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Die Wahrheit · 1928-11-02 · Heft 44 (2.11.1928) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 44 (2.11.1928)
Date
1928-11-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
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ry^fk^lkhiit\^Cf\ VbrtfpcuixissnJroiUcJScMWt Wien//. HeiggcH-ra 4 T«^/™.. 79-2-77 Die Kaltuswahlen. Die Wahlbewegung für die am 2. Dezember d. J. stattfindenden Wahlen in die Wiener israelitische K u 11 u s g e m e i n d e ist in vollem Gange. Da unsere Gegenparteien, nämlich die mit den Poalezionisten verbündeten „W erktätigen Jude n", die von diesen abgespalteten „u i c h t n a t i o n a l e n W e r k t ä t ig e n" und die selbständig vorgehenden Jüdischnationalen nichts weniger als die „E ro b e r u n g" unserer Gemeinde sich zum Ziele gesetzt haben, ist es ein Ding der Selbstverständlichkeit, daß diejenigen, welche die Gemeinde im Sinne der Väter verwalten und sie den Kindern ungeschmälert übergeben wollen, die V e rteidigung dieser Gemeinde auf ihre Fahnen geschrieben haben, damit diese nicht eine Beute des Klassenkampfes oder des Nationalismus, ein Spielbali im Getriebe der Politik wird. Das ist der Grund, warum die „Union deutsch österreichisch er Jude n", der sich auch die Vertreter der W ienergesetzes treuen Judenschaft angeschlossen haben, im Gegensatz zu den Jüdischnationalen und Sozialdemokraten für die Ausmerzung und Fernehaltung jedweder Politik in der Kultusstube kämpft. Daß diese Parole Widerhall in der jüdischen Bevölkerung aller Wiener Gemeindebezirke gefunden hat, beweisen die Versammlungen, welche bisher in fast allen Bezirken stattgefunden haben und durchwegs sehr gut besucht waren. Die in diesen Versammlungen von den Herren Präsident Doktor Jakob O r n s t e i n, Börserat I. Glück, Kultus Vorsteher Dr. Josef T i c h o, Regierungsrat Dr. Oppenhei m, Kommerzialrat B. Buchwald und D. Dohan, Medizinalrat Dr. Haase, Dr. Feldsberg u. v. a. gehaltenen und mit großem Beifall aufgenommenen Reden, sind ein deutlicher Ausdruck der Stimmung, welche innerhalb der Wiener Judenschaft herrscht. In der vorigen Woche hat die „Union deutschösterreichischer Juden" eine gut besuchte Versammlung im Terrassen-Cafe (V., Margaretenplatz), bei der als Referenten die Herren Dr. Josef T i c h o, Börserat Ignatz Glück, Präsident Dr. Jakob 0 r n s t e i n und Medizinalrat Dr. Heinrich Haase sprachen, abgehalten. An der Debatte beteiligten sich die Herren S. Mandl und S. Stern. Die Ausführungen der Redner wurden mit sehr großem Beifall aufgenommen. Unter Vorsitz des Herrn A. Taub fand Donnerstag, den 25. Oktober, eine gut besuchte Kultuswählerversammlung im Cafe „E l s a h o f' in der Neubaugasse statt, welche einen bemerkenswerten Verlauf nahm, über den wir im folgenden berichten wollen. Nach Eröffnung der Versammlung durch den Vorsitzenden Herrn Adolf Taub ergriff als erster Referent Herr Regierungsrat Dr. Hermann Oppenheim das Wort, um an der Hand des Wahlprogrammes unserer Gegner, nämlich der „W erktätigen Juden" und der J iid i s c h n a t i o n a l e n das eigene Wahlprogramm zu entwickeln. In geradezu meisterhafter Weise gelang es dem Redner, indem er die gegnerischen Wahlprogramme Punkt für Punkt zerpflückte, den Unterschied zwischen den Leistungen der „Union" und den Versprechungen aller übrigen Parteien darzulegen. Regierungsrat Dr. Oppenheim begann mit einer Kritik des „werktätig e n" Kultusprogrammes und gab zunächst der Hoffnung Ausdruck, daß das in einer der letzten Nummern der „Jüdischen Volkszeitung" von Leo Rath veröffentlichte Programm angesichts der internen Vorgänge innerhalb der Gruppe der „Werktätigen" noch als gültig bezeichnet werden kann. Besagtes Programm beginnt damit, daß es erklärt, daß einzig undallein dieSozialdemokratie die jüdischen Interessen wahrzunehmen und zu vertreten berufen sei. Reg.-Rat Dr. Oppenheim bezeichnete diese „Erklärung" (von wem und in wessen Namen ist diese übrigens abgegeben? D. Red.) mit Recht als eine „Anmaßung" und „Herausforderung" der nichtmarxistischen jüdischen Bevölkerung, welche eine solche Interessenverknüpfung niemals wird zugeben können. Ja es erscheint sogar eine vollkommene Trennung zwischen den jüdischen und den sozialdemokratischen Interessen vonnöten; nicht bloß aus politischen Gründen, obwohl diese allein schon eine solche reinliche Scheidung gebieten würden, sondern vor allem aus kulturellen und religiösen Gründen; denn eine Partei, die in Wort und Schrift und Tat eine fanatischen Kampf gegen die Religion führt, eine Partei, welcher jedes religiöse Bekenntnis ein Greuel ist, und die dort, wo sie an der Macht ist, einen Vernichtungsfeldzug nicht nur gegen die christliche, sondern auch gegen die jüdische Religion führt, kann niemals die Interessen des Judentums vertreten! Damit eine derartige „Interessenvertretung" seitens der Sozialdemokratie übernommen werde, soll bei dieser Partei, wie es im Programm der „Werktätigen Juden" heißt, zunächst einmal „das Interesse für die wirtschaftlichen und kulturellen Wünsche der Judenschaft erweckt werden." Wir sollen also unser Schicksal in die Hand von Männern legen, deren Interesse für uns, wie besagtes Programm nicht mit Unrecht erklärt, erst geweckt werden müßte! Die wahre Absicht der „Werktätigen Juden", so erklärte der Referent, ist aber gerade die umgekehrte. Ihnen handelt es sich nämlich nicht so sehr darum, daß die Sozialdemokratie uns unterstütze, sondern gerade im Gegenteil, unsere altehrwürdige Kultusgemeinde soll zu einem Bollwerk des Marxismus werden, sie soll die Sozialdemokratie unterstützen und ihr insbesondere die Sorge um gewisse jüdische Parteigenossen abnehmen, die man aus Mitteln unserer Gemeinde für Dienste, die sie der sozialdemokratischen Partei geleistet haben, entlohnen möchte. Dann soll unsere Gemeinde, wie es im Programm der „Werktätigen Juden" heißt, „auch die politischen Aktionen der Sozialdemokratie unterstützen." Dagegen werden wir uns mit aller Entschiedenheit wenden, da unsere Gemeinde nur religiöse und kulturelle Aufgaben zu erfüllen und nichts mit Politik zu tun haben soll. Sie ist uns viel zu gut und zu teuer, u m d e n Sozialdemokraten Vor Spanndienste zu leisten. Nichts anderes aber wollen die „Werktätigen Juden". Reg.-Rat Dr. Oppenheim kam sodann auf die Forderung der „Werktätigen Juden" nach Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes bei der Wahl in den Kultusvorstand zu sprechen und bezeichnete diesen Programmpunkt, der sich auch im Wahlprogramm der Jüdischnationalen vorfindet, als ein

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