Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 43 (26.10.1928)
- Date
- 1928-10-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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titt WAHRHEIT Sttte 9 Wollen Sl«fe §Chr tgl«t Speisen?? Versuchen Sie die seit 60 Jahren bestehende Telephon R 42-s-f o und hestrenommlerte -ito Hache im Telephon tt 42-3-70 HOTEL-RESTAURANT „GUTH" ——— " Arrangiert jedes festliche Ereignis, in jeder Preislage in und außer Hause unter Beistellung von geschultem Personale und vollständigem Service Prachtvolle geräumige Säle ihr nochzelten, Vereine und Gesellschaften Verwendung von nur Prima Gansfette — Mittaga- und Abendmenfi zu S 2»20 und S 3*20 Palästinaweixte vom Faß Zum Besuche ladet höflich ein Schwechater Bier Josel GdIH, Hotelier and nestanrofeur Koch das Wort. Die Reichsregierung sei mit der Versammlung einig in der Entrüstung über die Vorfälle, die Gegenstand des Protestes sind. Sie sei einig mit den Versammelten in dem Schmerz, daß Deutsche Deutschen derartiges haben antun können. Deutsch sei, wer durch Sprache, Sitte, Kultur und Schicksalsgemeinschaft dem deutschen Vaterlande angehöre. Wenn Haß, Leidenschaft und Irrwahn, so führt der Minister unter minutenlangem stürmischen Beifall aus, sich sogair gegen Tot© kehrten, so geht das weit über jeglichen Antisemitismus hinaus. Und das ist nicht mehr ein Gegensatz zwischen Deutschen jüdischer Konfession und Antisemiten, sondern ein Gegensatz zwischen Mensch und Unmenßch. Seien Sie überzeugt, daß die Reichsregierung gegenüber solchen Ausschreitungen ihre Pflicht tun wird als Hüterin der Ordnung und des Friedens und im Interesse des deutschen Ansehens im Ausland, weil sie sich selbst durch diese Ausschreitungen auf das tiefste und schmerzlichste in ihrem Rechtsgeflühl beHeidtigt fü'hi't. S fle h!abern darum Recht getan, Ihren Protest in die Welt zu schicken. Die Reichsregieirung schließt sich diesem Protest in jeder Hinsicht an. Nachdem der Vorsitzende der GroßberMner jüdischen Gemeinde, Kommerzialrat Gerson Simon, sein Bedauern darüber ausgedrückt hatte, daß die Milde der Rechtsprechung gegenüber den Uebeltätern oft in keinem Verhältnis zur Schwere des Verbrechens stehe, nimmt Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil- Berlin das Wort, um die Frage zu beantworten, weshalb die Schändung der Friedhöfe eine Angelegenheit aller ehrlichen, gerechten und anständigen Menschen sei. Als die Juden aus Spanien vertrieben wurden, nahmen sie die Grabsteine ihrer Mütter und Väter mit. Als Karl V. an das Grab Martin Luthers geführt worden sei, mit dem er im Leben in heftiger Fehde gestanden habe, sei dem Kaiser der Vorschlag gemacht worden, die Leiche Luthers in die Elbe zu werfen. Karl habe geantwortet: „Das sei ferne von mir! Gegen Tote führe ich keinen Krieg!" In sieben Fällen seien die Grabschänder Schüler höherer Lehranstalten gewesen. Wenn die Ehrfurcht vor dem Tod dahinschwindet, wird deutsches Kulturgut in Trümmer geschlagen. Wie Dr. Weil spricht auch Landtagspräsident Bartels unter stürmischem Beifall der Versammlung. Bartels erklärt, daß die geschilderten Vorgänge beschämend und niederdrückend seien. Ehrfurcht vor dem Tode sei in Deutschland allgemeines Gebot: „Laß die Toten ruhen!" „Vom Toten soll man nur Gutes reden!" Bei dieser grenzenlosen Roheit gehe es im Lande Goethes und Schillers um den Preis der Menschenwürde. Es gelte jetzt eine Front aller anständigen Menschen gegen solches Rowdytum zu bilden. Strengste Bestrafung in jedem Einzelfalle