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Die Wahrheit · 1928-11-02 · Heft 44 (2.11.1928) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 44 (2.11.1928)
Date
1928-11-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 inwiHHyffiM^ DIE WAHRHEIT sein dürfte, dem Anwürfe, daß der Bau der Zeremonienhalle hätte unterbleiben können. Am 9. September 1928 wurde auf dem Zentralfriedhofe die neuerbaute Zeremonienhalle eröffnet Ein Monumentalbau ersten Ranges wurde an diesem Tage dem leider täglichen Gebrauche übergeben. Man sollte glauben, daß diese geweihte Stätte, die uns alle Ehrfurcht vor der Majestät des Todes lehren und uns gleichzeitig die Eitelkeit und Nichtigkeit des Lebens zeigen sollte, nicht für Wahlzwecke profaniert werden darf. Leider mußte man feststellen, daß auch vor diesen heiligen Hallen die Erbitterung des Wahlkampfes keinen Einhalt findet, sondern daß auch diese geweihte Stätte zu Wahlzwecken mißbraucht wird. Am 4. April 1917 wurde mit einer stillen Feier die Eröffnung des neuen israelitischen Friedhofes vorgenommen. Bei dieser Feier hielt der seinerzeitige Oberrabbiner Dr. Moriz Güdemann an die versammelten Mitglieder der Gemeinde eine Ansprache, in der er folgendes sagte: „Für uns ist der Friedhof keine Stätte des Todes, sondern das Haus des Lebens, keine Stätte der Vergänglichkeit, sondern das Haus der Ewigkeit. Das Archiv der jüdischen Geschichte sind die jüdischen Friedhöfe."' Es ist also mit dem Ideenkreise eines guten Juden unvereinbar, zu erklären, daß man Gelder eher den Lebenden als den Toten zuführen möge. Für uns Juden sind unsere Familienangehörigen, unsere Eltern und Kinder nicht gestorben, für uns leben sie in verklärter Form in unseren Herzen weiter, nur ihre irdische Hülle sehen wir nicht mehr vor unseren Augen. Es gehört wohl zu den kulturell höchsten Pflichten eines guten Menschen, Pietät gegenüber seinen blickte ein wenig tückisch bei dieser Frage, jedoch Leutnant Kohn erwiderte ruhig und fest: „Nein, Herr Major!" Da erfaßte den alten Schelm ein menschlich Rühren und er dachte: „Ich wer andern schicken. Armer Kerl! Kommt aus dem Feld und soll gleich wieder hinaus?! Aber . . .." verscheuchte und beruhigte er die Stimme seines mahnenden Gewissens: „Sind genug Juden im Hinterland!" und diese statistisch ein wenig anfechtbare Feststellung gab ihm die Kraft, das Spiel fortzusetzen und verbindlich-bedauernd zu sagen: „Dann mußt du halt gleich zu Haubitzen aoeht! Haben wunderbare Stellung!" Dann neigte er ein wenig sein Haupt, sagte: „Danke!" und Leutnant Kohn verließ das Zimmer des Majors. — In der angrenzenden Regimentskanzlei begrüßte ihn ein Offizier: Leutnant Rosenfeld: mit ihm hatte Leutnant Kohn vor anderthalb Jahren gemeinsam die Offiziersschule besucht und Leutnant Rosenfeld fragte verwundert: wWas hast du. Dr. Kohn?" „Komm mit mir, Rosenfeld, ich werde dir dann alles sagen!" Da trat Herr Major Baron Kereshazy aus seinem Zimmer und sagte zu Leutnant Rosenfeld: „Rosenfeld! Hat — melde Haubitzen aoeht, daß ich Leutnant Kohn zu ihnen eingeteilt hab4! Aaberr . . . ." meldete sich der Bürokrat in ihm, „daß wir nicht Pötzen machen! . . . Mußte — müßte man nicht eigentlich seinem Regiment das melden?" „Gewiß, Herr Major! Ich werde auch Festungsartillerie 1 telegraphisch melden, daß Herr Major Herrn Leutnant Kohn zu Haubitzen acht eingeteilt haben! Die sollen dann verfügen." „Bravo, bravo!" rief der Herr Major sichtlich erleichtert, „geht uns dann Saoche weiter nichts