Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 43 (26.10.1928)
- Date
- 1928-10-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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durch Einbeziehung neuer Arbeitsgebiete und Einführung neuer Arbeitsmethoden Rechnung tragen mußte. In Berlin entfällt auf Zedoko über ein Drittel (dreimal soviel auf die Verwaltung) des Gesamtetats. Alle hier berührten Gebiete der Sozialpolitik werden eindringlich bearbeitet. In eine gewaltige Leistung teilen sich 64 Angestellte und 1200 ehrenamtlich tätige Mitglieder der Bezirke. Daß die von den Rabbinern geübte Seelsorge eine beträchtliche Komponente bildet, wird in den Gemeindeberichten anerkannt, wie überhaupt diesem Amte in der jüdischen Wohlfahrtspflege Deutschlands eine führende Rolle zugewiesen ist. An hervorragender Stelle steht unter den mitwirkenden Faktoren der Gemeinde-Zedoko, wie auch in anderen Gemeinden, der Bruder- und Schwesternbund der Bne Briss-Logen. Ein ähnliches Bild bildet Breslau. Von dem Etat nimmt die Zedoko ein Sechstel bis ein f ünftel in Anspruch. Besonderes Augenmerk wird dem notleidenden Mittelstande gewidmet (auch Mittelstandsküche). Rechtshilfe wurde nach dem letzten Jahresbericht in 7227 Fällen gewährt. Die Gemeinde steuert bei, wozu die öffentlichen Stellen nicht herangezogen werden können: rituelle Verpflegung, Durch wandererversorgung u. dgl. In Frankfurt a. M. belastete die Gemeinde 1926 ihr Budget für Wohlfahrtszwecke nur mit einem Vierzehntel. Doch ist in den letzten Monaten hierin ein wesentlicher Wandel eingetreten. Frankfurt weist übrigens eine Berufsberatungsstelle, ein Hilfskomitee für die notleidenden Brüder im Auslande und ein solches für die osteuropäischen Juden auf. Jüngst ist auch eine Eheberatungsstelle geschaffen worden. Heiratsvermittlung wird geplant. Hamburg, wo wie bemerkt, die Gemeinde nicht für den Kultus zu sorgen hat. gibt von seinen Einnahmen die Hälfte für Wohlfahrt aus. Die Gemeinde hat u. a. als Hilfsmittel einen Warenkleinhandel eingerichtet. Dresden braucht für Zedoko 1lo bis xla, Leipzig Y bis Köln 1h bis Yi, Nürnberg Vis bis Vio (Zuschuß zu den tatkräftig wirkenden Vereinen), München 1la bis 1U (darunter Chaluzim-Ausbildung), Wien (mit 170 Vereinen, die zirka 2 Millionen Schilling verausgaben), leistet für offene Fürsorge etwa 1h, im Ganzen über 1h des Gesamtetats. Zu beachten ist, daß Wien in seiner weitherzigen Handhabung der Durchwanderer- und Fremdenfürsorge die erste Stelle einnimmt. Zentralisierung, die private und Vereinstätigkeit keineswegs ausschließt, birgt mancherlei Gefahren, zumal auf einem Gebiete, auf dem Individualisieren, persönliches Einfühlen, reife Menschenkenntnis, Takt und andere Imponderabilien den Ausschlag geben. Aber gerade hier überwiegen nicht allein ihre Vorteile, sie ist geradezu unerläßlich. Sie wird sich überall bewähren, wo Persönlichkeiten, die im reinsten Sinne des Wortes in der Zedoko sich ihren Lebensberuf gewählt haben, Amtsschimmel, Paragraphenreiterei. Bürokratismus nicht aufkommen lassen. Die Zedoko muß in alle Häuser und Herzen der Gemeinde getragen werden. Wenn es Gemeinden gibt, die buchstäblich ihre materielle Erhaltung den Toten (den Einnahmen aus den Beerdigungstaxen) zu verdanken haben, so muß das Gemeindeleben durch möglichst allgemeine Teilnahme an dem Schicksal der Lebenden, der Armen bereichert werden. Allen jenen, die sich jüdischer Lehre und jüdischem Kultus entfremdet haben, soll sie einen Einigungspunkt, ein gemeinsames Arbeitsfeld bieten, das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit stärken. In Vorträgen, Kanzelreden, öffentlichen Berichterstattungen belebe man seelische Anteilnahme an dieser so anregenden und durch Erfolge erfreuenden Arbeit. Man halte jedem die Verantwortung vor Augen, die er, wenn er sich abseits stellt, an der Zunahme der Selbstmorde, des Kinderelends, der Taufen mit trägt, ja auch der Verbrechen. Der Mensch, der hungert und darbt, verliert leicht sittliche Hemmung und wird zur Bestie. Not