde führte einen harten Kampf um ihre Selbsterhaltung. Ihre Kinder, die Wohlfahrtsanstalten, waren in dem allgemeinen Zusammenbruch zumeist zu leistungsunfähigen Krüppeln geworden. Das Schlagwort „Sanierung" tönte auf, ein Notschrei und Hilferuf auf der ganzen Linie und das Signal „Freiwillige vor"! Damals bildete sich das „Komitee zur Sanierung notleidender jüdischer Wohlfahrtsanstalten Wiens". Was dieses Komitee, das jüngste Kind unserer Muttergemeinde, für die älteren Geschwister geleistet hat, das hat der Kultusvorstand wiederholt in Wort und Schrift anerkannt. Es kam auch ein Augenblick höchster Not, in dem die Gemeinde selbst die Hilfe ihres jüngsten Kindes in Anspruch nehmen mußte. Unvergeßlich bleibt uns, wie der Feuereifer unserer Mitarbeiter, derer, die heute hier mit uns feiern, wie jener, die nicht mehr in unserer Mitte weilen und denen wir unauslöschliche Dankbarkeit bewahren, — unvergeßlich bleibt uns ein Abend, als eines unserer Mitglieder, die in den Kultusvorstand eingetreten waren, ganz verstört in unserer Sitzung erschien mit der Eröffnung: „Die Kultusgemeinde braucht sofort eine Million, sonst steht sie morgen vor leeren Kassen." Ein Federzug und der Gemeinde war für diesmal geholfen. Allmählich lichtete sich der Horizont und beim ersten Aufatmen konstituierte sich unser Sanierungskomitee als Verein „Wohlfahrt", eine Art Rettungsgesellschaft, mit der Bestimmung, sofort Hilfe zu leisten, falls wieder einmal eine Anstalt in Not gerate. Nur zu bald trat dieser Fall ein. In der ersten Nachkriegszeit hatte das Ausland, auch die bisherigen Kriegsgegner, sich unserer Kinder angenommen, um wenigstens an die Kleinen, bei denen es noch möglich war, in etwas wieder gut zu machen, was man an uns gesündigt hatte durch die unwürdigste und grausamste Form des Kampfes, den Hungerkrieg. Unrettbar aber durch die jahrelangen Entbehrungen und unheilbar geschädigt waren unsere verarmten Alten, die doppelt bedauernswerten Veteranen des Lebens. Ihnen vor allem Brot, Kleid, Heim, wenigstens einen erträglichen Ausklang ihres prüfungsreichen Lebens zu schaffen, war der Hauptzweck unseres Sanierungskomitees gewesen. Und der erste Schützling unseres Vereines „Wohlfahrt" war wieder eine Veteranin, die älteste Veteranin unter allen unseren Wohlfahrtsanstalten, unsere Kinderbewahranstalt. Wenige Jahre vorher hatte sie ihren 80. Geburtstag gefeiert und ein neues Kleid angelegt. Doch eine Zeitlang schien es, als sollte dieses Kleid ihr Sterbegewand und diese Feier ihre Schluß- und Abschiedsfeier weiden. Eine schwere Krise im Betriebe war ausgebrochen, um so gefährlicher, als sie auch ihren langjährigen hochverdienten Leiter, unseren Direktor Fischer, verloren hatte. Da griffen wir ein. Der Verein „Wohlfahrt" mußte sie verjüngen, sie äußerlich und innerlich auf eine neue Grundlage stellen, sie den sanitären und pädagogischen Anforderungen der Gegenwart anpassen, wir mußten sie lebensfähig machen. Sie lebensfähig zu erhalten, das dürfen wir nur hoffen, wenn wir bei Ihnen allen, bei unseren Mitbürgern, besonders bei unseren hohen Behörden die für ein solches Unternehmen unentbehrliche BÜCHERSTUBE M. 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