Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 45 (9.11.1928)
- Date
- 1928-11-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Ulfe WAHUHEIT Bgagjffl^wmniiifflfligDflM Sali« Ii Qtl&rjten*? Briefe der Kaiserin Friedrich, in welchen sie ein ungemein hartes, schier vernichtendes Urteil über Geist und Herz Wilhelm 11. lallt, sind dieser Tage von einem hohen englischen Aristokraten veröffentlicht worden, der sich darauf beruft, daß die Mutter des Kaisers ihm persönlich diese Briefe übergeben hat. Die Juden, die nun schon gewohnt sind, daß der Ex-Kaiser sie für alles Uebel, das ihm widerfährt, verantwortlich macht, dürfen froh sein, daß er diesen Anlaß schwerlich zu antisemitischen Zwecken ausnützen kann. * * * Die 25. Wiederkehr des Todestages Mommsens gab wieder Anlaß, von den epochalen, durch den in ihnen waltenden Geist unbestechlicher Wahrheitsliebe sich auszeichnenden Geschichtswerken zu sprechen, die den Ruhm des großen Historikers begründeten. Auf welcher sittlichen Höhe dieser Praeceptor Germaniae stand, dafür zeugen auch die unvergeßlichen Worte, mit denen Mommsen den Antisemitismus für alle Zeit gebrandmarkt hatte. Aufgefordert, seine Ansicht über diese Bewegung zu äußern, von der nicht nur ein Teil der verführten grünen Jugend, sondern auch manche in der Wissenschaft ergrauten Köpfe erfaßt wurden, erklärte Mommsen u. a.: „Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, daß man da überhaupt mit Vernunft etwas richten kann. Ich habe das auch früher gemeint und immer und immier wieder gegen die ungeheure Schmach protestiert, welche Antisemitismus heißt. Gegen den Pöbel gibt es keinen Schutz, ob es nun der Pöbel im Salon ist, das macht keinen Unterschied: Canaille bleibt Canaille und der Antisemitismus ist die Gesinnung der Canaille.....Er ist wie eine schauerliche Epidemie, wiei die Cholera. Man muß geduldig warten, bis sich das Gift von selber austobt und seine Kraft verliert......Man muß geduldig warten, bis che im Grunde doch gesunde Natur des Volkes sich von selber aufrafft und den faulen Stoff aus sich wirft." Mommsen hat, trotzdem er ein hohes Alter erreichte, diese vom ihm ersehnte Zeit nicht erlebt. Noch vor wenigen Tagen, 25 Jahre nach Mommsens Tode haben in Berlin erleuchtete Männer der Wissenschaft und hochstehende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens die dringende Pflicht erkannt, feierlich Protest gegen die immer verheerender wirkende Macht der antisemitischen Seuche zu erheben. Die Juden aller Länder werden anläßlich des 25. Todestages Mommsens mit innigen Gefühlen unverwelklicher Dankbarkeit des edlen Mannes gedenken, der so mutige Worte für ihre Ehre gefunden. Sie werden seiner gedenken, auch wenn der Tag kommt, an dem — wie Mommsen hoffte — die „im Grunde gesunde Natur des Volkes" den Antisemitismus überwunden haben wird. Es wäre nur zu wünschen, daß auch die Antisemiten sich endlich Mommsens Worte zu Herzen nähmen. * * * Der die Meere und Luft bezwingende „Graf Zeppelin" verbürgt den Ruhm und die Unsterblichkeit des Mannes, dessen Namen er trägt. Wer Sinn ■und Herz für menschliche Tragik hat, sollte sich aber fauch an den Juden David Schwarz erinnern;, dessen ' Pläne, die später vom Uraien Zeppelin aufgenommen und vervollkommt wurden, grundlegend rür die epochale Erfindung waren, die er, zusammengebrochen im Kampfe gegen mancherlei Mißgeschick, nicht selbst verwirklichen konnte. In dem Vertrage, den Uraf Zeppelin bei der Uebernahme des bchwarzschen Projektes schloß, ist nicht nur von der Regelung finanzieller Fragen die Rede. Graf Zeppelin hat nie ein Hehl daraus gemacht, daß — was übrigens auch dokumentarisch nachweisbar — vieles Wesentliche der Schwarzsehen Erfindung von ihm übernommen wurde. Unter den Millionen, die jauchzend und jubelnd dem Zeppelin huldigten, der dem deutschen Namen zu Ruhm und Herrlichkeit verholfen, gab es leider nur zu viele, die den Juden als das Unglück Deutschlands nennen. Die Erinnerung an den Juden David Schwarz allein müßte Sie verstummen machen. * * * Die sensationelle, gleich einer Bombe wirkende Mitteilung eines oppositionellen Redners weckte momentan die Meinung, daß die sofortige Revision des Czongrader Bomben-Prozesses unmöglich mehr aufzuhalten t*ei. Ebenso selbstverständlich schien aus jedem Worte, das über die Sache im Parlament gesprochen, und aus jeder Zeile, die über sie in den Zeitungen geschrieben wurde, die Erkenntnis zu leuchten, däß die Revision des Prozesses nur eine Ueberraschung bieten könnte: wenn nicht jene als die Mörder hervorgingen, die schon längst von aller Weit für die Mörder gehalten wurden. Die Meinung über die Unvermeidlichkeit der raschesten Wiederaufnahme des Prozesses hat sich' alsbald als eine irrige erwiesen. Wir sind nun belehrt, daß niemand so sehr die Wiederaufnahme des Prozesses gefährden kann als derjenige, der auch nur ein Wörtchen davon fallen läßt, während alle, die von echtem, leidenschaftlichen Rechtsgefühl durchglüht die Bestrafung der grausamen Mörder ersehnen, sich mäuschenstill verhalten. Wer noch jetzt bezweifelt, daß die oppositionellen Abgeordneten die Beschützer der Czongrader Mörder sind, während Gömbös und Genossen sie an den Galgen liefern wollen, ist ein unheilbarer Querulant. * * * Graf Klebelsberg hat mit der ihn charakterisierenden Wahrheitsliebe öffentlich bekannt, daß der Numerus clausus auch mit einem Nachteil für die — christlichen Studenten verbunden sei. Die jüdischen Studenten, die im Auslande ihre Studien vollenden, werden — meint er — wenn sie heimkehren durch die Kenntnis fremder Sprachen, wie überhaupt durch den weiteren Horizont, den sie gewonnen, ihren zurückgebliebenen christlichen Kollegen überlegen sein. Der ungarische Unterrichtsminister rühmt sich jetzt dessen mit Stolz, daß er einen Weg gefunden, um diesem Uebel zu steuern. Er hat durch Schaffung der Collegia hungarica diafür gesorgt, daß fürderfun auch christliche Studenten im Auslande ihre Ausbildung vollenden können. Welch imponierendes Rechtsgefühl verrät sich in dieser Leistung! Man darf sich die Freude daran nicht durch den kleinlichen Gedanken verkümmern lassen, daß diese christlichen Studenten auf Staatskosten, also durch