Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 45 (9.11.1928)
- Date
- 1928-11-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seit« 8 jhmiftW^ftiii^ iiumiinnDiiiuiuii^ DIE WAttRfiEil •VIS! " Ml Kultuswählerversammlung. . Unter dem Vorsitze des Obmannes des Bezirkswahlkomitees II, der „Union", Kommerzialrat Ludwig Rappeport, fand Mittwoch, den 31. Oktober, S Uhr abends, im Restaurant T o n e 11 o eine gut besuchte Kultuswählerversammlung statt, in welcher zwei Kandidaten der „Union" für den Kultusvorstand Börserat Ignatz Glück und Hofrat Ing. Josef Löwy als Referenten am Vortragstisch erschienen. Kommerzialrat Rappeport eröffnet die Versammlung und begrüßte die erschienenen Kultuswähler und deren Damen aufs herzlichste, insbesonders begrüßte er den Präsidenten des Verbandes der Tempelvereine, Börserat Ignatz Glück, dem er aus Anlaß seines 70. Geburtstages die herzlichsten Glückwünsche aussprach. Er hob die Verdienste des Jubilars um die Wiener Judenschaft hervor und betonte seine unermüdliche Tätigkeit im Dienste aller notleidenden Glaubensbrüder. Er gab der Freude der ganzen Versammlung Ausdruck, ihn heute als Vortragenden begrüßen zu können und bat ihn, sein Referat zu erstatten. Lebhaft akklamiert begann Börserat Ignatz Glück seine Ausführungen, indem er dem Vorsitzenden und allen Anwesenden für die ihm aus Anlaß der Erreichung des 70. Lebensjahres dargebrachten Ovationen aufs herzlichste dankte und in der ihm eigenen humorvollen Art die Bedeutung, welche der Eintritt in das Patriarchenalter für ihn habe, auseinandersetzte. Mit Freude und Genugtuung erfuhr man ans seinem Munde, daß er trotz der erreichten 70 Jahre noch die Kraft und den Willen habe, sich mit dem gleichen Eifer auch weiterhin der Arbeit für das Wohl unserer Gemeinde zu widmen. Zum Thema seines Referates übergehend, sagte er: „Mein Programm heißt die Arbeit. Nur um im Interesse der gesamten Wiener Judenschaft zu arbeiten, nicht aber, um zu erobern oder zu kämpfen, wollen die Kandidaten der „Union" in die Kultusstube einziehen. Als ich mich vor acht Jahren um ein Mandat beworben habe, da habe ich ebenfalls zu arbeiten versprochen und ich habe dieses mein Versprechen auch gehalten. Wir haben die Kukiusgemeinde vor acht Jahren in einem desolaten Zustande übernommen und wir haben sie aktiv gemacht. Wir haben ohne irgendwelche Entlohnung nach bestem Wissen und Können für unsere Gemeinde gearbeitet, weil uns die Arbeit nicht nur eine Ehre, sondern auch eine heilige Pflicht sein muß. Nun aber kommen Männer, die sich auf ihr soziales Empfinden so viel zugute tun und sagen: „Auch wir, wollen arbeiten, aber wir wollen dafür bezahlt werden; wir sind gerne bereit, die Ehrenplätze unserer Vorgänger einzunehmen, aber wir wollen dafür auch entsprechende Diäten einstecken." Die Herren, die also sprechen, sind die „W e r ktätigen Jude n". Ich brauche sie Ihnen nicht erst vorzustellen, da sie Ihnen zur Genüge bekannt sein dürften. Was wollen also diese „Werktätigen"? Sie wünschen, daß die führenden Stellen in der K u 11 u s g e m e i n d e mit einei Bezahlung verbunden sein sollen, wie sie die Stadträte der Gemeinde Wien beziehen. Wozu aber sollen aus den Einkünften unserer Gemeinde, aus ihren Steuergeldern auf Kosten der Aermsten unserer Glaubensbrüder diese Beträge entnommen werden? Nur zu dem Zwecke, um Leuten, welche sich für ganz andere als für jüdische Interessen Verdienste erworben haben, jenen materiellen Rückhalt zu verschaffen, welchen ihnen diejenigen, für welche sie gearbeitet haben, nicht gewähren wollen. Das aber werden wir nie und nimmer zulassen. Ich komme nun zur anderen Gegenpartei, nämlich den „Jüdischnationale n", die, wie Sie ja wissen, bisher mit uns gemeinsam gearbeitet haben und sich nun in der Stunde der Gefahr von uns getrennt haben. Dies ist auch der schwerste Vorwurf, welchen ich ihnen machen muß, daß sie nämlich in einer Zeit, in der das Judentum einen Kampf auf Leben und Tod führt, uns ohne zwingenden Grund in den Rücken gefallen sind. Eine Partei aber, die so wenig jüdisches Verantwortungsgefühl an den Tag