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Die Wahrheit · 1928-11-02 · Heft 44 (2.11.1928) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 44 (2.11.1928)
Date
1928-11-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Si!M«wi(i^^ DIE WAHRHEIt Da Herr Bauminger nun einmal die Sache behandelt hat, so will ich es nicht unterlassen, die für die Schulverwaltung bestimmenden Gründe anzugeben: Das Gebet des Oberrabbiners Chajes ist ein in der Not des Krieges entstandenes Gebet. Es ist im Jahre 1917 verfaßt worden, also in einer Zeit, als die halbe Welt noch vom Getöse der Kanonen erdröhnte. Es spricht daher auch den Wunsch aus, daß die im „Innersten erschütterte Menschheit" den Weg zum Frieden finden möge. Unsere Jugend hat den Krieg nicht miterlebt wie wir. Jetzt, zehn Jahre nach Abschluß des Krieges, ist es wohl an der Zeit, die Erinnerung an den Krieg zu beseitigen, zumal die Neuauflage des Gebetbuches für weitere 20 Jahre berechnet ist. Das in Frage stehende Gebet wurde vom seligen Oberrabbiner nicht für einen Jugendgottesdienst verfaßt; er hätte sonst dem Satze „in dem Aufbauen und nicht Zerstören, Zusammenarbeiten und nicht Einanderbefehden, das Denken und Wollen der Völker beherrschen wird", eine andere, einfachere, mehr kindesgemäße Fassung gegeben. Ganz merkwürdig mutet einen die Behauptung des Herrn Bauminger an, daß die Schulverwaltung sich bei der Einführung des Gebetes im Jugendgottesdienst von parteipolitischen Tendenzen habe leiten lassen. Das heißt wirklich, die Dinge auf den Kopf stellen. Hätte man den verstorbenen Oberrabbiner gefragt, ob sein Gebet eine zionisti- Seuilletcti Lecho daudi. Eine Geschichte aus dem Kriege. Von Leopold Hichler. Herr Reserveleutnant Dr. Kohn war bereits ein Jahr im Felde, als er plötzlich den Befehl erhielt, nach Agram einzurücken. Nach Agram ins Hinterland! In eine große Stadt! — Begreiflich, daß Herr Leutnant Kohn ob dieses Befehls nicht mißmutig war und — er packte rasch und gerne, Sogar sehr gerne. Und als er nach Agram kam, dachte er: „Zunächst such' ich mir ein Zimmer und dann erst meld' ich mich beim Regiment!" Und Herr Leutnant Kohn suchte und suchte, jedoch vergebens. Und als er müde und entmutigt vom vergeblichen Suchen über die Hauptstraße Agrams ging, sah er ein Kleiderseschäft, dessen Inhaber Simon Wessely hieß. „Simon Wessely!" dachte Herr Leutnant Kohn. „Der ist ein Jude, den werde ich um Rat fragen, wo ich ein Zimmer haben kann!" „Meine Hochachtung, Herr Oberleutnant! Was ist angenehm dem Herrn Oberleutnant?" begrüßte und beförderte Herr Wessely den eintretenden Offizier und musterte sachkundig, womit er etwa den Herrn „Ober"leutnant ausrüsten könne?! Er merkte sogleich, daß die Mütze des Herrn Leutnants über die „erste Jugend" sei und rasch flüsterte er zu seinem Angestellten: „Max! Brengen Sie eraus die neien Kappen!" Herr Max, etwas schwerhörig, — diesem Uebel verdankte er noch den Zivilistenstand — erwiderte diensteifrig: „Jawohl. Herr Chef! Die neuen Jacken!" und eilte rasch in den rückwärtigen Raum des Ladens, so rasch, daß er den liebevollen „Nachruf" seines Chefs: „Die Kappen! Hab' erch gesagt! Tahber Cheresch!" nicht mehr vernahm. Indessen sprach Herr Leutnant Kohn: „Gestatten Sie, Leutsche Tendenz enthalte, so hätte er in seiner Geradheit und Offenheit mit einem entschiedenen „Ja" geantwortet und er hätte vielleicht hinzugefügt, daß es sein Wunsch sei, diese Tendenz auch klar zum Ausdrucke zu bringen. Herr