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Die Wahrheit · 1928-11-02 · Heft 44 (2.11.1928) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 44 (2.11.1928)
Date
1928-11-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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ftffi WAHRHEIT mifflifliim^ Seite 5 stände mitanzusehen, und ich will nur in wenigen Worten versuchen, den Lesern dieser Zeilen vor Augen zu führen, wie primitiv bisher die Einrichtungen der provisorischen Zeremonienhalle waren. Die rituellen Waschungen wurden wegen Platzmangel beim ersten Tor vorgenommen; hierauf mußten die Leichen vor dem Begräbnisse vom ersten Tor zum dritten Tor transportiert und dortselbst in einem kleinen, zirka 25 Quadratmeter großen Räume nebeneinander gereiht werden. Wer also zur Agnoszierung eines Toten erschien, mußte sich in den Raum begeben, in dem die übrigen Leichen lagen. Es konnte keine Rücksicht darauf genommen werden, ob es sich um infektiöse oder nichtinfektiöse Todesursachen .handelte. Es konnte in diesem kleinen Raum für die Konservierung der Leichen selbstverständlich keine Vorsorge getroffen werden. Nur wer dieses traurige Ehrenamt eines Delegierten der Chewra Kadischa im Hochsommer versehen hat, weiß, wie primitiv und, ich möchte ruhig sagen, unmöglich diese Räume waren. Endlich hat man, den Bedürfnissen der Hygiene Rechnung tragend, ein Gebäude errichtet, das Kühlanlagen, getrennte Abteilungen für jene, welche an infektiösen Krankheiten gestorben waren, sowie einen Leichenaufbewahrungsraum enthält, der vom Agnoszierungsraum vollkommen getrennt ist. Hätte man vielleicht nur diese Räume errichten sollen und nicht noch auch eine Zeremonienhalle? Die Wiener Kultusgemeinde hat ein Recht darauf, zur Ehrung ihrer Toten ein Gebäude zu errichten, das dieser Kultusgemeinde würdig ist. Wir Juden ehren unsere Toten und niemand darf uns aus diesem wahren Idealismus, aus dieser tief im Herzen wurzelnden Ethik einen Vorwurf machen. Wer dies aber tut, der ist sicher nicht berufen, die Geschicke einer Kultusgemeinde zu leiten, denn ihm fehlen die wichtigsten Voraussetzungen für solche Ehrenämter. „DieHelden von Wiener- Neustadt". Wir erhielten folgende Zuschrift: Das zionistische Organ „Die Stimme" vom 18. d. M. brachte unter dem Titel „Die Helden von Wiener-Neustadt" einen Bericht über den „7. Oktober", in welchem zur Unterhaltung der Antisemiten die „Flucht" der Wiener-Neustädter Gemeindevorsteher, des Rabbiners und der Gemeindefunktionäre in ironischer Weise geschildert wird. Der Erfolg war durchgreifend. Die Antisemiten haben zu der von selbstbewußten, begeisterten — Juden aufgeführten Komödie huldvoll Beifall geklatscht, das jüdische Prestige wurde gefördert und das jüdische Volksbewußtsein gestärkt. Wahrhaftig eine echt jüdische Tat! Doch damit die allzugroße Freude über die ohnehin zum Schlagworte gewordene „jüdische Feigheit" unseren Antisemiten nicht zu arg bekomme, fühle ich mich verpflichtet, festzustellen, daß die Leitung unserer Kultusgemeinde den Gottesdienst für „Simchas-Tora" nicht abgesagt hatte, vielmehr wurde er, allerdings in einfachster KrupniK das Modezentrum für den verwöhnten Geschmack bringt für die kommende Saison Modelle aus Paris und eigene Sehaffunsen von Mänteln, Kostümen, Complets, Math' mittags- und Gesellschaftstoltetten Schöne Linie, vornehme Eleganz, unerreicht hillige Preise kennzeichnen unsere Erzeugnisse II S lliPHI NlIP VH" KAISEBSTBASSB ff5 Anerkannt größtes und führendes Spezialhaus Oesterreichs Form, von unserem II. Kantor, Herrn Löwy, in Anwesenheit unseres allgemein geschätzten ersten Tempelvorstehers, Herrn S. Frankl, abgehalten. Allerdings war die Zahl der Tempelbesucher eine sehr geringe, da ein großer Teil der Gemeindemitglieder, gleich vielen anderen Bürgern unserer Stadt, verreiste. Auch war eine „Flucht" gar keine Notwendigkeit. Die weitestgehenden Sicherheitsmaßregeln, welche in der ganzen Stadt bereits am 4. und 5. Oktober deutlich sichtbar waren, ließen erkennen, daß eine „Flucht" vollkommen überflüssig, daß eine Gefahr nicht im Anzüge und daß an „Mord, Brand, Plünderung und Schändung" zu denken nicht notwendig gewesen war. Von einer „für die Juden gefahrdrohenden Situation" war nicht im entferntesten die Rede und daher war für den „Hüter" keine Veranlassung, seine Gemeinde „hüten" zu müssen, was ja auch im entgegengesetzten Falle, bewahre Gott, kaum möglich gewesen wäre und bloß eine hohle Phrase ist. Der „Hüter" wohnt im Zentrum des heiß umstritten gewesenen Hauptplatzes, welcher in ein Heerlager umgewandelt war und hätte sich kaum aus dem Hause rühren können. Doch man braucht bloß den einen gehässigen Satz des höchst unobjektiven Berichterstatters zu lesen und man merkt gleich die Absicht — und wird verstimmt: „Das „geistliche Oberhaupt", ein Preßburger Zögling, der mit seinem hiesigen oder sonstigen Anhang auf die „Polischen" so gerne von oben herabsieht, hätte sich aus der jüdischen Geschichte, die er zu kennen vorgibt, Muster nehmen können, wie in ernsten und gefahrdrohen-

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