Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 43 (26.10.1928)
- Date
- 1928-10-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT mmmmmmmmmmm Seite 7 vor 165 Jahren von Ledigen gegründet wurde, schlössen sich auch 1788 in Dresden die Unverheirateten zu einer Konkurrenzchewra neben der bestehenden zusammen. Ein günstiges Zeichen der Zeit. Neben der Chewra Kadischa, deren Wirkungskreis vom Besuch der Kranken, Beistellung von Arzt und Heilmitteln bis zur Beerdigung, den Gebeten an Gräbern bedeutender Männer, der Chewras*uda usw. ein Bilderzyklus im Sitzungssaale der Prager Chewra (Statuten von 1692) darstellt, entstanden besondere Vereine für Krankenpflege (Bikkur cholim der Amsterdamer Aschkenasim 1641), für Beistellung von Lebensmitteln, Mietzins (Kopenhagen 1784), Kleidung (Malbisch arumim oder Pea), Brautausstattung (Hachnassath Kalla, in Rom zwei Vereine im 17. Jahrhundert, Amsterdam: Aschkenasim vom 1723. Sefardim 1863, in Budapest), wofür R. Eleazar im Talmud das Vorbild bietet, der die Hochzeitsfeier der eigenen Tochter zugunsten der Ausstattung zweier verwaister Bräute hintansetzte, während R. Akiba, der das zur Bettstatt für sich und seine Frau mühselig gesammelte Stroh mit einerarmen Wöchnerin teilte, als Patron der Wöchnerinnenvereine gelten könnte. Unverzinsliches Darlehen, schon von der Thora zur Pflicht gemacht, gewähren Darlehenskassen, so in Hamburg seit 1817, Breslau 1854, London 1866. Es wirken Krankenhäuser (Königsberg 1745, Altona 1763 das Heinesche in Hamburg 1840, die größten in Amerika, u. a.). Blinden- und Taubstummeninstitute (Wien), Siechenheime, Irrenanstalten (Amsterdam 1823), Alterszufluchsstätten (Hamburg 1839), Freiwohnungen (in Hamburg 10 private Stiftungen, eine der Gemeinde 1850 zum Gedächtnis der Emanzipation) Freischulen mit anschließender Kinderfürsorge (Hamburg 1804, in London die ersten in England mit einem Kadettenkorps und Sportplatz auf dem Schuldache usf.), Kinderbewahranstalten (die erste Wien 1843). Lehrlingsheime, Haushaltungsschulen (Hamburg 1892). Asyle, Komitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels (London), Ferienheime, Studentenstipendien, Auswanderungskomitees. Sammlungen zur Auslösung von Gefangenen, für Palästina u. a. m. Auch an Ansätzen zu produktiver Wohlfahrtspflege fehlte es nicht (Vermieten von Nähmaschinen in London 1861). Vor Pessach insbesondere wurden die Bedürftigen mit allen Erfordernissen für das Fest versehen (Kimcha d'pischa oder Meoth chittin), so daß. als Wladislaw II. (11. Jahrh.) die Prager Juden nach ihren Armen befragte, sie ihm deren Anzahl an der Hand dieser Pessachbeteilung beziffern konnten. Die Bedürfnisse der Armenpflege wurden von Vereinen und Privaten so weit gedeckt, daß die Gemeinde Dresden z. B. für diesen Zweck keine Post in ihren Etat einzustellen brauchte. Im Großherzogtum Baden trug zum größten Teil die allgemeine Armenfürsorge auch die Lasten der jüdischen. Die Vereine, — die in Berlin zwischen 42 und 2910 Mitgliedern zählten, — brachten die Mittel auf durch Jahresbeiträge, Zinsen aus Stiftungen, Spenden vor der Thora (seit 900 Jahren nachweisbar), durch Lotterien (so Paris, Wien), Erlös aus Veranstaltung von Unterhaltungen u. dgl. Vieles leisteten einzelne Wohltäter: Mordechai Meiseis in Prag, Samuel Oppenheimer, Rothschild, Gutmann, Königswarter in Wien, Rothschild in Paris, London, Frankfurt a. M., Toura in Amerika u. a. m. Originell war die Einrichtung in Friedberg i. Hessen, daß der Armenpfleger sein Budget vorschießen und dann von den Gemeindemitgliedern eintreiben mußte. Die Gemeinden als solche beschränkten sich auf Führung einer Armenanstalt (Wien seit etwa 100 Jahren), Beistellung eines Beamtenapparates (Zentralstelle in Berlin seit 1876, in Frankfurt: Pflegeamt des Armenkastens, Hamburg: Armenanstalt seit 1879), Verwaltung von Stiftungen (Wiener Rothschild-Spital belastete die Gemeinde bis zu vier Fünftel des gesamten Etats) usw. Auf den Kopf der