Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 45 (9.11.1928)
- Date
- 1928-11-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT niiiiniiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiniiiniiiiimniiiiiiraninninimi Mto 3 drückt die wirtschaftliche Not alle Schichten der Bevölkerung nieder; innerer Unfriede und maßloser Parteihader lassen das Gefühl der inneren Verbundenheit aller Staatsbürger noch immer nicht aufkommen. Klassen- und Rassengegensätze werden von Parteipolitikern in die Bevölkerung hineingetragen, konfessionelle und klassenmäßige Verhetzung verhindern, daß die staatliche Gemeinschaft, die ja auch eine Schicksalsgemeinschaft ist, zu einer Seelengemeinschaft aller Staatsbürger werde. Haben wird daher auch keine Ursache, Feste zu feiern und in überschwänglichen Worten unserer Freude Ausdruck zu verleihen, so können wir doch an dem Tage, an welchem sich die Begründung unserer Republik zum zehntenmal jährt, mit Genugtuung feststellen : Die Republik hat sich durchgesetzt, ihrBestanderscheintgesichert. Diese einfache und schlichte Feststellung, die, wenn man an die Umsturztage zurückdenkt, dennoch etwas Großes in sich schließt, wird alle guten Oesterreicher und zumal uns österreichische Juden mit Freude und Zuversicht erfüllen; denn wir .luden haben alle Ursache, unseren Staat trotz aller seiner Unvollkommenheiten zu lieben, da wir in seiner Verfassung unsere FreiheitundGleichberechtigung, für welche unsere Väter gekämpft haben, verankert sehen. Fern liegt es uns, auch nur einen Bruchteil dieser unserer staatsbürgerlichen Rechte aufzugeben oder gar freiwillig darauf zu verzichten, wir wollen vielmehr dafür kämpfen, daß das. was in der Staatsverfassung Oesterreichs fest verankert ist, zur Grundlage der Geistesverfassung des ganzen österreichischen Volkes ohne Unterschied der Partei werde. „Nu! Senn Sie doch in den Tempel gekommen, Herr Leutnant!" begrüßte Herr Wessely im Tempel den etwas verlegenen Leutnant Kohn. „Ich hab' mir- 4s gleich gedacht, Sie wem kommen!" „Wieso?" fragte Leutnant Kohn ein wen'g ärgerlich, denn er fühlte sich durchschaut und beschämt. „Wieso?? Weil Sie e guter Mensch sind!" — Mißtrauisch blickte Leutnant Kohn den aflten Juden von der Seite an, aber Herr Wessely fragte freundlich: „Wollen Sie nicht mitsagen: Lechu neranneno?" und er schob das geöffnete Gebetbuch zu Herrn Leutnant Kohn hinüber. „Nein. Ich bleib' bei meiner Ueberzeugung!", wollte Leutnant Kohn sagen, aber, um den alten Herrn nicht zu kränken, tat er so, als bete er und blickte in das Gebetbuch. — Und als er im Gebetbuch die hebräischen Schriftzeichen sah, da..... Aber das kann nur der verstehen, der eine jüdische Kindheit hatte, der jüdisch erzogen worden ist, dessen Vater im Tempel streng fragte: „Wo haltn mr?" und dem immer „ahnungslosen" Knaben ein Stößchen oder auch mehrere mit der Begründung gab: „Weil' du e Fagan bist! Und nix aufpaßt!"--—Und ich "sage Euch: Ist einer so erzogen worden: Dann mag er glaubenslos oder sogar, getauft sein: In nichts zerfließen diese Wandlungen, wenn er ins Gebetbuch bföckt, denn da schaut zwischen den so fremd gewordenen, unverständlichen Zeichen plötzlich hinter einem Alef der Vater und hinten einem kleinen Jid das Antlitz der Mutter heraus und die ganze Jugend, die schöne Kindheit wird lebendig und das Herz wird warm und weit und schön, und schön ist 's dann auf der Welt!---Leutnant Kohn betete: aber als er die Uebersetzung des Psalmes las: „Es freuen sich die Himmel und es jauchzt die Erde . . . ." und an das Kriegselend dachte, wurde ihm wieder bitter zumute. — Er betete nicht mehr und blickte im Tempel umher.