an!" und der „Saoche" selbst, dem Herrn Leutnant Kohn reichte er noch ein kleines Tröstchen: „Glaub* mir, Kooohn. Haubitzen aoeht, wunderbnore Stellung! Ich wohllte, ich könnt' mit dir!" Bitte, Herr Major," wollte Leutnant Kohn erwidern, aber er wußte, wie der Wunsch des Herrn Majors zu werten sei und — schwieg. Der Herr Major gab beiden Offizieren noch rasch ein „Seerv. ns!" und verließ die Kanzlei. (Fortsetzung folgt.) Toten zu üben, es gehört aber nicht zum Wesen eines Juden, Ehrungen, die man Toten widmet, zu bekämpfen. Es ist ein Faustschlag in das Auge eines jeden guten Juden, wenn man ihm die Ehrung der Manen seiner Toten zum Vorwurf macht. Es wäre gewiß viel angenehmer, unsere Gegner noch weiter vom ideellen Standpunkte aus zu widerlegen, aber in einem Wahlkampfe muß man auch die realistische Seite zu Worte kommen lassen. In jener denkwürdigen Sitzung am 6. Mai 1926 wurden mit den Stimmen sämtlicher Anwesenden 35 Vorstandsmitglieder, sohin unter Uebereinstimmung aller im Kultusvorstande vertretenen Parteien die Details der Ausführung der Zeremonienhalle und das Erfordernis von 1,800.000 Schilling genehmigt. Es bedarf wohl keiner weiteren Erklärung über die Art und Weise, wie der Wahlkampf von unseren Gegnern geführt wird, wenn man nur darauf hinweist, daß sie selbst für den Bau dieser Halle gestimmt haben und trotzdem gerade einer Partei heute aus diesem Bau Vorwürfe machen. Es soll hier gleich festgestellt werden, daß der präliminierte Kostenaufwand von S 1,800.000 durch die im Zuge der Ausführung sich ergebenden unvorhergesehenen Arbeiten und Ergänzungen nur um vier Prozent überschritten wurde. Schon bei der Eröffnung des Friedhofes im Jahre 1917 wurde Vorsorge getroffen, daß aus den Einnahmen für den Ankauf von Grüften und Grabstellen Beträge einem Fonds zugeführt werden, der zur Errichtung der Leichenhalle verwendet werden sollte. Auf diese Weise waren bis zum Jahre 1926 bereits eine Million Schilling gesammelt worden, so daß nur ein Betrag von S 800.000 unbedeckt blieb. Dieser Betrag wird durch den Verkauf von 54 Arkadengrüften sowie durch weitere Einlagen in den seinerzeit gegründeten Fonds getilgt werden. Die laufende Gebarung der Kultusgemeinde bleibt daher von den Ausgaben für die Friedhofsbauten vollkommen unberührt. Diese klare, für jedermann verständliche Berechnung muß alle Anwürfe, die wegen des Baues der Zeremonienhalle gegen die Mehrheit im Kultusvorstande erhoben werden, ad absurdum führen. Aber es gibt auch einen sehr triftigen Grund, der den Bau der Leichenhalle und ihrer Nebengebäude erforderte. Das große Ringen der Mächte, der unselige Krieg hat es verhindert, ^aß die Zeremonienhalle nicht schon seinerzeit errichtet werden konnte. Man mußte sich mit jener provisorischen Leichenhalle begnügen, die bisher so schlecht und recht ihren Dienst erfüllte. Wer Gelegenheit hatte, die Nebenräume der alten Leichenhalle zu sehen, wer Gelegenheit hatte, mitanzusehen, unter welchen Umständen die Ueberführung der Leichen vom ersten Tor zum dritten Tor, die Agnoszierung der Leichen sowie ihre Verwahrung bis zum Begräbnis erfolgte, für den mußte es klar sein, daß es unmöglich sei, daß dieser Zustand weiter bestehen könne. Es ist dem Entgegenkommen des Stadtphysikates zu verdanken, daß nicht schon längst der Neubau des Zeremoniengebäudes dem Kultusvorstande aufgetragen wurde. Ich habe als Delegierter der Chewra Kadischa Gelegenheit gehabt, die Uebel-

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