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Die Wahrheit · 1928-11-09 · Heft 45 (9.11.1928) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 45 (9.11.1928)
Date
1928-11-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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■-W^fa«^wfel^f -^r1^T1r. m WAflRHfiiar Seite* J^erejfentlichit ^^nbfttpeufasf^MoJicfiWt WienlX.*Bevgvarfo 4 %Ujen:l9-2-n Wahlterror. Es ereignet sich bereits wiederholt, daß unsere Wähler Versammlungen von unverantwortlichen Elementen in brutalster Art und Weise gestört werden. Durch laute Zwischenrufe, Geschrei, Lärm, ja sogar durch Absingen von Liedern und ähnlichem Unfug werden die Redner am Sprechen gehindert, trotzdem es in unseren Versammlungen — zum Unterschied von gegnerischen — jedermann freisteht, auch seine Ansicht vorzutragen. Wie schwach müssen die Argumente derjenigen sein, die, statt die Gelegenheit zu benützen, den Kampf mit geistigen Waffen auszutragen, an Stelle ihres Gehirnes lediglich ihren Kehlkopf verwenden, um auf diese Weise das, was sie nicht hören wollen, zu überschreien, da sie es ja nicht widerlegen können. Diese Störungsversuche werfen ein bezeichnendes Licht auf den moralischen Tiefstand gewisser gegnerischer Kreise, sie zeigen aber auch die innere Schwäche der Gegenparteien an. Doch jene Herren, welche jüdische Jünglinge, die kaum den Kinderschuhen entwachsen sind, für solche Zwecke mißbrauchen, können überzeugt sein, daß sie durch ein solches Verhalten gerade den entgegengesetzten Zweck, als sie beabsichtigen, erreichen werden. Angewidert durch ein solches Benehmen und abgestoßen durch solch niedrige Methoden des Wahlkampfes werden sich alle ernst denkenden Kultuswähler jener Partei zuwenden, welche einen geistigen Kampf ausschließlich mit geistigen Waffen zu führen gewillt ist. * * * Der Versuch, eine Unionversamnrlung zu sprengen, wurde auch in einer ausgezeichnet besuchten Versammlung, welche am 31. Oktober im Restaurant K o h n, XX., H e i n z e 1manngasse, stattfand, unternommen. Nur der Energie des Vorsitzenden Herrn Josef Kohn ist es zu verdanken, wenn die störenden Elemente im Zaume gehalten und die Versammlung, welche auf einen hohen Niveau stand, programmgemäß zu Ende geführt werden konnte. Zu der Versammlung war der Qesamtvorstaud des Tempelvereines in der Kluckygasse, dessen Obmann der Vorsitzende der Versammlung war, unter Führung des Herrn Vizepräsidenten Leopold Bösel erschienen, um das Programm des Kandidaten für den XX. Bezirk, Herrn Geza Klinger, zu hören. Die Ausführungen des Genannten machten einen vorzüglichen Eindruck, zumal der Redner ganz im Sinne der „Union" das religiöse Moment besonders betonte und die Ausschließung jeder Politik aus der Kultusstube als eine im Interesse des Gedeihens unserer Gemeinde unerläßliche Forderung bezeichnete. Wenn eine Körperschaft Ersprießliches leisten soll, dann müssen, führte Herr Klinger aus, ihre Mitglieder miteinander und nicht gegeneinander arbeiten; das aber ist nur dann möglich, wenn Friede in derselben herrscht. Nach den mit großen Beifall aufgenommenen Ausführungen des Herrn K1 i n g e r, ergriff Rechtsanwalt Doktor Josef Ticho das Wort, um in geistvoller Weise den in unserem Blatte von ihm schon ausführlich vertretenen Standpunkt zur Frage „Religionsgemeinde oder Volksgemeinde'1 auseinanderzusetzen. Ein besonderes Kapitel in seiner ausgezeichneten Rede widmete er der Erziehung unserer Jugend in jüdisch-religiösem Sinne und dieser Teil seiner Rede erweckte aus dem Grunde großes Interesse und langanhaltenden Beifall', weil Dr. Ticho seit Jahren Obmann der Schulkommission der Kultusgemeinde ist, in