tut auch Erziehung der Jugend zur Zedoko, wie sie jetzt von der Ligue de bonte bereits in die französische Volksschule eingeführt ist. Denen, die in der Lage und willens sind, mit ihrem Vermögen ein edles Werk zu stiften, wird gerade die Fühlungnahme mit der Gemeindezedoko zu zweckmäßiger, ersprießlicher Leistung am besten beraten. Wie mancher, der in seiner Vereinzelung und Vereinsamung der Welt und dem Leben gram zu werden droht, wird durch Eintritt in diese soziale Arbeit neues Selbstgefühl und neuen Lebensmut gewinnen. Die Gemeinde wird, wenn sie alle andere Politik in ihrer Mitte durch gesunde Sozialpolitik ersetzt, neu aufleben und auch jene Mitglieder, die sich nur als Steuerzahler ihr zwangsweise verbunden fühlen, freudig an ihrem Leben teilnehmen lassen. Durch Mitschaffen an diesem gemeinnützigen Werke soll jeder es als Lust empfinden, einer solchen Gemeinschaft aufrichtiger Menschenfreude anzugehören, den Stolz fühlen, Jude zu sein. :.J Gegen Friedhofschändungen und rohe Gewalt! Eine große Kundgebung im Berliner Herrenhaus. Zum Protest gegen Friedhofschändung und rohe Gewalt hatte die größte Organisation der deutschen Juden, der Centraiverein deutsche«- Staatsbürger jüdischen Glaubens, am 18. d. M. eine von vielen Hunderten besuchte Kundgebung in das ehemalige Berliner Herrenhaus einberufen. Große Tafeln mit Dutzenden von Photographien der Grab- und Friedhofschändungen und Synagogen-Besudlungen legten Zeugnis für den traurigen Mut und die Auffassung ab, mit der die Hakenkreuz- Jungen „Politik" treiben. Die moralische Verurteilung solcher Taten wird in allen ehrenhaften Kreisen des deutschen Volkes, Juden oder Nichtjuden, geteilt. Das bewies die ü b e r f ü 111 e V & r s a m m 1u n g, zu der auch die Vertreter der Behörden erschienen waren. Fürdie Reichsregierung hatte sich Reichsjustizminister Dr. Koch-Weser eingefunden, für den Landtag Präs ident Bartels, für das preußische Justizministenium Staatssekretär Hölscher, für das Berliner Polizei-Präsidium Polizei-Vizepräsident Dr. Weiß. Der Leiter der Kundgebung, der Vorsitzende des Gentralivereines, Justizrat Dr. B r o d n i t z, gibt eine kurze Uebersicht über die mehr als 60 Friedhofschändungen der letzten Jahre, die eine schwere Verseuchung innerhalb des deutschen Volkes bedeuten. Die Täter seien unglückliche Verhetzte, die nicht fühlen, daß sie Puppen in der Hand verantwortungsloser Drahtzieher seien. Die Grabschändungen gingen nicht nur die Juden, sondern alle Kulturmenschen an. Der Appell des Centraivereines möge weithin in den Gemütern der deutschen Mitbürger nachwirken. Rabbiner Dr. L e v i - Mainz zieht den feigen Burschen erbarmungslos die Maske vom Gesicht, die jetzt in den rheinischen Gebieten, die vom Feinde geräumt sind, Mut zu Ausschreitungen gegen wehrlose Juden haben. Juden'feindschaft habe man in der Mainzer Gegend, wo seit tausend Jahren die jüdischen Mitbürger an Leid und Freud' der Bevölkerung seelischen Anteil nahmen, nie gekannt. Jetzt müßten die deutschen Juden am Rhein mit ihren Volksgenossen nicht nur dem außenpolitischen Druck, sondern was auch noch viel trauriger sei, dem Druck eigener Volksgenossen standhalten. Geheimrat Professor Ferdinand Blumenthal kommt auf die schweren Ausschreitungen in Bremen zurück, wo sich deutsche Behörden wegen tätlichen Angriffs auf einen brasilianischen Konsul, den man für einen Juden hielt, entschuldigen mußten. Trotz aller Ausschreitungen gegen die Juden würden diese nicht iure an der selbstverständlichen Liebe zur deutschen Heimat. Die deutschen Juden seien Deutsche ohne Bindestrich und ohne Fragezeichen. Im Namen der Reichsregierung nimmt darauf, lebhaft begrüßt, Reichsjustizminister Doktor JAG MAYER Kleider- und Gummimäntelrlndustrie Export nach allen Ländern Wien II., GlOCkengasse 24 Telephon R 48-4-79 Auch Detail verkauf zu Fabrikspreisen! Herrenanzug nach Mafi auf Seide S 200.— Herrenraglan „ „ „ „ 150.— Herrenhose „ „ „ „ „ 48*— feinst ausgeführt Zeitgemäße Zahlungsbedingungen! Kein Kaufzwang 1 Freie Besichtigung I