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Die Wahrheit · 1928-10-26 · Heft 43 (26.10.1928) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 43 (26.10.1928)
Date
1928-10-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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daß angesichts dieses Kompromisses eitle Freude und Wonne im werktätigen Lager vorherrscht. Dem ist aber nicht so, denn abgesehen davon, daß wegen dieser Einigung verschiedene Herren hinausgeekelt wurden, die bisher in den vordersten Reihen der „Werktätigen" standen — so spricht man in eingeweihten Kreisen von einem Ausscheiden Dr. Baders aus diem Kultusvorstand — wurden andere „Führer" hinauskomplimentiert. Da diese aber solche Kosten der Verbrüderung nicht bezahlen wollten, kauften sie sich eine Kanone und machten sich selbständig. Während bei der geeinigten „werktätigen-poalezionistischen" Liste als Listenführer der bisherige Kultusvorsteher Moritz genannt wird, wird sicherem Vernehmen nach bei der zweiten Liste, die pickanterwedse einen ähnlichen Namen wie die erste haben soll, der bisherige Herausgeber der „Jüdischen Volkszeitung", Dr. Ernst Bauer als Listenführer kandidiert. Das Wiener Judentum wird sich sicherlich von dieser Spiegelfechterei, die letzten Endes ja nur eine Mandatshascherei ist, mit Entrüstung abwenden. Für heute kann gesagt werden, daß, wenn unlängst die „Stimme" von einem „werktätigen Locarno" geschrieben hat, nunmehr ein Briand — der große französische Politiker möge uns diesen beschämenden Vergleich verzeihen! — entstanden ist, der die ganze vorgetäuschte Einigkeit zertrümmert. Börserat Ignatz Glück zum 70. Geburtstag. „Eine Gemeinde ist nicht arm", sagten unsere Weisen. Die unsere war es nie in einem Belange: nie fehlte es ihr an Männern, die ihr selbstlos, aus Liebe zur Sache dienten und durch ihr Wort und Werk auf den Höhen wie in den Tiefen das jüdische Gewissen in der Gemeinde zu wecken und wachzuhalten wußten. Zu diesen Stützen unserer Gemeinde zählt Börserat Ignatz Glück. Der geborene Volksredner, packt er die Massen durch schlagkräftigen Witz, der trifft, ohne daß der Getroffene im ersten Augenblick die Wunde fühlt. Selbst seine Gegner hat er zunächst als Lacher auf seiner Seite. Erst hinterher vor dem Spiegel der Selbstbesinnung stehen sie' da, wie Leute, die ungeschickt sich selbst rasieren. Er ist der Mann der Ueberraschungen. Seine neueste Ueberraschung ist sein Eintritt in die ehrbare Gilde der Siebziger. „Dem Glück bezahl' ich meine Schuld." So sprechen wir aus diesem festlichen Anlaß mit Schillers Polykrates. Und was unsere Gemeinde dem Jubilar schuldet, ist nicht wenig. Das Judentum steht bekanntlich auf drei Beinen: auf Tauroh, Awaudoh und Gemilus chassodim. „Wo kein Brot, ist auch an Tauroh Not", lehren unsere Alten. Und unserem Glück haben wir 's zum großen Teil zu verdanken, daß auch in der schwersten Zeit der Inflation die1 Gemeinde nicht Schiffbruch gelitten hat. Seine tägliche Uebung, mitten im stürmischen Auf und Nieder des Börserummels den Kopf hoch und sein Schifflein über Wasser zu halten, kam ihm als Steuermann auf unserem Khillekahn in jener Sintflut zu statten. Er verließ seinen Posten erst, als er ihn und damit die Stätten der Tauroh in den sicheren Port gerettet hatte. Nur seinen Posten in der Gemeindeleitung verließ er. Aber mit verdoppelter Kraft arbeitete er weiter in seinem eigensten Bereiche, in seinem Tempielverein. Will man wissen, was ein Vorsteher leistet, so frage man die Funktionäre seines Gotteshauses. Von denen der Müllnergasse hört man einstimmiges Preislied auf ihren Präsidenten. „Sogar die Sefertauroh im Oraun hängt vom Glück ab", in seinem Tempel jeder Kappenknopf des letzten Chorknaben. Nicht umsonst hat der Verband der Tempelvereine ihn zum Führer erkoren. Wie Tauroh und Awaudoh liegt ihm, und dies ganz besonders am Herzen: Gemilus chassod i m. Nicht auf sein Lieblingskind, das Heim in L a a, braucht man hinzuweisen. Was er so unter der Hand, und diese Hand ist nie leer, leistet, zeigt den Eingeweihten um so deutlicher, daß unser „G1 ü c k" nicht „b 1 i n d" ist, wo Not und Hilfe zu erspähien sind, je weniger die Oeffentlichkeit davon zu sehen und zu hören bekommt. Für die Kunst, alt zu werden, ohne zu altern, geben uns berühmte Lehrer der Tauroh aus eigener Erfahrung manchen brauchbaren Wink. Der eine sagt: „Ich war im Lehrhaus, zu edlem Werk immer früher auf den Beinen als die anderen." Ein zweiter meint: „Ich zollte dem Träger der Taurob und des Gottesdienstes stets die schuldige Ehrerbietung." Ein dritter berichtet: „Das Gefühl erlittener Kränkung ging nie mit mir zu Bette, ich war nicht unversöhnlich" u. a. m. Unser Glück ist in dieser Kunst, trotz zunehmender Jahre jung zu bleiben, Meister. Er kann uns verraten, welche Salben, Elixiere, Verjüngungsmethoden er anwendet. Sie dürften von jenen alten Rezepten nicht wesentlich verschieden sein. Diese seine Eigenschaften, unentbehrlich für jeden, werden hoffentlich auch in Zukunft unserem Gemeindeleben zugute kommen. Wenn er seine Schützlinge, die Tempel vereine, so gern als Kinder der großen Muttergemeinde bezeichnet, so weiß diese Mutter das Glück zu schätzen, in ihm einen solchen Sohn zu besitzen. Auch jene, die ihn nicht zu ihren Freunden zählen, müssen ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen, ihn ernst nehmen, seine Leistungen und seine Tatkraft anerkennen. Nur seiner Vorzüge sei heute gedacht. Seine Schattenseiten aufzuzählen, das wollen wir — um ihn selbst zu zitieren — uns für seinen achtzigsten Geburtstag vorbehalten." t Danksagung. Allen lieben Freunden, die mir anläßlich meines Amtsjubiläums Beweise treuer Anhänglichkeit erbrachten, sage ich auf diesem Wege herzlichsten Dank. Rabbiner Professor Dr. Moritz Bauer

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