Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 45 (9.11.1928)
- Date
- 1928-11-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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4 iiiiiiiJiMiiiiiiniiiiiin!™ DtE WÄHRUtH loren. Die Weltgeschichte, welche eine Geschichte blutiger Kriege gewesen ist, welche machtgierige Potentaten miteinander ausgefochten haben, hat die Wahrheit seiner Worte in furchtbarer Weise enthüllt. Wir Juden aber sind durchaus pazifistisch orientiert, wir lieben nichts so sehr wie den Frieden und hoffen, daß, wie^unser großer Prophet J e s a j a s das uns verheißen hat, eine Zeit kommen wird, in welcher alle Zwistigkeiten zwischen den Völkern in friedlicher Weise ausgetragen, „in welcher die Schwerter zu Pflugscharen und die Spieße zu Winzermessern umgeschmiedet werden", eine Zeit, „in der kein Volk gegen das andere das Schwert erheben und keines mehr das grausame Kriegshandwerk erlernen wird". Darum wünschen wir unserer Republik zu ihrem zehnten Geburtstage nichts inniger als Frieden nachaußen, damit sie in friedlichem Wettbewerb mit allen anderen Staaten an der Fortentwicklung von Kultur und Humanität zu arbeiten in der Lage ist und Frieden im Inneren, damit sie endlich jene innere Ruhe und Ausgeglichenheit finde, welche die Grundvoiaussetzungen ihres Bestandes sind. Wir österreichischen Juden werden mit allen Kräften bemüht sein, als gute Oesterreicher und aufrichtige Republikaner das Unsrige dazu beizutragen, daß jene Ideale in unserem Staate verwirklicht werden, welche wir in die Worte fassen: Fortschritt, FreiheitundFriede. „Die Gebetmacher". Im Titel unseres leitenden Aufsatzes der vorigen Nummer „Die O e b e t m a c h e r" ist leider ider Name des Verfassers beim Umbruch des Blattes ungewohntes, längst vergessenes Gefühl: Das Gottvertrauen erschütterte ihn und trieb ihm Tränen in die Augen. Er schämte sich und flüsterte rasch zu Herrn Wessely: „Ich muß — fort!" Verständnislos blickte Herr Wessely seinen Gast an und als er die Lippen zur Frage öffnete: „Was damehr?" war Leutnant Kohn schon beim Ausgang.--- Er trat ins Freie und als er sich ein wenig gesammelt, schien ihm, als riefe jemand seinen Namen. Er blickte um sich und merkte, wie Leutnant Rosenfeld durch das Gewühl der wartenden Menschen zu ihm strebte. „Ein Telegramm ist gekommen!" rief Leutnant Rosenfeld. „Was für Telegramm?" fragte Leutnant Kohn. „Dein Regiment, Festungsairtülerie 1 hat geantwortet. Sie fordern Dich an! Du brauchst nicht mehr ins Feld! — Du sollst . . . . Da . . .!" Er las das Telegramm vor: „Leutnant Kohn hat sofort zu seinem Stammregiment zwecks Ausbildung eines Kurses einzurücken!"---Weißt du Dr. Kohn, was das bedeutet?! — Mindestens ein halbes Jahr kannst du in Wien bleiben! du! Ich bin so froh! So froh bin ich, daß ich dir das habe bringen können! — Ja! — Warum sprichst du nichts?--- Wenn ein Mensch aus einem düsteren Traum zur schöneren Wirklichkeit erwacht, blickt er um sich: Aengsfüch — zagend, ob es nur wahr sei? So blickte Leutnant Kohn zum Tempel zurück und dann zum Himmel hinauf und während er seine Erregung mühsam bezwang, sprach er leise: „Weißt du Rosenfeld, wer das alles bewirkt hat?" „Wie meinst du?" fragte Rosenfeld und Leutnant Kohn wiederholte: Weißt du, wer das alles gemacht hat? Die Prinzessin Sabbath!" „Du Schwärmer!" rief Leutnant Rosenfeld, „dein Regimemtskommando hat's gemacht! — Also weißt du Dr. Kohn: Ich als freier Denker! — Sei mir nicht bös —!" Er lachte. Leutnant Kohn legte seine Hand auf Rosenfelds Schulter. Ein gütiges Verstehen, wie ein milder Herbstabend leuchtete aus seinem Gesicht. Ein abgeklärtes Lächeln — und dennoch harmlos, wie das eines Kindes — verschönte seinen Mund, als er sprach: „Das kannst du nicht verstehen, du — du lieber Freidenker!" durch ein Versehen ausgefallen. Es handelt sich, wie ja viele unserer Leser vermutet haben dürften, um den Obmann der Schulkommission der Kultusgemeinde, Rechtsanwalt Herrn Dr. Josef T i c h o. Dieser Artikel hat wieder einmal bewiesen, welch kurze Beine die Angriffe unserer Gegner besitzen und auf welch fragwürdige Argumente sie sich stützen. Insbesonders hat es interessiert, daß derjenige, welcher die Bewilligung zur Einführung des neuen Gebetbuches gegeben hat, der verstorbene Herr Oberrabbiner Dr. C h a j e s gewesen ist. Gegen diesen werden doch wohl die Herren Jüdisch- Nationalen kaum polemisieren wollen. Wer hat recht? Am 23. Oktober ist nach langer Zeit, wohl bedingt durch die bekannten internen Streitigkeiten, wieder eine Nummer des „Organs der V e r- Einigung werktätiger Juden", der „Jüdischen Volkszeitung" erschienen. Da erfährt der aufmerksame Leser neben anderen interessanten, aber nicht immer der Wahrheit entsprechenden Neuigkeiten folgende erschütternde Tatsache: „Wir (wer ist das?), machen die Ortsgruppen ausdrücklich darauf aufmerksam, daß d i e E i n ig u n g gescheitert ist und wir (wer?) unter dem Titel Partei werktätiger Juden „Nicht-nationale Liste*' getrennt von der Poale Zion und ihrem Anhang in den Kultusvorstand kandidieren." Zwei Tage später, am 25. Oktober, erschien „Der Jüdische Arbeite r", das „Organ der sozialdemokratischen Poale Zion". Da hi-eß es nun an leitender Stelle: „Die Hoffnungen der arbeiterfeindlichen Gruppen des jüdischen Bürgertums, daß die werktätige jüdische Bevölkerung bei den bevorstehenden Kultuswahlen gespalten auftreten wird, haben sich nicht erfüllt. Wie vor vier Jahren wird ihnen auch heuer die werktätige jüdische Bevölkerung geschlossen entgegentreten. Wir Poale-Zion bilden, ebenfalls wie vor vier Jahren, einen Teil dieser Gruppe. Der Name unserer Liste ist: Wahlvereinigung werktätiger Juden/' Wer hat nun recht? Ist die „werktätige" Bevölkerung geschlossen oder gespalten? Seit dem 2. November, dem Schlußtag des Einreichungstermins von Kandidatenlisten, wissen wir es genau, daß das letztere der Fall ist. Interessant ist aber immerhin die Spiegelfechterei beider Gruppen. Festgottesdienste. Anläßlich der Feier des 10jährigen Bestandes der Republik Oesterreich findet der Sabbat-Gottesdienst in den Gemeinde- und Vereins-Synagogen am Samstag, den 10. November, als Festgottesdienst mit Predigt statt. Sämtliche Jugendgottesdienste finden ebenfalls anläßlich der Feier des 10jährigen Bestandes der Republik Oesterreich am 10. November, um 3 Uhr nachmittags, als Festgottesdienste statt.