--- In der Frauengalerie, an der Brüstung, bemerkte er eine schöne, junge Frau. Sie war schwarz gekleidet und Leutnant Kohn fragte leise Herrn Wessely: „Wer ist diese schöne, junge Frau?" Herr Wessely blickte zur Frauengalerie hinauf und sagte: „Ach Gott! Das is e traurige Sach! Drei Monat war sie verheiratet, is der Krieg ausgebrochen. Bald darauf hat ma ihren Mann gemustert, dann is er ins Feld, kommt nach e Jahr auf Uriaub, geht dann wieder ins Feld und — fällt Und sie Wir österreichischen Juden begrüßen den zehnten Geburtstag unserer Republik als gute Oesterreicher, als Nachkommen jener wackeren Männer, welche die Liebe zu ihrer Heimat mit ihrem Herzblute besiegelt haben, die allen Vertreibungen und Verfolgungen zum Trotze an diesem Lande mit derselben Ausdauer und Entschlossenheit festgehalten haben wie an ihren Glauben und die selbst angesichts lodernder Scheiterhaufen keines von beiden treulos verlassen wollten. Und so wie wir vor Jahrhunderten diesem Lande die Treue gehalten haben, so werden wir ihm trotz aller Kränkungen und Zurücksetzungen, denen wir ob unseres Glaubens leider noch immer ausgesetzt sind, auch fernerhin die Treue bewahren. Wir begehen den zehnten Jahrestag der Gründung unserer Republik aber auch als aufrichtige Republikaner, denn dem Geiste der Religion, welche nur einen einzigen König anerkennt, unser aller Vater im Himmel, entspricht die republikanische Staatsform am besten. Schon der weise Samuel hat dem Volke, das die Einsetzung eines Königs nach dem Muster der anderen Völker von ihm forderte, in beredten Worten die Gefahren geschildert, welche das Selbstherrschertum mit sich bringt und. wenn er vom Chauvinismus. Imperialismus und Militarismus, vom Kastengeist und der Entrechtung des Volkes spricht, die im Gefolge des Königtums auftreten, wenn er die Schattenseiten teden autokratischen Svstems dem verblendeten Volke vor Augen führt, dannhaben dieWorte. d i e e r v orJahrtausenden gesprochen hat, nichtsvon ihrer Aktualität ver- ---nächsten Monat erwart sie e Kind. Das erste Kind!" „Schrecklich!" rief der Leutnant Kohn. „Wird das arme Kind keinen Vater haben?! Ist sie wenigstens versorgt?" „Versorgt? — Nix is geblieben." „Lebt sie bei ihren Verwandten?" „Was heißt Verwandte? Sie is doch aus Russisch-Poien und steht allahn da. Aber mir, die Khille nemmen uns an! Das heißt: Sie nemnut nix, Nähen tut sie. Militärwäsch! Aber — für das Kind ham mr gesammelt! Das wad nix darben!" „Das ist sehr schön" sagte Leutnant Kohn. „Aber glauben Sie mir Herr Leutnant", rief Herr Wessely, „bei dem Sammeln hat ma wieder sehen können, wie Schlacht unsere Jibdn senn!" „Pscht, Pscht!" riefen die Nachbarn des Herrn Wessel'y, denn die Schlechtigkeit der „Jihdn" hatte die Stimme des Herrn Wessely zu sehr geschwellt. „Schlacht senn die Jihdn!" wiederholte Herr Wessely, wie zum Proteste, aber — etwas zaTter. „Wieso" fragte Leutnant Kohn. „Wieso? No, ich wer Ihnen erzählen: Da is zum Beispiel ahner in unserer Stadt — ich wifi ka Namen nennen — aber sei Vermögen: Alle jüdischen KindeT gesagt; Und wie ma zu ihm gekommen is, er soM geben — was meinen Sie, Herr Leutnant — hat er gesagt: .Was geht mich die Russin an? Ich bin Oesterreicher!' — Nu? E Patriot was er is! Stahns gesagt! — Was sagen Sie dazu, Herr Leutnant?" Herr Leutnant Kohn antwortete nicht. Die Erzählung des Herrn Wessely, das Schicksal dieser unglücklichen Frau, die Hilflosigkeit der Menschen gegen die Kriegsgreuel, all dies hatte ihn noch mehr verbittert und die früheren Zweifel verstärkt. „Wo ist die Gerechtigkeit Gottes?" dachte er. Da begann der Kantor „Lecho daudi" und die erhabene, wunderbare Weise drang durch den Tempel und in die Herzen der Zuhörer. Aber Leutnant Kohn wehrte sich. Er wollte nicht hören und murmelte bitter: „Wo ist sie. die Prinzessin? Wo ist der Friede? Wo ist die Freude?" „Was sagen Sie, Herr Leutnant?" fragte Herr Wessely. „Ich versteh Sie nix."-- Als dann aber die Gemeinde sich wendete und der Chor leise und innig „baui beschölaum" begann, da — zog die Prinzessin ein und--Welcher Mensch kann sich dieses schönen Wunders erwehren? Mit ihr zog ein tiefer Friede in die Seele des iungen Leutnant, denn er dachte: „Gott, der den Menschen den R e h u t a g geschenkt, wird mir und allen helfen!"--Ein