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Die Wahrheit · 1928-11-02 · Heft 44 (2.11.1928) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 44 (2.11.1928)
Date
1928-11-02
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 l!ffi!liail!llllil!Illll!III!!lllllll VmlBoeheziilDocke Blut ist ganz besondrer Saft In einem Wiener Spital ereignete sich jüngst folgender Vorfall: Ein Kranker war durch Blutverlust sehr erschöpft. Die Aerzte erklärten, es müsse rasch eine Blutübertragung vorgenommen werden, um den Kranken am Leben zu erhalten. An die anwesenden Studierenden der Medizin wurde die Frage gerichtet, ob einer hierzu bereit sei. Es meldeten sich sofort mehrere. Die Blutgruppe, zu der die einzelnen hilfsbereiten Studenten gehörten, war bereits früher festgestellt worden. Bekanntlich darf nur eine Blutübertragung von Angehörigen derselben Blutgruppe vorgenommen werden. Einer der Studenten, der derselben Blutgruppe angehörte wie der Kranke, wurde als Blutspender herangezogen. Die Blutübertragung rettete dem Kranken das Leben. Nachher hatte man Zeit, sich mit den persönlichen Verhältnissen des Kranken und des Blutspenders zu befassen. Es stellte sich heraus, daü der Kranke ein antisemitisch eingestellter Student war und der Blutspender ein jüdischer Studierender der Medizin. Was ergibt sich nun aus diesem Vorfall? Sicher ist nur das eine, daß in dem antisemitisch eingestellten Studenten jüdisches Blut rinnt. Vielleicht wird er aus Dankbarkeit für seine Lebensrettung seine Gesinnung ändern. Wie wird sich nun die bekannte antisemitische Rassentlicorie zu dem Geretteten einstellen? Kann sie ihn etwa bei einem Eintritt in einen Verein mit dem sogenannten Arierparagraphen noch als rein arisch betrachten, wenn er den Nachweis seiner arischen Abstammung erbringt? Wir überlassen die Lösung dieser Frage den zünftigen Rassenforschern. Jedenfalls beweist der Vorfall, auf wie schwachen Füßen die Rassentheorie steht. Sollte es Fanatiker geben, die es vorziehen, in solchen Fällen einen Kranken zugrunde gehen zu lassen, als ihn auf diese Weise zu retten? _________ Dr. E. W. Amtsjubiläum Rab. Prof. Dr. Moritz Bauer. Gleichzeitig mit seinem 25jährigen Wirken als Seelsorger am Neudecker Tempel feiert in diesem Jahre Sr. Ehrwürden Herr Professor Dr. Moritz Bauer auch sein 25jähriges Lehrjubiläum, aus welchem Anlasse seine Schüler am Bundesreformrealgymnasium in Wien VIII und deren Eltern am 4. November 1928 im Ingenieur- und Architektenverein den Jubilar ehren werden. Aus der Mitte der gegenwärtigen Schüler werden bei diesem Anlasse musikalische und deklamatorische Vorträge ausgeführt werden. Die vorbildliche Lehrtätigkeit des Jubilars, der es stets verstanden hat. in den Herzen seiner Schüler die Liebe zum jüdischen Glauben, zur jüdischen Kultur und zum jüdischen Volke wachzurufen, ihnen an jüdischer Ethik und Moral unvergängliche Werte für ihr späteres Leben mitzugeben, findet von allen Seiten Anerkennung und Ehrung. Dr. Bauer hat es auch verstanden, die Stellung des jüdischen Religionslehrers an der Anstalt, an welcher er wirkt, zu präzisieren und festzulegen, daß er heute als einer der geachteisten Mitglieder des Lehrkörpers angesehen wird. Alle Freunde und Verehrer des geistigen Oberhauptes der Josefstädter Juden werden mit Freude die Gelegenheit wahrnehmen, Dr. B a u e r bei dieser Feier durch ihren Besuch zu ehren. Barmizwahfeier. Samstag, den 27. v. M., fand im großen Leopoldstädter Tempel die Barmizwah des Studenten Franz Kol min. Sohn des Direktors Gustav Kol min und seiner Gattin Elsa geb. Schrötter statt, welche sich infoige der besonderen Wertschätzung, deren sich das Ehepaar K o 1 m i n erfreut, zu einer überaus schönen Feier gestaltete. Nachdem Herr Oberkantor G. M a r g u 1 i e s einen selbstvcrfaßten Segensspruch wirkungsvoll zum Vortrage gebracht, hielt Sc. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. M. Grunwald an den jungen Kolmin eine inhaltsreiche Ansprache, in der er die besondere Bedeutung dieses Tages im Leben des nun in die Gemein- IIIIIM DIE WAHRHEIT Schaft aufgenommenen Jungen hervorhob. Die Rede gipfelte in der Ermahnung, stark zu bleiben im Leben und 'das Judentum stets hochzuhalten. Er hob die edlen Bestrebungen der Eltern fürs Judentum und die überaus großen Verdienste des Vaters um den „Jüdischen Elternbund" und die Bibelschulc in der Tempelgasse hervor und ermahnte den Sohn, solchen edlen Beispielen nachzueifern. Hierauf brachte der Barmizwoh die Haftorah in einer Weise zum Vortrag, die davon Zeugnis ablegte, daß im Hause seiner Eltern Religion gepflegt wird. Bei dem Familienfeste am Nachmittag, das die Freunde der Familie Kolmin vereinigte und an dem auch u. a. Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Max Grunwald, Präsident Dr. J. 0 niste in, die Kultusvorsteher Dr. Josef Ticho und Dr. J. K1 a b e r, Amtsdirektor Dr. E. Adler, Bethausvorsteher. S. Ernst, die Hofräte Ing. L ö w y und Ing. Schiller, Oberkantor G. Marguli es. 1. Kantor Leo Funke, Amtsleiter L. Förster, Chefredakteur L. Ii i r s c h f e I d, Oskar T o n e 11 o, Sekretär Oskar H i r s c h f e 1 d sowie der Gesamtvorstand des „Bundes jüdischer Eltern im II. Wiener Gemeindebezirk" teilnahmen, hielt der junge Kolmin eine innige, mit großem Beifall aufgenommenen Ansprache, auf die Herr Rabbiner Dr. Grunwald in überaus geistreicher Weise antwortete. Der Mädchen- und Frauenverein „Krankenbesuch" (Bikur Chaulim) teilt mit, daß er am Sonntag, den 18. November 1928. um 3 Uhr nachmittags, im Central-Kino. IL, Taborstraße 8, einen Lichtbildervortrag „Das P r a g e r G h e 11 o", gehalten von Herrn Dr. Salomon Lieben aus Prag, veranstaltet, dessen Reinertrag zur Gänze armen Spitalskranken zugeführt wird. Karten für diesen Vortrag sind zu iiorma- 1 e n Kinopreisen in den Buchhandlungen Josef Schlesinger, i., Seitenstettengasse 5, Josef Belf, I., Rabensteig 3 und L. D. Hirschler, I., Rabensteig 6 und bei sämtlichen Vorstandsdamen des veranstaltenden Vereines zu erhalten. Trauung. Sonntag, den 2S. Oktober, fand im festlich beleuchteten Tempel XVI., Hubergässc S, die Trauung des Fräuleins Paula G o 1 d s t e i n, Tochter des Vorstandsmitgliedes der „Chewra Kadischa Ottakring" und des Vereines „Kinderfreunde", des Herrn Franz G o I d s t e i n und seiner Gattin Julie, geb. Steinhardt, mit Herrn Jacques P e h m s t e i n unter außerordentlich großer Beteiligung statt. Se. Ehr würden Herr Rabbiner Dr. M. J. Bach verlieh nur den Gefühlen der zahlreichen Freunde passenden Ausdruck, als er in einer von persönlicher Wärme durchdrungenen Rede auf die hohe Wertschätzung hinwies, die den Brauteltcrn, insbesondere dem Brautvater Herrn Franz Go Idstein, der sich auch als Mitglied des Tempejbaukomitecs verdienstvoll betätigte, gezollt wird. Er betonte das religiöse Empfinden und den Wohltätigkeitssinn des Ehepaares G o 1 d s t c i n, das von den Großeltern auf die Eltern und von diesen auf die Kinder übertragen wurde und erwähnte auch die ersprießliche Tätigkeit der Frau Julie Goldstein im Vorstande des Fnmenwohltätigkeitsvereines des Bezirkes. Zum Schlüsse seiner vorzüglichen Rede ermahnte Rabbiner Dr. Bach das Brautpaar, stets eingedenk zu bleiben der grenzenlosen Liebe und Treue der Eltern sowie der Erziehung, die sie ihnen haben angedeihen lassen, um auf dem festen Grund dieser echt jüdischen Tugenden das neue Haus aufzurichten. Die kantorale Funktion versah Oberkantor Rudolf K o g a n in ausgezeichneter Weise. — Am Nachmittag fanden sich viele Freunde der Familie G o 1 d s t e i n im Klublokal des Cafe de France zu einer Jause und gemütlichen Zusammenkunft ein. die einen sehr animierten Verlauf nahm. Unter den Anwesenden bemerkte man Se. Ehrw. Herrn Rabbiner Dr. M. J. B a c h, Kultusvorsteher Mcd.-Rat Doktor 1. Deutsch mit Gemahlin, Oberkantor Rudolf K o g a n, 1. Kantor Haren dorf sowie eine Anzahl Delegierte der verschiedenen humanitären Vereine der Bezirke Ottakring— Hernais. Der Obmann des Vereines „Kinderfreunde", Herr Oberveterinärrat Rosenzweig, sowie der des humanitären Vereines ..Greisenschutz" und Vorstandsmitglied der Chewra Kadischa XVI. Herr Gottlieb D r a b, hielten mit großem Beifall aufgenommene Tischreden. Jüdische Toynbeehalle, XX., Denisgassc 33. Samstag, den 3. November. 7 Uhr abends, Konzert. Klavier: Berta Bcrnert. Rezitationen: Grete Bach. Todesfall. Am 29. Oktober 1928 verschied hier nach kurzem, schwerem Leiden Frau Julie Wciner, geb. K o h n. Die Verblichene, die im 81. Lebensjahre stand, war eine herzensgute Frau, eine liebevolle Mutter, und so trifft das plötzliche Hinscheiden die beiden Söhne Emil und Richard Weiner besonders hart. In aller Stille und bescheiden, so wie sie gelebt, fand auch Mittwoch, den 31. Oktober 1928. das Leichenbegängnis statt. Alle, die sie kannten, werden ihr ein owijres Andenken bewahren. Die kantorale Funktion versah Oberkantor D. G r o s s.

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