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Die Wahrheit · 1928-10-26 · Heft 43 (26.10.1928) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 43 (26.10.1928)
Date
1928-10-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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MunRiMM^ DIE WAHRHEIT ttuns in ihrem Wirkungsbereiche Geltung zu verschaffen. Beweis dafür ist, daß der weitaus größte Teil aller Steuereingänge für soziale Zwecke verwendet und die Wohlfahrtseinrichtungen gefördert wurden. Oder glauben die „Werktätigen", daß die karitativen Anstalten und Einrichtungen der Kultusgemeinde besser gefördert werden könnten, wenn, w ie dies die Absicht dieser Gruppe ist, die ohnehin geringe Zahl der wohlhabenderen Kultussteuerträger mit den höchsten Steuern belegt würde? Sind doch bereits bei dem jetzigen System die zahlreichen Rekurse gegen die Kultussteuer-Vorschreibungen mit der Androhung des Austrittes aus der Kultusgemeinde versehen. Es könnte daher das weitere Anziehen der Steuerschraube bei den jetzigen trostlosen wirtschaftlichen Verhältnissen, unter welchen alle Schichten der jüdischen Bevölkerung zu leiden haben, nicht nur keine Vermehrung, sondern sogar eine Verminderung der Eingänge zur Folge haben. Es kann sich also keineswegs bei den „Werktätiger? Juden" um die Absicht handeln, das innerjüdische Leben „sozialer" zu gestalten, und auch der Kampf um das allgemeine Kultuswahlrecht, der dieser Gruppe eine wirksame Wahlparole zu sein seheint, entpuppt sich als eine arge Irreführung der Wählerschaft, da auch der ärmste Glaubensbruder in der Lage ist, sich für eine Kultussteuerleistung von 60 Groschen das Wahlrecht ebenso zu sichern, wie sein mit Glücksgütern gesegneter Glaubensbruder für das hundert- und tausendfache dieses Betrages. In Wirklichkeit handelt es sich den „Werktätigen Juden" darum, „die jüdisch-bürgerlichen Schichten zu erfassen, um sie der sozialdemokratischen Partei zuzuführen". Bei den Judenkatholiken in Spanien. Das Judenviertel in Palma de Majorca. Auf einer Reise durch das Innere Spaniens hatte der Schriftsteller Alexander R a v i t s c h eine Begegnung mit einem Ueberrest jüdischer Familien, die, zur Zeit der Inquisition gewaltsam getauft, seither im katholischen Spanien wohnen. Ravitsch erzählte über diese interessante Berührung folgendes: Im Herzen Spaniens Hegt Palma de Majorca. Ich hörte von vielen Spaniern, daß dort eine ansehnliche Gruppe von „Juden" wohne, die sich mit Goldschmiedearbeiten beschäftigen. Mich interessierte das sehr. Ich wollte ergründen, weshalb man diese Leute immer noch Juden nennt, da sie ja doch seit sechs Jahrhunderten Katholiken sind, und beschloß daher, die Judenkatholiken aufzusuchen. Das war keine leichte Sache. Ich kannte nicht die Namen der Gassen. Dagegen wußte ich, daß es dort keinen wirklichen Juden gibt. Aber ich fand Rat. Wußte ich doch, daß diese Juden Goldschmiede seien und fragte nach der Gegend, wo die Goldarbeiter wohnen. Auf diese einfache Frage erwartete ich eine einfache Antwort. Da kam die erste Ueberraschung. „En bario judio," (im jüdischen Viertel) war die Antwort. Ich war geradezu starr. Es war Abend. Ich ging ins Hotel. Die ganze Nacht dachte ich über die Antwort des Spaniers nach. Sonderbare Worte! „En bario judio." Was hatte das zu bedeuten? Wo befand ich mich? Bedeutet nicht bario judio das alte jüdisch-spanische Ghetto? Die Kultusgemeinde soll also für die politischen Zwecke einer Partei und noch dazu einer religionsfeindlichen Partei mißbraucht werden. Zu diesem Zwecke soll Unfriede an einen Ort getragen werden, der nur durch friedliches und! einträchtiges Zusammenarbeiten