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Die Wahrheit · 1928-11-09 · Heft 45 (9.11.1928) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 45 (9.11.1928)
Date
1928-11-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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DIE WAHRHEIT ~ fliM'MiinwntttM^ §mt g S. Grüners 3*2 Restaurant II., Zirkusgasse 30 Telephon R 43-1.60 Vorzügl. Wiener, ungarische und orientalische (rumänische) Küche. Mittag und Abend Menü nach Wahl. Erstklassige Getränke. medianer i tatst WIEN I.» SeltenstetteagasM 2 Tel. U 28-1-28 XI., Zentralffriedhof, neben dem 1. Tor, Tel. Ii aufstellen, genau anschauen und hierbei ganz objektiv ihre Vorzüge und Fehler prüfen. Zuerst wollen wir den j ü d i s c h n a t i o n a 1 e n . Kandidaten betrachten. Es steht wohl fest, daß die Zionisten in der Zeti des Zusammenbruches der Mittelmächte und des Umsturzes, als alles drunter und drüber ging, manchen Juden den Rücken gestärkt haben, ebenso steht aber fest, daß ihr weiteres Verhalte'n, insbesonders die Hervorkehrung des nationalen Momentes und die Forderung nach völkischem Minoritätsrecht uns Juden geschadet hat und noch mehr schaden würde, wenn sie verwirklicht werden sollte. Auch die Paläst inapolitik der Jüdischnationalen können wir nicht gutheißen, so sehr wir uns auch dessen bewußt sind, daß wir im Heiligen Lande kulturelle und humanitäre Aufgaben zu erfüllen haben; doch ich sehe nicht ein, warum wir England, das sich des Zionismus nur als Mittel zur Erreichung seiner imperialistischen Ziele bedient, die Kastanien aus dem Feuer holen sollen. Auch mit der Forderung nach Umgestaltung der Kultusgemeinde in eine Volksgemeinde können wir uns nicht einverstanden erklären. Wir Wiener Juden haben bereits eine Gemeinde, und zwar eine solche, für welche wir sehr viel Steuer zahlen müssen; dann wären wir die einzigen Staatsbürger, welche gleichzeitig zwei Gemeinden, nämlich der Wiener Gemeinde und der Jüdischen Volksgemeinde angehören würden, was natürlich eine doppelte Belastung für den ohnehin bereits wirtschaftlich schwer kämpfenden jüdischen Teil der Bevölkerung darstellen würde. Einen Staat im Staate oder eine Gemeinde in der Gemeinde zu bilden, haben wir Juden, die wir mit unseren nichtjüdischen Mitbürgern durch tausendfache gesellschaftliche und wirtschaftliche Beziehungen verbunden sind, gar keine Ursache. Ich komme jetzt zum zweiten „Heiratskandidaten", nämlich den „Werktätigen Juden" und brauche Ihnen nicht erst zu sagen, daß dieser Name, den er sich beigelegt hat, eine geradezu aufreizende Irreführung darstellt. In dieser Bezeichnung liegt die Absicht offen zutage, sich allein als den arbeitenden, tätigen, schöpferischen Menschen, die anderen aber als Faulpelze und Nichtstuer hinzustellen, was wir natürlich auf das entschiedenste zurückweisen müssen. Auch daß diese ..Werktätigen" die jüdischen Handlanger einer nichtjüdischen politischen Partei, nämlich der Sozialdemokratie, sind, dürfte Ihnen bekannt sein. Es scheint mir daher, wollen wir die Eignung dieses Bewerbers richtig beurteilen können, zunächst notwendig, die Stellung des Judentums zur Sozialdemokratie zu untersuchen. „Sozialdemokratie" besteht aus zwei Worten: „sozial" und „Demokratie" und es fragt sich nun, wie wir uns als Juden zu diesen beiden Worten, welche ja Begriffe darstellen, verhalten. Sozial ist das Judentum immer gewesen, da ja schon die Gesetzgebung der Bibel den sozialen Gedanken in seiner reinsten Form zum Ausdruck bringt. Wir haben es daher gar nicht notwendig, den sozialen Gedanken erst von „Werktätigen Juden" zu lernen. Aber auch die Demokratie ist eine Grundeigenschaft des jüdischen Volkes: Der Jude beugt vor niemandem sein Haupt: auch vor seinem Gotte nicht, dem er aufrechten, erhobenen Hauptes gegenübertritt. Nur ein einziges Mal im Jahre, in einer einzigen erhabenen Weihestunde, nämlich dann, wenn das „U m i s c htachawim" gesprochen wird, kniet auch er nieder. Vor Menschen aber beugen wir uns nicht! Ich komme nun zur Synthese von „sozial" und „demokratisch", beziehungsweise zu dem, was jene politische Partei aus der Vereinigung dieser beiden Begriffe gemacht hat. Ihnen