gelegt hat, hat damit die Berechtigung verwirkt, in der Kultusgemeinde zu arbeiten. Ich bin überzeugt, daß die Wiener Kultuswähler ein solches Verhalten am 2. Dezember gebührend beantworten werden. Doch, meine Damen und Herren, ich muß der Vollständigkeit halber noch einer dritten Partei Erwähnung tun. die neben den bereits genannten gesondert in den Wahlkampf zieht. Es ist dies der Tempel verein in der Leopoldsgasse, die „Polnische Schul", wie sie allgemein genannt wird, welche gegen uns Kandidaten für die Kultusgemeinde aufgestellt hat; allerdings behaupten diese Herren, daß sie durchaus nicht die Absicht haben, gegen uns zu kämpfen, sondern nach der Wahl mit uns zusammenarbeiten wollen. Wie dem auch immer sein mag, jedenfalls handelt es sich hier um einen ganz unverläßlichen Partner, auf welchen man sich in keiner Weise wird stützen können. Denn es hätten die Herren in der Leopoldsgasse ihre eigenen Interessen viel besser wahren können, wenn sie, wie das die „Schiffschul" getan hat, gleich vom Anfang an mit uns gegangen wären. Nun aber, nachdem sie es für gut befunden haben, allein zu gehen, wissen auch wir, wie wir uns ihnen gegenüber zu verhalten haben. Meine Anwesenden! Wenn wir, woran ich nicht zweifle, wieder die Verwaltung unserer altehrwürdigen Gemeinde übernehmen werden, dann wird es unser Bestreben sein, die Gemeinde weiter auszugestalten und insbesonders den Frieden unter den Glaubensbrüdern wieder herzustellen. Wir werden uns mit ganzer Kraft der sozialen Arbeit und der Jugenderziehung widmen, die in letzter Zeit so große Fortschritte gemacht hat. Ich brauche nur auf die Ausgestaltung und den guten Besuch des Jugendgottesdienstes hinzuweisen, der eine bedeutende Aktivpost in unserem moralischen Budget darstellt; ja es ist, wie ich Ihnen verraten will, soweit gekommen, daß jüdische Kinder aus ganz unfrommen Familien durch konsequente sittlich-religiöse Erziehung nicht nur dem Judentum erhalten geblieben sind, sondern sogar ihrerseits auf die Eltern in jüdischem Sinne eingewirkt haben. Früher haben die Eltern ihre Kinder in den Tempel gebracht, jetzt ereignet sich, wie man sich beim Jugendgottesdienst überzeugen kann, der einzig dastehende Fall, daß Kinder ihre Eltern in den Tempel bringen. Nun habe ich Ihnen gesagt, was Sie von un« im Falle unserer Wahl erwarten können; doch der Frage: Was erwarten wir vom kommenden Kultus vorstände?, muß die gegenwärtig aktuelle Frage gegenübergestellt werden: Was erwarten wir von der Kultuswählerschaft? Geschlossenes Eintreten am 2. Dezember für die Liste der Union!" Nachdem Börserait Glück auf einige Anfragen und Interpellationen in schlagfertiger Art und Weise geantwortet hatte, erteilte der Vorsitzende dem zweiten Referenten Hofrat Ing. Josef Löwy das Wort zu folgenden Ausführungen: „Wir haben heute hier gleichsam einen Familientag, weil eine wichtige, unsere ganze Familie angehende Frage entschieden werden soll. Unsere gemeinsame Tochter, für welche wir Alimente zahlen, die Wiener israelitische Kultusgemeinde, soll verheiratet werden und da müssen wir uns um einen passenden Bräutigam für sie umschauen. Weil es sich hier um eine sehr achtbare Partie handelt, so ist es begreiflich, daß sich sehr viele, ja viel zu viele Bewerber um die Hand unserer Tochter eingestellt haben, und uns obliegt jetzt die Aufgabe, unter diesen den Richtigen auszuwählen. Das ist der wahre Sinn der am 2. Dezember stattfindenden Kultuswahlen. Wie das nun schon in guten jüdischen Familien üblich ist, denken wir bei der Entscheidung einer so wichtigen Frage nicht in erster Linie an uns,, sondern einzig und allein an das Wohl unserer Tochter, für die wir eine so schicksalschwere Entscheidung zu treffen haben. Wir wollen uns somit alle Bewerber, das sind die jüdischen Parteien und Gruppen, die Kandidaten für die kommenden Wahlen FERNSPRECH-NUM MER R 45-1-91 MOBELFAJBRMC SIGM. WIEN, 2. BEZ., PRATERSTRASSE NR. 30 tielebe Auswahl solid gearbeiteter Möbel zu billigsten Atelier für Innendekoration, stets große Auswahl von Möbeln aller Stilarten In Jeder Preislage. ■ PPENHEI ßr eisen