welcher Eigenschaft er sich um die jüdische Jugenderziehung unschätzbare Dienste erworben hat. Auf verschiedene Zwischenrufe von zionistischer Seite, aus welchen hervorging, daß die Zwischenrufer einzig und allein den jüdischen Nationalismus als den richtigen Weg für das Judentum anerkennen, antwortete der Vorsitzende, indem er den Zwischenrufern die Worte eines sich selbst als Zionisten nennenden hochstehenden Menschen und geistvollen Schriftstellers, Felix Saiten, entgegenhält, der in seinem neuesten Werke „Neue Menschen auf alter Erde" auf Seite 151—152 über den jüdischen Nationalismus wörtlich folgende trefflichen Bemerkungen macht: „Das Erwachen einer Sprache aus tausendjährigen» Schlaf könnte ein Wunder genannt werden und hat jedenfalls kein Beispiel in der Geschichte. Hier aber in Palästina, da Ist das Beispiellose, ist das Wunder eine Alltäglichkeit geworden. Dennoch . . . dennoch, es bliebe bedenklich, wenn die Juden dadurch auch für sich zu jenem öden Nationalis» m u s gelangen sollten, der die Barbarei und das Unglück so vieler Völker geworden ist. Nichts könnte die Juden dann davor retten, mit der hysterischen Anmaßung französischer Chauvinisten, mit der dummdreisten Engstirnigkeit deutscher Rassenfanatiker in einer Reihe zu stehen. Unrettbar würde jede selbstgefällige Ueberhebung den Sturz ihres Schicksals in Unfruchtbarkeit und Banalität zur Folge haben. Sie wurden ja auch zu Bibelzeiten immer wieder klein, schwach, leicht besiegbar und elend, so oft sie von ihrem Gotte abgefallen waren und, dem ewigen Bunde treulos, Götzen oder Fetische angebetet haben. Weit schlimmer und folgenschwerer wäre heute der Abfall von ihrer Erdensendung, die Untreue gegen ihre ethischen Gebote, der Wandel von einem reinen Volkstum, das die Liebe zur ganzen Menschheit in sich schließt in ein Völkischsein, das eine Herausforderung an die Menschheit bildet. Von einem solchen Abfall gäbe es keine Rückkehr zn den alten, erlauchten Altären der Seele, und solch eine Untreue fände kein Verzeihen, denn das jüdische Volk hätte sich selbst für Immer aufgegeben." Herr Präsident Dr. Jakob 0 r n s t e i n unternahm es sodann, den Zwischenrufern, soweit sie überhaupt vernünftigen Erwägungen zugänglich waren, den Standpunkt klarzumachen. Er charakterisierte hierbei in treffenden Worten die jüngste Wendung der Jüdischnationalen, die durch Jahre mit der Union zusammengearbeitet haben, nun aber das Interesse der Wiener jüdischen Gemeinde ihrem Parteiinteresse geopfert zu haben scheinen; denn anders wäre ihr Verhalten in einem so ernsten Moment, wie es der gegenwärtige ist, wo es sich um das Schicksal unserer Gemeinde handelt, nicht zu erklären. Die. schlagenden Argumente Dr. Ornsteins machten auch auf die Zwischenrufer sichtlichen Eindruck und ist es ein Beweis für die überzeugende Kraft seiner Ausführungen, daß diese auch nicht von einem Zwischenruf unterbrochen wurden. Als letzter Redner sprach eine nicht nur im Bezirke hochgeschätzte Persönlichkeit, der ehemalige Kultusvorsteber Dr. Heinrich Schreiber, der in einer geistsprühenden Rede zur Besonnenheit mahnt und auf die hohen geistigen und moralischen Eigenschaften jener Männer hinwies, welche speziell in dieser Versammlung gesprochen haben und die in der jüdischen Gemeinschaft so erfolgreiche Arbeit nicht nur geleistet haben, sondern auch weiter leisten wollen; denn welches Maß an Energie, Selbstverleugnung und Zurückstellung der eigenen Interessen die Tätigkeit in der Gemeinde erfordere, das könne Redner, der durch viele Jahre hindurch Mitglied des Kultusvorstandes war, aus eigener Erfahrung sagen. . .

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