Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 44 (2.11.1928)
- Date
- 1928-11-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064248-3064290--16688-3089452- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Selte g imiwiMi DBB WÄHRHEI1 dem sie auftritt und das, ehrlich herausgesagt, eigentlich eine Falschmeldung bedeutet, das Selbstbekenntnis durchschimmern läßt, daß die Gemeindestube nicht der Tummelplatz politischer Ziele ist. Die sozialdemokratische Partei, die in der jüdischen Gemeindestube wie im öffentlichen Leben nach den offiziellen Erklärungen ihrer berufenen Führer die Religion im besten Falle als Privatsache gelten läßt, hat immer so viel Takt gehabt, sich von allen der Pflege konfessioneller Angelegenheiten sich widmenden Körperschaften fernzuhalten. „Werktätige Juden" dürften sich mit Recht alle jene nennen, die in der jüdischen Gemeindestube das religiöse Leben der Juden und die Pflichten, die aus diesen für die Bekenner des jüdischen Glaubens erwachsen, zur Richtschnur nehmen. Am allerwenigsten aber dürfen Anspruch auf diesen Namen Parteimänner erheben,, die vorwiegend politische Tendenzen verfolgen und den Fragen der Religion bestenfalls kühl gegenüberstehen. Wenn die Sozialdemokraten die Kultusgemeinde erobern wollen, dann müssen sie zunächst es auch durchsetzen, daß das in Geltung stehende Gesetz, welches den Wirkungskreis der Kultusgemeinde genau umschreibt und dieser „die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung Wiens" als Obliegenheit zuweist, — aufgehoben wird, und anstatt dessen der Kultusgemeinde die Aufgabe auferlegt wird, jüdische Wähler der sozialdemokratischen Partei zuzuführen. * * * Es mag zugegeben werden, daß der von Ehrgeiz oder Erbitterung oder von beiden gedrängte Mann, der bei den Wahlen im Jahre 1924 durch Agitation in Wort und Schrift der Fünfmännerpartei im Kultusvorstand den Weg geebnet hatte, die ihre Opposition mit dem Wunsche für erhöhte soziale Tätigkeit begründete, diese Entwicklung der Dinge nicht geahnt hat. Als die Fünfmännergruppe' — der Appetit kommt mit dem Essen — allmählich durch die Erweiterung ihrer Plattform in immer engere Fühlung mit außenstehenden leitenden Persönlichkeiten der sozialdemokratischen Partei geriet, ist der Initiator der ganzen Bewegung selbst ihr Opfer geworden. Er, der sich gleich Moses, wenn er auch selbst nicht das gelobte Land der Verheißung betreten durfte, für den allgemein anerkannten Führer hielt, mußte schließlich erfahren, daß er sich getäuscht habe. Seine Macht war offenbar gebrochen, die Zügel waren seiner Hand entglitten. In der Aufstellung der Kandidaten zeigte sich, daß er selbst mit seinen Vorschlägen, die Verbindung mit der extremen Gruppe „Poale Z i o n" zu verhindern, gescheitert war. Wie schmerzlich, wie beschämend für einen, der nie danach gestrebt hatte, daß es wie von Moses auch von ihm heiße: er war der bescheidenste Mann, im Gegenteil. Und mit ihm fielen manche seiner Mit- JAC. MAYER Kleider- und Gummimäntel-Industrie Export nach allen Ländern Wien II-, Glockengasse 24 Telephon R 48-4-79 Streiter, die sich vielleicht auch als Meister fühlten und nun das Schicksal erleiden, als traurige Gesellen auf dem Wahlplatz noch vor der Wahlschlacht liegen zu bleiben. Unter diesen Gefallenen erinnerte allerdings mancher an Moses. Nicht, was die Bescheidenheit betrifft, bewahre! Da hört die jüdische Nachahmungssucht nur zu leicht auf. Aber die heilige Schrift, die auch Schwächen und Mängel ihrer gefeiertsten Größen nicht verschweigt, erwähnt, daß Moses kein Redner war, denn er war von schwerer Sprache und schwerer Zunge. Darin glichen ihm so viele, die trotzdem in den Wählerversammlungen sprachen. * * * In den Wählerversammlungen begegnete man aber auch manchem Redegewaltigen, der noch mehr anstieß. Zur allgemeinen Verblüffung erfuhr man da z. B. plötzlich, daß ein Redner sich von schweren Bedenken über das Schicksal der jüdischen Kultusgemeinde bedrückt fühlte, von dem man annahm, daß ihn kaum noch die allerzartesten Fäden mit dem jüdischen Glauben verbinden. Wie sollte man ahnen, daß einer daran denken könnte, in den Kultusvorstand einzutreten, von dem man glaubte, er sei längst aus dem Judentume ausgetreten? * * * Unwillkürlich wurde vielleicht, angesichts solcher Redner, mancher an die aufsehenerregende Episode erinnert, die sich vor einigen Jahrzehnten im österreichischen Abgeordnetenhause abspielte. Während der Sitzung war die Nachricht eingelangt, daß ein Dr. Theodor Kohn — von dessen Existenz überhaupt nur die Wenigsten wußten — zum Fürsterzbischof von Olmütz gewählt worden sei. Die Verhandlung, die auf der Tagesordnung stand, fand kaum mehr eine Beachtung, der Name „Kohn" durchschwirrte den Saal, ging von Mund zu Mund und wurde mit den seltsamsten Glossen begleitet. Da hörte man plötzlich, wie der Ministerpräsident Graf Taaffe, dessen schlagfertiger Witz niemals versagte, auch in diesem Moment das erlösende Wort fand, zu einem Kollegen auf der Ministerbank gewendet, sagte, so laut, daß es auch den Nebenstehenden vernehmlich war: „Hoffentlich ist der Mann schon getauft!" Wie naheliegend wäre angesichts manches Redners über die heiligsten Aufgaben der Kultusgemeinde die besorgte Frage gewesen: „Hoffentlich ist der Marm noch nicht getauft!" * . * * War es nicht schon mehr als befremdend, daß „werktätige Juden" sicherlich weniger aus Rücksicht auf jüdische Ideale wie auf sozialdemokratische Eroberungspläne es nicht verschmähten, die werktätige Unterstützung halb- und ganzgetaufter Juden in Anspruch zu nehmen? Was soll man aber zu der grotesken Idee sagen, daß man auch wirk- Auch Detail verkauf zu Fabrikspreisen! Herrenanzug nach Maß auf Seide S 200.— Herrenraglan „ „ „ 150.— Herrenhose „ „ 48.— feinst ausgeführt Zeitgemäße Zahlungsbedingungen! Kein KaufzwangI Freie Besichtigung!