aller seiner erhabenen Bestimmung gerecht werden kann, zu diesem Zwecke muß der Kampf der politischen Parteien auch dort seinen Einzug halten, wo die Politik nichts zu suchen hat. Allerdings könnten die „Werktätigen Juden" für sich ins Treffen führen, daß nicht sie es sind, welche zuerst die leidige Politik in die Kultusstube getragen haben, daß vielmehr eine andere jüdische Partei, nämlich die Jüdischnationalen, mit der Politisierung des innerjüdischen Lebens den Anfang gemacht haben und daß sie bei ihrer politischen Agitationsarbeit ganz in den Fußstapfen derer wandeln, welche von jeher die jüdischen Gemeinden für ihre Parteizwecke auszunützen versuchten:. Darin wären die „Werktätigen Juden" zweifellos im Recht; denn in der Tat ist eine politische Spaltung des Judentums zum erstenmal in jenem Momente eingetreten, als sich der Zionismus, der anfangs eine religiös-kulturelle Bewegung war, in den politischen jüdischen Nationalismus umgewandelt hat. Wenn wir auch im Antisemitismus die hauptsächliche Ursache dafür sehen müssen, daß uns das Kuckucksei des Nationalismus in unser Nest gelegt wurde, so ist anderseits auch die gedankenlose Uebertragung des übertriebenen nationalen Chauvinismus der Gegenwart auf das Judentum schuldtragend an dieser Umbiegung des jüdischen Geistes. Das Gesetz vom 21. März 1890 umschreibt klar und deutlich den Wirkungskreis der Kultusgemeinde und der zur Vertretung derselben berufenen Organe: Frühmorgens bestieg ich ein Auto: „En bario judio!" An einem kleinen Marktplatz macht der Chauffeur halt. Rings um den Platz einige kleine Gäßchen, echte Ghettogäßchen. Plötzlich fällt mir ein Schild in die Augen, das die Aufschrift trägt: „Goldschmiedewerkstätte Jaime Jessus Talisman". Was ist das, mein Gott, für ein sonderbarer Name! Jaime bedeutet Chajim. Jessus bedeutet Jesus. Und Talisman . . .? Ich zweifle nicht mehr daran, daß dieser Name ein echt jüdischer sei. Entweder hatte ich es einfach mit einem Täufling zu tun, oder seine Urahnen gehörten zu jenen Juden, die von der Inquisition gewaltsam getauft worden waren. Um mein Ziel rascher zu erreichen, beschloß ich einzutreten, um Aug' in Aug' mit dem Senior des Hauses Jaime Jessus Talisman zu sprechen. Im Laden traf ich ein 20jähriges Mädchen. Haar, Gesicht, Augen, Nase so recht jüdisch, daß nur die Haube auf dem Kopfe fehlte, um die Impression von der Frau eines Rabbi zu vollenden. „Kann ich Don Jaime sprechen?", fragte ich, ihren Vater nach spanischer Sitte mit dem Vornamen nennend. Da erschien auch schon Don Jaime, ein Mann mit ernstem Gesicht, in dem seelische Erschütterungen ihre Spuren hinterlassen hatten. „Mein Herr," sagte ich nach gegenseitiger Begrüßung, „ich komme in ganz privater Sache zu Ihnen, Wenn Sie jetzt beschäftigt sind, werde ich zu gelegenerer Stunde kommen." „Ich habe zwar wenig Zeit," war Jaimes Antwort, „jedenfalls aber bin ich neugierig zu erfahren, in welcher privaten Sache Sie mit mir sprechen wollen." „Sie werden wohl erlauben, Sennor, daß ich einige vielleicht kühne Worte ausspreche. Für euch Spanier ist es keine große Ehre, sich als Jude vorzustellen. Ich aber tu' es. Ich habe schon von vielen Spaniern gehört, daß bei euch in der Stadt Juden wohnen, die Goldschmiede sind. Da ich mit diesen Juden sprechen will und sie nicht finden kann, habe ich mich an Sie gewendet. Sie gehören ja dem Goldschmiedegewerbe an, so daß Sie mir bestimmt werden eine Adresse geben können. Ich werde Ihnen dafür sehr dankbar sein." Don Jaime ward plötzlich verlegen. Er sah mich erstaunt, wie einen Wundermenschen, an. Einige Augenblicke

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