Bauminger wird wohl zugeben müssen, daß in Wien viele tausende Juden die im Gebete des Oberrabbiners ausgesprochenen Gedanken ablehnen. Er wird auch zugeben müssen, „daß ein Gebet allen entsprechen müsse, die andachtsvollen Herzens in das Gotteshaus kommen." Juden, die es mit Freuden begrüßen, wenn es armen, verfolgten Glaubensbrüdern gelingt, sich als Bauern in Palästina anzusiedeln und als freie Menschen die eigene Scholle zu bearbeiten, können es nicht begreifen, wie „das Land der Väter", das seit dreizehnhundert Jahren von Arabern bewohnt wird, die dort das vorwiegende Element bilden und das Land als ihre Heimat betrachten, „nunmehr bereit sein sollte", die Heimstätte unseres Volkes zu werden. Die Ereignisse an der Klagemauer am letzten Versöhnungstage und der steigende Antisemitismus in Palästina, von dem zionistische Zeitungen berichten, haben mit erschrecklicher Deutlichkeit gezeigt, daß auch Palästina für die Juden leider derzeit noch ein Land des „Galuth" ist. Es ist allbekannt, daß der Satz „von den neuen Wegen", welche die zionistischen „Führer" „ebnen", bei vielen, vielen Juden Widerspruch hervorgerufen hat. Daß von der Jugend der Streit fernzuhalten ist, wird selbst ein Nichtpädagog wissen und zugeben müssen. nant Dr. Kohn ist mein Name. Habe ich die Ehre. Herrn Wessely . . .?" „Zu dienen, Herr Leutnant! Mein Name ist Wessely." „Ich wollte Sie. Herr Wessely, um einen Rat bitten!" — Die zur Freundlichkeit angespannten Züge des Herrn Wessely erschlafften ein wenig, denn er dachte: „Kommt scho' anmol aner in das Gewölb, will er e £ze!" Aber laut sagte er. jedoch ein wenig gedehnt: „Bitte, Herr Leutnant! Wollen Sie nix Platz nehmen?" und er gab Leutnant Kohn einen Stuhl und Herrn Max, der mit einem halben Dutzend Feldjacken herbeistürmte, einen vernichtenden Blick und dann ließ sich Herr Wessely nieder und sprach: „Mit was kann ich Ihnen dienen, Herr Leutnant?" „Ich will Sie um Rat bitten, Herr Wessely. wo ich in Agram ein Zimmer haben könnte? Ich bin nämlich heute früh aus dem Feld gekommen und ich suche bereits den ganzen Vormittag und finde nichts!" „Ja mit die Wohnungen, Herr Leutnant, is das bei uns so e Sach'! Es is alles vergeben in Agram! Aber — sagen Sie mir nur Herr Leutnant: Wad der Krieg nix bald aus sein?!" „Leider — Herr Wessely — weiß das niemand." „Herr Leutnant! Ich wer Ihnen was sagen: Ich bin e alter Mann und ich weiß nicht, ob ich den Szof von dem Krieg erleb'? Aber ich frag' nur: Wohin führt das Ganze? Mir harn nix zu essen, nix zu schloif'n! Ma' hat nix zu verkaaf'n! Ma' hat ka Tuch, ma' hat ka Stoff!--Aus Papier ^machen sie jetzt Stoffe! E Ponem, was so e Anzug führt! Meine Sonnim sollen das trog'n!--Aber was ham m'r davon, Herr Leutnant: Sie wollen doch e Eze ham wegen dem Zimmer!?" „Ja, bitte, Herr Wessely." Der alte Herr dachte einen Augenblick nach und dann rief er plötzlich voll Freude: „Da fallt m'r was ein! Sie, Max!" wendete er sich zu seinem Verkäufer. „Sie ham m'r unlängst gesagt: Da draußen war e Zimmer in Sveti Duch!?" „Was für Tuch, Herr Chef?" „Oi joi! Hab' ich da e Pferd!" seufzte Herr Wessely leise, aber doch vernehmlich und deshalb wendete er sich, ein wenig verlegen lächelnd ob dieser Eruption zu Herrn Leutnant Kohn: „Er hört nämlich schlacht! Das haßt: Hört er denn schlecht? Wenn er will, hört er: aber er will nix! Er maant immer, er is bei der Musterung!--Und jetzt fallt

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