ist es bekannt, daß in der Chemie, wenn zwei Stoffe mit bestimmten Eigenschaften miteinander verbunden werden, der aus der Verbindung derselben hervorgehende neue Stoff eine ganz andere Eigenschaft besitzt. So z. B. ist Wasserstoff ein gasförmiger Körper und Sauerstoff ebenfalls, wenn wir aber beide miteinander verbinden, ist der daraus entstehende Stoff, das Wasser, ein flüssiger Körper, der den Stoffen, aus welchen er entstanden ist, nicht im geringsten ähnlich ist. Genau so verhält es sich mit der Sozialdemokratie, bei welcher auch von den Grundgedanken, welche in ihrem Namen enthalten sind, nicht mehr viel übrig geblieben ist. So sozial und demokratisch wir Juden auch gesinnt, Sozialdemokraten sind wir deswegen noch nicht. Wir können es schon aus dem Grunde nicht sein, weil die Abschaffung des Privateigentums, die Sozialisierung der Wirtschaft, die Aufhebung der individualistischen Erwerbsform, lauter Grundprinzipe der Sozialdemokratie, weder mit den Anschauungen unserer Bibel, die auf privatrechtlicher Grundlage aufgebaut ist, noch mit unseren Vorstellungen über die zweckmäßige Einrichtung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft übereinstimmt. Das wichtigste Moment aber, das uns vom „Werktätigen Juden" trennt, ist, daß dieser als Sozialdemokrat a religiös eingestellt ist. Fragen wir ihn, „wie hältst du es mit der Religion?", dann wird er alle möglichen Ausflüchte gebrauchen und bestenfalls uns zubilligen, daß die Religion eigentlich Privatsache sei. Für uns Juden aber ist die Religion keine private Angelegenheit, sondern eine wichtige, ja die wichtigste Frage unserer Existenz als Juden. Wer daher auf dem Standpunkte steht, daß die Religion Privatangelegenheit sei, hat in einer Kultusgemeinde nichts zu suchen, denn hier handelt es sich darum, das heilige Feuer der Religion, das durch Jahrtausende hindurch brennt, zu erhalten und späteren Generationen zu übergeben. Doch das mit der „Privatangelegenheit" ist in Wahrheit nur eine Ausflucht, eine Maske, hinter welcher sich das wahre Antlitz der Sozialdemokratie verbirgt, welche seit jeher religionsfeindlich eingestellt gewesen ist. Schon M a r x hat gesagt: „Religion ist Opium für das Volk" und seither haben alle Wortführer der Sozialdemokratie. Liebknecht, Bebel, Lenin usw diesen Standpunkt vertreten. Die Sozialdemokratie unterstützt folgerichtig auch die Freidenkerbewegung, die sich gegen jede, also auch die jüdische Religion wendet, und den Abfall von der Religion lebhaft propagiert. Sie werden daher begreifen, daß auch der zweite Bewerber um die Hand unserer Tochter, den ich als „Werktätigen Juden" bezeichne, nicht der richtige „Chossen" sein kann. Der dritte Brautwerber ist die „U n i o n". das ist die Vereinigung aller derjenigen, welche die Religion erhalten wollen, welche sich bisher nach besten Kräften bemüht haben, die Kultusgemeinde als das zu erhalten, was sie bestimmungsgemäß zu sein hat, eine Institution zur Befriedigung aller religiösen Bedürfnisse unserer Glaubensbrüder, ein Ort, an dem nicht politisiert, dafür aber mehr gearbeitet werden soll. Sie scheint mir daher die beste Gewähr zu sein, daß unsere Kultusgemeinde in jenem Sinne verwaltet wird, wie es unserer Religion und der heiligen Aufgabe des Judentums für die ganze Menschheit am besten entspricht. Nun, meine Damen und Herren, habe ich Ihnen die Bewerber mit allen Vorzügen und Fehlern vorgeführt und ich möchte Ihnen den Vorschlag machen, lassen Sie unsere Tochter selber den passenden Enegefährten für die nächsten vier Jahre wählen. Ich bin überzeugt, daß sie die beste Wahl treffen wird." An die geistvollen, mit lang anhaltendem Beifall aufgenommenen Ausführungen Hofrat L ö w y s schloß sich eine längere, zuweilen sehr lebhafte Diskussion, an der sich neben Herrn Wolf Pappenheim auch zahlreiche Anhänger gegnerischer Parteienbeteiligten. Der Vorsitzende Kommerzialrat Rappeport entledigte sich hierbei seiner teilweise recht schwierigen Aufgabe in glänzender Weise und schloß in vorgerückter Stunde mit einem Dank an alle Anwesenden und dde Redner die Versammlung. Ifyibdrfbcnnenknfü/Dk Wahckut!

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