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Die Wahrheit · 1928-10-26 · Heft 43 (26.10.1928) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 43 (26.10.1928)
Date
1928-10-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT iiiniiiiiiiiiii^ ^tue 3 „Ihnen obliegt die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung Wiens und die Förderung der für diesen Zweck bereits bestehenden Einrichtungen und Anstalten, sowie nach Möglichkeit die Gründung neuer, welche dem gleichen Zwecke dienen." Es ist daher unverständlich, was hier eine nationale Politik zu scharfen hat. Wenn das Programm der Jüdischnatio>nalen in der Forderung nach der Schaffung einer „jüdischen Volksgemeind e" gipfelt, dann bedeutet dies eine vollkommene Verkennung des der Kultusgemeinde durch das Gesetz eingeräumten Wirkungskreises; hat doch nach allen zionistischen Kongreßprogrammen die „Volksgemeinde" nicht die religiöskulturellen, sondern die nationalen Belange des Judentums zu vertreten. Es würde also die Erfüllung dieses zionistischen Programmpunktes die Anerkennung der österreichischen Juden als eine besondere Nation und die Unterstellung derselben unter den Minoritätenschutz zur Voraussetzung haben. Dieser Programmpunkt der Jüdischnationalen, die nationale Absonderung, der Juden von den nichtjüdischen Staatsbürgern bedeutet den freiwilligen Verzicht auf die uns verfassungsmäßig gewährleistete Gleichberechtigung zugunsten eines sehr problematischen Minoritätenschutzes. Trotz unserer entschiedenen Ablehnung des jüdischen Nationalismus haben wir dennoch das Aufbauwerk in Palästina als eine aus religiösen, sozialen und ethischen Gründen zu fördernde Angelegenheit des ganzen Judentums ohne Unterschied der Partei angesehen. Und so hat sich auch die Wiener Kultusgemeinde der anerkannten Verpflichtung, die große Kulturaufgabe, die in Palästina zu erfüllen ist, zu fördern, nicht entzogen, während z. B. die B e r 1 i n e r K u 11 u s g e m e i n d e, obwohl die Zionisten dort Mitglieder der Mehrheit sind, aus Sparsamkeitsgründen keine Subvention für das Palästina-Aufbauwerk in ihr Budget eingestellt hat. Wir hingegen haben aus den sehr bescheidenen Mitteln, die unserer Gemeinde zur Verfügung stehen, relativ ansehnliche Beträge für Palästinazwecke gewidmet, obwohl wir sie im eigenen Lande dringend gebraucht hätten. So lange das Wiener Rabbiner-Seminar wegen seiner finanziellen Notlage der Auflösung zu verfallen droht, haben wir keine Ursache, ein überdimensionales Seminar in Jerusalem zu unterstützen, und solange unser jüdisches Waisenhaus eine kaum für ein halbes Jahr ausreichende Budget-Bedeckung aufweist, sind wir zwar schweren Herzens, aber leider doch gezwungen, unsere wenigen Schillinge im eigenen Lande zu verwenden. iVlögen daher unsere mit Glücksgütern reicher gesegneten Glaubensbrüder in den westlichen Ländern jene Leistungen für Palästina vollbringen, zu denen wir gegenwärtig wegen unserer eigenen schweren Notlage nicht fähig sind. So sehen wir, daß auch die jüdischnationalen Wahlschlager in sich zusammenbrechen müssen, da sie weder den ideellen Grundlagen des Judentums noch auch den praktischen Bedürfnissen der Gegenwart gerecht werden können. Deshalb gehen wir im Bewußtsein treuer Pflichterfüllung und guter Hoffnung in den uns aufgezwungenen Kampf nach zwei Fronten. Wir erwarten von dem gesunden Sinn der Kultuswähler, daß sie der Parole der „Union" folgen werden, welche lautet: „Fort Schweigen. Plötzlich traf mich Jaimes heftiger Ausruf: „Hej Adonej!" Er faßte in Ekstase meine Hand. „Don Jaime! Woher haben Sie den Ausdruck? Sind Sie ein Jude?" „Ja .... nein .... ja," stammelte Jaime, während kalter Schweiß von seiner Stirne troff, und führte mich in den Salon seiner Wohnung, „Sie