jüdischen Bevölkerung entfielen an jährlichen Beiträgen für die Wohlfahrtszwecke in Hannover über 20 Mk., auf jeden Zensiten im Durchschnitt über 100 Mk.. in Karlsruhe auf jeden Kopf 18 Mk., jeden Zensiten 60 Mk.. in Sachsen-Weimar-Eisenach pro Kopf 4 bis. 5 Mk., in Holland pro Kopf der Aschkenasim 2.32, der Sefardim 6.90 holl. Gulden. Zentralisierungen, wie das „Comite' de bienfaisance" in Paris 1809, des Board of Guardians 1859, fanden anderwärts (Berlin, Wien) Nachahmung. Einen Umschwung, wie im allgemeinen, so insbesondere im jüdischen Wohlfahrtswesen brachten die letzten Jahrzehnte, zumal die Nachkriegszeit. Wird in den Vereinigten Staaten das öffentliche jüdische Leben in den meisten Belangen von privaten Vereinen bestritten, so weist es in Europa, speziell in Deutschland, in Hinsicht auf seine Träger eine große Mannigfaltigkeit auf. Dort, wo, wie im ehemaligen Oesterreich-Ungarn und Bayern, die Gemeinde als Kultusgemeinde konstituiert wurde, hat sie satzungsgemäß in erster Linie den Kultus, allenfalls, als dazu vorbereitende Instanz, den Religionsunterricht zu pflegen. Aber auch Gemeinden außerhalb Bayerns, besonders im deutschen Westen, z. B. Frankfurt a. M., beschränkten ihr Wirken auf die genannten beiden Gebiete. Die Wohlfahrtspflege wurde ganz oder zum größten Teil Vereinen überlassen. In Hamburg wiederum sorgen Verbände für den Kultus, während der Gemeindeverwaltung wichtige Teile, wie des Unterrichtes, so der Zedoko unterstellt sind. Die Frage, ob die Gemeinde als solche dieses wichtige Ressort nicht nur zu organisieren, sondern aus ihren eigenen Mitteln zu speisen hat, ist gerade in allerjüngster Zeit als akut und durchgehends bejaht worden. Das Vereinswesen, schon seit den Verfolgungen des Mittelalters im Aufblühen, hatte manchen Uebelstand gezeitigt. Blickt man in ein großstädtisches Vereinsverzeichnis der Vorkriegszeit, so empfindet man ähnlich, wie beim Durchblättern eines Tierzüchterverbandsorganes mit seiner Unzahl von Spezialvereinen. Die Uebermenge von Vereinen mit oit absonderlichsten Zwecken und Statuten züchteten Mißbrauch der Humanität seitens der Empfänger, unkontrolliertes und unsystematisches Dilettieren der Leitung, Brachlegen wichtiger Wohlfahrtsgebiete, Vernachlässigung dringender Unterstützungsfälle. Ausschluß und Entfremdung wertvoller Hilfskräfte. Hier Wandel schaffen, hieße oft in ein Wespennest greifen. Die Inflationszeit hat sich in diesem Punkte als heilsam erwiesen. Mit dem Zusammenschmelzen der Stiftungskapitalien und Vereinsvermögen wurden die oft rückständigen Satzungen, an denen so manche Institution sich halb zu Tode würgte, ebenso alle Vereinsmeierei und Eigenbrötelei hinfällig. Auf der andern Seite traten in und nach dem Kriege an die Gemeinden neue erhebliche soziale Aufgaben heran, die im bestehenden Vereinswesen weder Raum noch hinreichende Befriedigung fanden. So nahm denn die Zedoko in Verwaltung und Haushalt der Gemeinde wieder neben Tauro und Awaudo die ihr gebührende und in alter Zeit eingeräumte ebenbürtige Stellung ein. Ueberdies hatte die allgemeine Sozialpolitik einen Aufschwung erfahren, dem auch die jüdische Wohlfahrtspflege na* Kultuswähler- Versammlungen der „Union" Dienstag» den 30. Oktober 1928, S >/28 Uhr abends, ■ Winzig's Gasthaus, X., Favoritensraße 111 ■ Referenten: Dr. Jakob Ornsteln 5 Hed.-Rat Dr. Heinrich Haase ■ Jacob StraBberg ■ Dienstag, den 30. Oktober 1928, 5 l/28 Uhr abends, Mariensäle, XV. Reindorfgasse 3 ■ Referenten: Dr. Ernst Feldsberg § Komm.-Rat Bernh. Buchwald ■ Mittwoch, den 31. Oktober 1928, ■ y28 Uhr abends, 5 Restaurant Tonello, IL, Lilienbrunngasse 2 ■ Referenten: Börserat Ignatz Glück ■ Hoffrat Ing. Josef Löwy £ .______ ■ Mittwoch, den 31. Oktober 1928, 5 V28 Uhr abends. ■ Restaurant Kohn, XX.; Heinzelmanngasse 3 ■ Referenten: Komm.-Rat Bernh. Blichwald ■ _Gesa Klinger g Dienstag, den 6. November 1928, 5 8 Uhr abends, „Goldener Engel", Am Spitz 3 ■ Referent: Börserat Ignatz Glück S