sei nötig. Alle Glieder des Volkes müßten sich gegenüber solchen Roheitsdelikten für Ehre, Sitte, Würde und Pietät einsetzen. Bartels ist überzeugt, daß die große Masse des Volkes hinter dieser Kundgebung stehe. Staatssekretär Hoelscher vom Preußischen Justizministerium weist auf den Erlaß des Ministers hin, die Friedhofschänder scharf anzufassen und in jeder einzelnen Angelegenheit Bericht zu erstatten. Er hoffe, daß dadurch ein Rückgang dieser verbrecherischen Vorgänge eintreten werde. Polizeipräsident Dr. Weiß streift das „Heldenstückchen" am Rundfunk, das die Verrohung der Sitten wieder einmal gezeigt habe. Aber man müsse zugeben, daß selbst der Zuchthäusler Hauptmann von Köpenick solche Gemeinheiten verachtet hätte, deren die Kirchhofschänder heute fähig sind. Diese Bürschchen würden den starken Arm der preußischen Polizei und des preußischen Ministers des Innern fühlen, die Hüter des Rechtes aller Staatsbürger seien. Der bekannte Schriftsteller Julius B a b schließt den Reigen der Redner. Vor dem 200. Geburtstag L e s s i n g s, des großen Apostels der Humanität, seien solche Barbareien doppelt schmerzlich für deutsches Kulturempfinden. Nach einem Schlußwort des Vorsitzenden Dr. Brodnitz wurde folgende Entschließung angenommen: Die zu der Kundgebung im Herrenhaus versammelten Hunderte von deutschen Bürgern und Bürgerinnen erklären: Die Tatsache, daß Judengegner zur Durchsetzung ihrer Ziele an Stelle geistiger Waffen rohen Ueberfall, verbunden mit schweren Körperverletzungen und Sachbeschädigungen, insbesondere Schändung von Grabmälern, anwenden, ist in so bedrohlichem Maße durch die Ereignisse der letzten Jahre bewiesen, daß das öffentliche Gewissen aller Teile des deutschen Volkes aufgerufen werden muß, um bei aller politischen Verschiedenheit aus innerstem Billigkeitsgefühl heraus die dem Denken und Tun der Täter zu Grunde liegende Gesinnung als eine Schmach für Deutschland und die deutsche Kultur zu empfinden. Die Versammelten rufen das gesamte Volk zur entrüsteten Ablehnung der Untaten und zur Schaffung eines Geistes auf, der bei aller Freiheit der Meinungen eine Austragung von politischen Fragen nach den Begriffen von Recht, Sitte und Anstand fordert. Wenn es je einem Redner gelungen, eine Sache, die vielleicht von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung für gut gehalten wird, in einer Weise zu vertreten, daß er die Empörung gegen — sich hervorruft, dann darf Herr Dr. Arnold E i s 1 e r sich sagen, daß er dieses Kunststück vollbracht hat. Man braucht gerade kein sozialdemokratischer Führer zu sein, um den Beifall zahlloser Hörer und Leser — ohne Unterschied der Konfession — zu gewinnen, die auch ohne seine Ausführungen über die Mietenfrage es schwer begreifen, daß sie, die jetzt auch den geringen Mietzins kaum erschwingen können, einer herrlichen Zukunft entgegengehen würdiein, sobald sie einen tausendmal höheren Zins zahlen müssen. Leichter ist allerdings die Erkenntnis, daß bei der Valorisierung des Mietzinses auch jene Hausbesitzer, die sich ohnehin in höchst erfreulichen Verhältnissen befinden, dann über noch schönere Revenuen verfügen werden. Wie gottverlassen müßte aber gar der Redner sein, dem es nicht kinderleicht fiele, auf Grund der bekannten unwiderlegten Daten den Nachweis zu erbringen, daß in den letzten Jahren tausende Wiener Häuser für einen Bettel in den Besitz von Inländern und Ausländern — ohne Unterschied der Konfession — gekommen sind, die nun ein Erträgnis aus diesen Häusern anstreben, das