haben es gut," sprach er zu mir, „denn Sie sind ein wahrer Jude. Aber ich", er wies auf ein langes Kreuz an der Wand, „ich bin ein Katholik und auch das nicht voll und ganz." Tränen stürzten aus Jaimes Augen. Wieder folgten einige schwere, drückende Augenblicke des Schweigens. Was ich erlebte, wird mir für immer im Gedächtnis bleiben. „Erzählen Sie mir doch, wer Ihre Familie ist", unterbrach ich das Schweigen. „Ich werde Ihnen kurz von der Vergangenheit meiner Familie erzählen," begann Jaime. „Ich muß bekennen, daß ich jene heroischen Juden schätze und verehre, die während der Inquisition so stark waren, dem Tode ins Auge zu blicken, um nicht ihr Volk zu verraten. Ich gehöre nicht zu jenen edlen Helden. Das schmerzt mich tief. Meinen Urahnen fehlte der Stolz des Juden. Sie wollten sich nicht opfern. Sie nahmen den katholischen Glauben an, um am Leben zu bleiben. Darum haß ich sie, die Verräter. Wären sie gefallen, wie tausende andere ihrer Brüder, dann wäre ich nicht geboren und hätte keinen seelischen Schmerz zu erdulden." Jaime fuhr schwer aufseufzend fort: „Des verstorbenen Vaters ziemt es sich, in Ehrfurcht zu gedenken. Aber das Verbrechen, das er an mir begangen, kann ich ihm nicht verzeihen. Er wollte aus mir einen waschechten Katholiken machen. So gab er mir den Namen Jessus. Das konnte ich nicht ertragen und fügte den Namen des Vaters hinzu, der Chajim (Jaime) hieß. Man verheiratete mich mit einer Frau aus streng katholischer Familie. Alle meine Schwäger und Vettern sind hohe Kleriker. Und ich muß in dieser Atmosphäre leben . . ." Dann fährt er fort: „Meine Tochter will ich zu meinem Bruder nach New York schicken. Vielleicht hat sie das Glück, dort einen jüdischen Mann zu finden. Das wäre der einzige Trost meines Lebens . . . Wollen Sie ähnlichen unglücklichen Seelen begegnen, dann kommen Sie am Abend um 9 Uhr ins Cafe Royal." Zur verabredeten Stunde kam ich in das Kaffeehaus der „unglücklichen Seelen". Don Jaime machte mich mit seinen Leidensgenossen bekannt. Diese sahen mich wie einen Menschen aus einer anderen Welt an. Mit einigen von ihnen ließ ich mich in intime Gespräche ein. Man anvertraute mir Familiengeheimnisse, als wäre ich einer von den ihrigen. Ganz eigenartig ist das Leben dieser Judenkatholiken in Palma de Majorca. Sie wohnen zusammen, helfen einander, heiraten untereinander. Erst kürzlich fand die Hochzeit zweier junger Leute statt, deren Eltern von „jüdischem Stamm" sind. Ich sprach mit dem Vater der Braut, der mir mit Freuden erzählte, daß ihm Gott die Gnade eines „jüdischen" Eidams geschenkt habe. Am eigenartigsten und für uns am merkwürdigsten sind die Namen, die man in Spanien antrifft, so beispielsweise der Name Esther, den viele echt spanische Mädchen tragen. Als ich eine christlich-spanische Mutter fragte, weshalb sie ihrer Tochter den Namen Esther gegeben habe, bekam ich die schöne Antwort: „Esther ist ein historischer Name. Er stammt von einem Volke, das von Gott auserwählt ist. Esther war eine tapfere Frau. Ich wünsche, meine Tochter würde ihr ähnlich werden." Wenn wir durch das heutige Spanien wandern und eine Mutter hören, die ihr Kind ruft: „Esther, Esther . . . Esther..!" müssen wir nicht glauben, daß wir es mit einem jüdischen Mädchen zu tun haben? So dachte auch ich die erste Zeit, da ich nach Spanien gekommen war. Mehr als sechs Jahrhunderte sind vergangen, daß Juden in einem Winkel Spaniens zurückgeblieben sind und sich unter dem Zwang grausamer Verfolgungen mit fremdem Blut vermischt haben. Dennoch spürte ich in ihnen den Puls der alten jüdischen Rasse und nahm von ihnen den Wunsch mit, in der Ferne ihrer zu gedenken. Spanien — ein sonderbares Land für uns Juden.

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