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Die Wahrheit · 1928-11-09 · Heft 45 (9.11.1928) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 45 (9.11.1928)
Date
1928-11-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Stitc 2 i^mmsiniffiraiHiiBiffiwiifKiffmiiHHmiiiiiimB fHnimmifHii!iRiiiiiRiiüiRinii du* WAHRHEIT jenigen Juden, welche bisher keine Steuer bezahlten, nicht freiwillig gemeldet haben. Die innere Struktur einer Kultusgemeinde, der Wesenszweck einer Institution, die dazu berufen ist, die religiösen Bedürfnisse eines Bevölkerungszweiges zu befriedigen, kann nicht mit dem Staate oder mit der Gemeinde verglichen werden. Die Kultusgemeinde ist eine Institution, die lediglich auf der Voraussetzung fußt, daß ihre Erfordrnisse durch den Opfermut ihrerMitgliederaufgebrachtwerden. Eine Institution also, die unter solchen Voraussetzungen gegründet wurde, kann unmöglich sich erlauben, Personen Rechte zuzuerkennen, die nicht einmal gewillt sind, 25 Groschen für die Fürsorgeinstitutionen und für Fürsorgezwecke der Kultusgemeinde zu opfern. Eine Kultusgemeinde, die dazu berufen ist, den tief im Herzen eines jeden Juden wurzelnden Fürsorgesinn zu seinem Rechte zu verhelfen, kann nur von Personen gelenkt und geleitet werden, die selbst bewiesen haben, daß in ihnen der Fürsorgesinn lebt, die selbst bereit sind, Opfer für diese ihre Kultusgemeinde zu bringen. Die Kultusgemeinde verlangt von ihren Mitgliedern eine Kultussteuer, die nach den Vermögensverhältnissen gestaffeltist, und die für die ärmsten Mitglieder eben so gering bemessen wird, daß sie für solche keine Steuer mehr bedeutet. Die Forderung nach dem allgemeinen Wahlrecht scheint also lediglich den Zweck zu haben, den Kultuswählern die „demokratische" Einstellung jener Parteien zu beweisen, die für das allgemeine Wahlrecht eintreten. Ich glaube, daß es wohl nicht des Kampfes für das allgemeine Wahlrecht unter solchen Ledio daudi. Eine Geschichte aus dem Kriege. Von Leopold H i c h 1 e r. (Schluß.) Als die beiden Kameraden allein waren fragte Leutnant Rosenfeld: „Wie lang warst du im Feld? „Ein Jahr." „Und da schickt er dich wieder hinaus? Weißt du, das ist eine Gemeinheit." Und vorsichtig blickte er um sich, ob es nur niemand gehört, denn Mut durfte der Offizier nur dem Feinde zeigen, aber nicht dem Vorgesetzten. „Er hätte doch andere Leute genug!" rief Leutnant Rosenfeld, „Leute, die schon ein Jahr da. herum sitzen! Aber das Ganze ist nuir — weißt <lu —" und wieder blickte er spähend um sich, „weil er ein Rosche ist!" „Nun und dich läßt er hier?", fragtet Leutnant Kohn. „Ja, glaubst du denn. Dr. Kohn, er hätt mich nicht schon längst hinaus geschickt, wenn er mich nicht in der Kanzlei brauchen würde, wie einen Bissen Brot!? — Aber das mit dir, das ist unerhört! Ein Jahr warst du im Feld und sollst jetzt wieder hinausJ" „Rosenfeld! Ich wer dir was sagen: Das Im-Feld-sein äst nicht das Aergste. Man gewöhnt's. Das Empörende ist nur wie sie mit einem Menschen umspringen. Da heißt 's: Aus dem Feld zurück und dann heißt 's: Wieder hinaus und wozu das Ganze? Hätten sie mich gleich draußen lassen, denn . . . ." „Du!", unterbrach Leutnant Rosenfeld, „aber das ist wahö\ was der Alte sagt: Die Stellung der Haubitzen 8 ist wunderbar. Es rührt sich dort nichts. Ich weiß, die haben schon vier Monate keinen Schuß abgegeben. Du bist dort — sicher." „Ach Lott! Sicher!" rief Leutnant Kohn, „ist denn der Tod das Aergste? Ich sag dir Rosenfeld: Der Tod ist nicht so schrecklich, als diese Rechtlosigkeit! Schau: Sterben müssen wir einmal alle. Einer früher, einer