Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1928-10-26 · Heft 43 (26.10.1928) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 43 (26.10.1928)
Date
1928-10-26
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3064248-3064289--16674-3089437
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

DIE WAHRHEIT ii»iiffl«HiiHiiiiM Seite H S. Grüners 352 Restaurant II., Zirkusgasse 30 Telephon R 43-1-60 VorzUgl. Wiener, ungarische und orientalische (rumänische) Küche. Mittag und Abend Menü nach Wahl. Erstklassige Getränke. frielliiler t tott WIEN I., Seltenstettengasse 3 Tel. U 28-1-28 XI.,Zenlralffriedhof9 neben dem 1. Tor, Tel. U18-0-85 Gegend gekommen waren, vielmehr erscheint es wahrscheinlicher, daß dort eine ständige jüdische Gemeinde bestanden hat. Das wichtigste Beweismoment ist aber für Bulid der Teil eines Sarkophags, welcher 1898 durch die archäologische Gesellschaft Bihac zunächst der Stiftungskirche der kroatischen Königin Jelena, der Gemahlin König Kresimir IL, gefunden wurde. Diese Kirche liegt 100 Meter südlich der Perimetralmauern des alten Salona, 44 Zentimeter hoch, 30 Zentimeter breit sieht man deutlich eine massiv ausgearbeitete Menorah, bekanntlich der Leuchter im großen Tempel zu Jerusalem, wie er auch an dem Titus-Bogen abgebildet ist. Hier befindet sich größter Wahrscheinlichkeit nach der alte jüdische Friedhof. allerdings etwa 10 bis 20 Meter tief unter dem heutigen Niveau. Ist ja doch von Salona — wie Don Fran Bulic erzählt — noch nicht der fünfzigste Teil ausgegraben und es bedarf munifizenter Spenden seitens des Staates oder privater Mäzene, um die beim Ansturm der Avaren im 6. Jahrhundert von den Bewohnern verlassene und dann später verschüttete größte römische Stadt an der Ostküste der Adria wieder erstehen zu lassen, wie dies gegenwärtig im vollsten Umfange durch die italienische Regierung in Pompeji, Herculanum und auch im alten Rom geschieht. Vor einigen Jahren gab es allerdings eine große Regierungssubvention für die Ausgrabungen in Salona; diese kam aber von — Dänemark, das einen Teil des für den Verkauf seiner westindischen Besitzungen erhaltenen Geldes für diesen Zweck widmete. Die Forschungsergebnisse sind kolossal und der jüdische Friedhof mit seinen Sarkophagen und Inschriften wird für die ganze wissenschaftliche Welt von besonderem Interesse sein. Wohl gibt es im alten Rom, auf einigen süditalienischen Inseln und in einigen Städten Süditaliens jüdische Gräber aus jener Zeit, aber bloß in den Katakomben, während es einen freien jüdischen Friedhof aus der römischen Zeit in ganz Europa nicht gibt. * - * * Im heurigen „Jahrbuch des Morgenblatt" habe ich meinen, — leider letzten — Besuch beim zweiten Ehrendoktor unserer Universität, dem Präsidenten der Jugoslawischen Akademie, Vladimir Mazuranic. geschildert und von dessen Arbeit über die Bedeutung des Wortes „Gebalim" berichtet. Es handelt sich hier um den berühmten Brief des Chasdai ibn Schaprut, Finanzministers am Hofe des Kalifen von Cordova, Abd ur Rahman III., welchen ersterer an den König der Chazaren, eines zum Judentume übertretenen tatarischen Volksstammes an den Ufern der Wolga gerichtet ist. Viele Herrscher werben um die Gunst des Kalifen: der deutsche Kaiser, der König der Gebalim. der Herrscher von Konstantinopel und mancher anderer Monarch. Schaprut erfuhr durch den Gesandten des byzantinischen Kaisers vom Bestehen des jüdischene Reiches und versuchte durch einen Mann namens Mar Isaak ben Nathan, der bereit war, sein Leben zu wagen, den Brief über Konstantinopel hinauf zu senden. Dies gelang jedoch nicht, weil die Völker zwischen Byzanz und dem Chazarenreiche miteinander in Fehde standen. Es wurde dann ein Versuch erwogen, den Brief über Palästina zu befördern und nun heißt es