Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 43 (26.10.1928)
- Date
- 1928-10-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis Aeter Nuauntf 50 Ofoschea. mit dtm YerÖffentlidriungen der „Union deufschösterr. Juden" and den „Ämtlichen Verlautbarungen der Israeliffadien Kultusgemeinde Wien" MUNI Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße Nr. 13 — Telephon 42-2-16 XLIV. Jahrgang Wien, 26. Oktober 1928 Nummer 43 Die Kultuswahlen. Von Medizinalrat Dr. Heinrich Haase. In einem Staate, in welchem die großen politischen Parteien der Unversöhnlichkeit und dem Parteihasse in so maßloser Weise huldigen, wie dies in unserem _armen Oesterreich der Fall ist, kann es nicht wundernehmen, daß auch das jüdische Leben von Parteihader gespalten und zerrissen wird und daß gewisse Gruppen den politischen Kampf sogar in eine Stätte verpflanzen wollen, die mit Politik nicht das geringste zu tun hat, nämlich in unsere a 1 teh rwürdige Wiener Kultusgemeinde. Oder ist etwa das Beispiel, das uns unser Staat im großen bietet, wo die politischen Gegner sich bis an die Zähne bewaffnet gegenüberstehen, so verlockend, daß wir Anlaß hätten, es im kleinen nachzuahmen? Gewiß, es hat immer Meinungsgegensätze im Schöße unserer Kultusvertretung gegeben; diese erstreckten sich jedoch ausschließlich auf Fragen, mit denen sich die Kultusgemeinde ihrer Bestimmung gemäß zu beschäftigen hat, wie zum Beispiel die Frage, ob die kulturellen Einrichtungen unserer Gemeinde in mehr oder weniger orthodoxer, bzw. liberaler Weise geführt werden sollen. Politische Gegensätze aber hat es in früheren Zeiten niemals an jenem Orte gegeben, der reineren, edleren und höheren Zwecken, als dies die Austragung politischer oder wirtschaftlicher Kämpfe ist, gewidmet ist. Da nun einmal jeder Jude seinen „eigenen Schulchan- Aruch" besitzt, wurde der freisinnige Glaubensbruder als ein ebenso guter Jude geachtet und geschätzt wie der orthodoxe und niemals hat die Betonung parteimäßiger Gegensätze geradezu zur Verleugnung der Einheitlichkeit des Judentums geführt, da der Gedanke an den gemeinsamen Ursprung, die gemeinsame Glaubenslehre von Bibel und Propheten und die mit dem Blute unserer Väter geschriebene gemeinsame Geschichte der Verfolgungen und Entbehrungen stärker waren als alle politischen oder wirtschaftlichen Gegensätze. Seit einigen Jahren jedoch wütet ein heftiger politischer Kampf in unserer Gemeinde, der jedoch von ganz anderen Ideen getragen und um ganz andere Fragen geführt wird, als sie dem Wesen, einer K u 11 u s-Gemeinde entsprechen würden. Insbesondere werden wirtschaftliche Verschiedenheiten, wie der Gegensatz zwischen wohlhabend und unbemittelt, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, von einer areligiösenund gleichzeitig klassenkämpferisch orientierten Gruppe ins Treffen geführt, um auf diese Weise die Kultusgemeinde zu „erobern". Was kann, so wird sich jeder vernünftig Denkende fragen, eine jeder Religion prinzipiell ablehnend gegenüberstehende Gruppe von Politikern für ein Interesse daran haben, eine ausschließlich religiösen und karitativen Zwecken dienende Verwaltungsgemeinschaft zu „erobern", was haben wirtschaftliche Interessengegensätze überhaupt mit einer Kultusgemeinde-Wahl zu schaffen? Man kann im Privatleben bürgerlich oder sozialdemokratisch eingestellt sein, in der Kultusstube steht man bloß vor der Aufgabe, Anstalten zu fördern, welche der Befriedigung religiöser Bedürfnisse dienen. Jedermann weiß, daß soziale Arbeit ein integrierender Bestandteil unseres religiösen Lebens ist, ja daß die Wohlfahrtspflege von unseren Weisen direkt als eine der Grundsäulen, auf welchen das Judentum ruht, bezeichnet wurde, so daß es überhaupt keine jüdische religiöse Gemeinschaft ohne sozialen Inhalt geben kann. Wenn daher die auf das sozialdemokratische Parteiprogramm sich stützende Gruppe der „Werktätigen Juden" sich auf ihre „soziale Einstellung" so viel zugute tut unds damit die Kultuswählerschaft ködern will, dann können wir ihr nur zurufen: Der Sozialismus ist so alt wie das Judentum selbst, da er in der sozialen Gesetzgebung der Bibel das Licht dieser Welt erblickt hat, daß dieser einzig wahre und echte Sozialismus aber mit Klassenkampf und Parteihader absolut nichts zu tun hat, ja geradezu im schärfsten Gegensatze zu den terroristischen Methoden steht, wie sie von unseren Sozialdemokraten wie im staatlich-politischen so auch im jüdischen Leben gehandhabt werden. Doch gerade gegen die Männer, welche unsere Gemeinde bisher verwaltet haben, hätten die „Werktätigen Juden", wenn ihnen der Sozialismus Herzenssache und nicht Wahlschlagwort ist, um so weniger Grund zu Felde zu ziehen, als diese in uneigennützigster Weise und von wahrhaft sozialem Geiste beseelt, alles getan haben, um den sozialen Ideen des Juden-