später. Aber so lang man Voraussetzungen bedarf, um den Wählern zu sagen, daß man für die Demokratisierung der Kultusgemeinde kämpft. Es wäre wohl viel wichtiger, den Kultuswählern zu sagen, daß das Wesen und die Begriffe der Demokratie, der Gleichheit und der Brüderlichkeit in den Idealen des Judentums am weitesten und am meisten ausgeprägt sind. Wer den Ernst, die Tiefe und das Wesen unserer Religion begreift, der wird wissen, daß gerade unser Glaube die Fahnen der Demokratie und der Gleichberechtigung seit jeher vorangetragen hat. Man braucht ja nur in ein Gotteshaus zu gehen, um dort zu sehen, daß es nur Gleiche gibt, daß selbst der Seelsorger als Führer der Gemeinde primus inter pares ist. Man braucht ja nur die jüdischen Gebräuche zu überprüfen, um zu sehen, daß es keinen Unterschied gibt zwischen arm und reich, daß alle Juden in den Idealen unserer Glaubensätze als Menschen in des Wortes edelster Bedeutung geeinigt erscheinen. Eine Religion, die eine bis ins kleinste Detail ausgebildete Demokratie in ihren Glaubenssätzen verwirklicht hat, braucht nicht durch die Schlagworte vom allgemeinen Wahlrecht und ähnlichen Forderungen einen Superlativ der Demokratie zu schaffen. Zehn Jahre Oesterreictiische Republik. In ernster Zeit begeht die Republik Oesterreich den zehnten Jahrestag ihres Bestandes. Die Nachwehen des Weltkrieges sind trotz zehnjähriger Aufbauarbeit noch immer nicht überwunden; schwer lebt, will man doch ein Mensch sein und ist man einer, wenn man kein Recht hat? — Einmal zurück, einmal hin, einmal her! Eine Nummer, ein Nichts ist man in dem Krieg geworden! Aber jetzt . . ." schloß er, denn er fühlte, er käme zu weit, „jetzt geh' ich schlafen. Ich bin heut' Nacht durchgefahren und bin müde." „Wo schläfst du?" „Ich geh' ins Hotel Exzelsior und nehme mir dort ein Zimmer," „Du, Dr. Kohn! Ich möchte noch gern' mit dir beisammen sein, bevor du ins Feld gehst! Wo bist du am Abend?" „Am Abend?" wiederholte Leutnant Kohn und sagte traurig: „Ja, am Abend! Da hab' ich mit einem Herrn Wessely, einem alten* lieben Herrn, besprochen, daß ich ihn vor dem Tempel erwarte. Weißt du: Er hat mir ein Zimmer vermitteln wollen. Du! Ich hab' mich schon so gefreut darauf! Na — jetzt brauch dch's nicht mehr . . ." „Also hol' ich dich vom Hotel ab, ja?" „Nein Rosenfeld Ich — geh' doch zum Tempel hin. Weißt du: Der Alte war so freundlich und er erwarte* mich und es gehört sich, daß ich ihm wenigstens für seine Mühe danke, wenn ich auch nicht hier (bleiben kann! Treffen wir uns vor dem Tempel. Ich glaube — so um halb sieben ist's aus! Aber jetzt — geh' ich schlafen. Servus Rosenfeld!" „Servus Dr. Kohn." „Jetzt geh' ich schlafen." Wie leicht spricht das der Mensch und wie schwer führt er es aus, wenn die Seele erschüttert ist! — Herr Leutnant Kohn konnte nicht schlafen und er wußte gar nicht, weshalb? Er glaubte, es sei der Aerger, der Groll über das Unrecht, das ihn zugefügt worden. ---Nein, mein lieber Leutnant! Der Zweifel hält dich wach und ein wenig die Scham, daß du wieder dorthin strebst, wo der Mensch Trost findet: Zum leiben Gott. — Leutnant Kohn wollte in den Tempel und schämte sich dieser plötzlichen Regung. In diesem Zwiespalt der Gefühle rief er, sich selbst täuschend: „Ich will ja nicht hin. weil ich glaube! Ich will nichts von Gott! Er soll mir nicht sagen, daß ich jetzt zu ihm komme, weil ich in Not bin! Nein. Ich will nur unter Juden sein. — Nun ja! Morgen bin ich schon im Feld und ich möcht gern sehen — zwei Jahre war ich schon in keinem Tempeil>---!"

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