wortwörtlich weiter: „Doch bevor ich vollends mit mir zu Rate gegangen war, kamen Gesandte des Königs der Gebalim mit zwei Israeliten an, von denen der eine Mar Saul und der andere Mar Joseph hieß. Als diese meine gedrückte Stimmung gewahrten, beruhigten sie mich und sprachen: „Gib uns Deinen Brief, wir wollen ihn dem König der Gebalim überreichen. Der wird ihn, aus Achtung vor Dir, den in Ungarn wohnenden Israeliten senden: diese hinwiederum werdeiv ihn nach Ruß(land) schicken, und von dort aus wird man ihn nach Bulgarien weiterbefördern, bis er endlich an dem von Dir gewünschten Orte anlangt.'* Im Kolo der Hrvatska Matica, der vor einigen Tagen erschien, ist nun der Artikel des Dr. Vladimir Mazuranic über Gebalim publiziert. In der wissenschaftlichen Welt besteht nämlich seit langem ein Streit darüber, ob man das Land der Gebalim in Kroatien oder aber im heutigen Polen zu suchen habe. „Gebalim" heißt im Hebräischen und im Arabischen „Bergbewohner", ist also unbedingt ein Synonym für «Kroaten". Dr. Vladimir Mazuranic polemisiert da mit dem polnischen Historiker Modelski („Krol Gebalim w li'scie Chasdaja, Lw'ow, 1910"). Es sei noch erwähnt, daß eine dritte Version Mar Saul und Mar Joseph als Bevollmächtigte des deutschen Kaisers Otto annimmt, während der Historiker Marquardt an eine Gesandtschaft des böhmischen Königs Boleslav I. denkt. Die Argumente Dr. Mazuranic. daß es nur Kroaten sein konnten, sind folgende: Einzig zwischen Kroatien und Spanien gab es eine direkte Seeverbindung. Der Verkehr war derart lebhaft, daß sich beispielsweise im sizilischen Palermo ein eigener slawischer Stadtteil „Harat as Sakaliba" entwickelte. In Cordova gab es eine große slawische, also kroatische Kolonie, der Zahl nach 13.750 Männer. Zwischen dem König der Kroaten und dem arabischen Kalifen bestand ein Freundschaftsverhältnis, daher konnten die beiden jüdischen Gesandten als ganz bestimmt annehmen, daß ihr König dem Wunsche des mächtigen Ministers am Hofe des Kalifen ohne weiteres entsprechen werde. Hingegen war das Verhältnis zwischen Abd ur Rahman und dem deutschen Kaiser ein ziemlich gespanntes. Aus arabischen Chroniken wissen wir. daß tatsächlich wiederholt Gesandte des Königs der Slawen — Duca genannt — in Cordova waren. Die beiden Daten über das Vorhandensein der Juden in Dalmatien im 4. und im 10. Jahrhundert sind durchaus kein Zufall. Charakteristisch ist, daß nach dem Chazarenbriefe Schaprut's zu urteilen, kein direkter Verkehr zwischen den Juden Dalmatiens und jenen Ungarns bestanden hat. Während wir durch großzügige Arbeiten in der jüdischen Geschichte immer mehr und mehr in den letzten Jahrzehnten über die Wanderungen der Juden aus Palästina nach West- und Südeuropa erfahren, ist es erst in den letzten Jahren gelungen, auch über die Anfangsgeschichte der Juden in den slawischen Ländern nähere Aufschlüsse zu erhalten. Harkavy hat als erster darüber geschrieben. Dubnow, Meißel und J. Brutzkus folgten und jetzt bieten die Forschungen Dr. Vladimir Mazuranic' und Dr. Fran Bulic, sowie die vielen Hinweise, die man in den Werken des ersteren findet, viel Anregung zur weiteren Arbeit auf diesem Gebiete Dr. Vladimir Mazuranic wurde leider im rüstigsten Schaffen dahingerafft, von Dr. Fran Bulic aber dürfen wir noch manche große Leistung und Veröffentlichung, auch auf dem Gebiete der jüdischen Altertums- und Geschichtsforschung erwarten. So sei denn beiden Gelehrten — denn Mazuranic ist nicht tot, er lebt in seinen Werken weiter — der wärmste Dank für ihre Neujahrsgabe gezollt, den ich hier nicht nur im eigenen Namen aussprechen, sondern auch in jenem aller Juden, die Sinn für die Schicksale und für die Geschichte ihrer Ahnen haben, verdolmetschen will.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.