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Die Wahrheit · 1928-10-19 · Heft 42 (19.10.1928) · page 15

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 42 (19.10.1928)
Date
1928-10-19
Page
– (sequence 15)
Language
German
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DIE WAHRHEIT «iniitiiw Seite 15 ^rcßentiichunacn> tjbMpackaw&cntoJScMM WienlX.®™****™ 4 Die erste Wählerversammlung der „Union". ff-- i >L 'H&i' Nachdem die Vorarbeiten der „Union" für die am 2. Dezember d. J. stattfindende Kultus wähl bereits vor den jüdischen Feiertagen mit der Konstituierung des Großen Kultuswahlkomitees ihren Abschluß gefunden hatten, hat nunmehr die eigentliche Agitatiionsarbeit der „Union" für die Wahl mit aller Energie eingesetzt. Die erste Wähl er Versammlung wurde am 10. Oktober d. J. im Versammlungsraum/ des Cafe „M a r i a h i 1 f" abgehalten. Der Vorsitzende, Herr Karl Fröhlich, begrüßte die Erschienenen und erteilt, nachdem er den Zweck der Versammlung näher erörtert hatte, als ersten Redner Herrn Börserat Ignatz Glück das Wort, der, von allen Anwesenden lebhaft akklamiert. unter anderem folgendes ausführte: „Wenn ich mich an die Kultuswahlen meiner Jugendzeit zurückerinnere,, dann erkenne ich, daß es sich in früheren Zeiten um eine Wahl im wahrsten Sinne des Wortes gehandelt hat, das heißt, um eine Auswahl der besten, würdügsten und fähigsten Gemeindemitglieder, welche den Beruf in sich fühlten, unsere Gemeinde und ihre Kultus- und Wohlfahrtseinrichtiungen getreu den Vorschriften unserer heiligen Religion und unserer jahrtausendealten Ueberlieferung zu verwalten. Handelt es sich bei den jetzigen Kultuswahlen, so muß sich ein objektiver Beobachter der Vorgänge im Wiener jüdischen Leben fragen, auch um eine solche Wahl, also um) ein Auswählen der Besten und Würdigsten aus dem Kreise der Hervorragenden,? Unsere Gegner, das sind die Jüdisch nationalen, und die „W erktätigen Juden" wollen gar nichts von einer Wahl in dem angeführten Sinne wissen, sie reden immer nur von einer „Eroberung der Kultusgemeinde" und verlangen von ihren Anhängern nicht etwa die Auswahl der Würdigst e n, sondern die Abgabe eines P a r t e i b ekenntnisses, ohne Rücksicht darauf, wem dieselbe zu einem Sitze in der Kultusstube verhelfen kann. Nicht die Arbeit im Interesse des Judentums, sondern einzig und allein die Vertretung von politischen Sonderinteressen ist der Zweck, um dessentwillen diese Parteien unsere altehrwürdige Gemeinde „erobern" wollen. Diese wäre dann nicht mehr Selbstzweck, sondern nur mehr Mittel für Zwecke, die mit unserer Religion nicht das Mindeste zu tun haben. Was trennt uns nun von der jüdisch nationalen Partei? Ist es vielleicht das „Allgemeine Wahlrecht", das diese als Hauptwahlschlager gegen uns ins Treffen führt? Da muß ich gestehen, daß es nichts als demagogische Verhetzung ist wenn von dieser Seite immer wieder behauptet wird, daß das Kultuswahlrecht nicht allgemein wäre, wo doch jeder Glaubensgenosse sich dasselbe durch eine Steuerleistung von sage* und schreibe sechzig Groschen im Jahre erwerben kann. Oder wollen sich die Jüdischnationalen zu den Sachverwaltern derjenigen aufschwingen, denen das Judentum nicht einmal diesen geringen Betrag, für den man sich gerade ziehn Zigaretten kaufen kann, wert ist? Nein, der wahre Gegensatz zwischen uns und den Jüdischnationalen liegt viel tiefer. Während wir nach wie vor als gute/ und vaterlandstreue Oesterreicher auf dem Boden unserer Verfassung stehen, das heißt nichte, anderes als d£e uns durch dieselbe gewährleistete Gleichberechtigung verlangen, fordern die Jüdischnationalen M i n d e r h e i t s r e c h t e. Das heißt, sie deklarieren sich als eigenenationale Minderheit und wünschen, auf Grund eines unserem Staate aufgezwungenen Friedensvertrages von internationalen Mächten geschützt zu werden. Was ein solcher Minderheitsschutz praktisch wert ist. das, glaube ich, haben wir in den Staaten, wo wirkliche nationale Minderheiten leben, genügend kem^emroternen Gelegenheit gehabt. Die andere Partei, gegen welche wir zu kämpfen haben, sind die sogenannten „W e r k t ä b i g e n Jude n". Diese Partei trat uns, wenn auch damals unter anderem Namen, zuerst vor acht und dann vor vier Jahren entgegen. Diese Leute, welche sich auf ihren Sozialismus so viel einbilden, offenbarten ihren wahren sozialen Geist zu einer Zeit, als die Mittel unserer Gemeinde knapp waren, indem sie eine wesentliche Einschränkung der Ausgaben für Wohlfahrtszwecke, zugunsten ihrer Forderungen verlangten. Von dem gleichen sozialen Geiste beseelt ist die Forderung, die sie heute aufstellen, nämlich das Verlangen nach Honorierung der ehrenamtlichen Tätigkeit unserer Kultusvertreter, welcher wir natürlich unter keinen Umständen Folge leisten können." Nach weiteren Ausführungen, die sich insbesondeTs mit den kommenden Aufgaben der Gemeindeverwaltung befaßten, schloß Börserati Ignatz Glück seine durch starken Beifall immer wieder unterbrochene Rede mit folgendem Appell an alle Kultuswähler: „Bewahren Sie unsere Gemeinde vor der großen Gefahr, in welche sie durch einen Sieg dei „Werktätigen" geraten müßte, indem Sie unsere Glaubensbrüder aus ihrer Indolenz aufrütteln und sie aufklären und um ihre Stimme werben; denn es handelt sich hier um S e i n oder Nichtsein der Wiener K u 11 u s g emei n d e, deren Schicksal doch jedem Wiener Juden am Herzen liegen muß!" Als Vertreter der jüdischen Gewerbetreibenden ergriff sodarm Hutfabrikant David Mandl das Wort, um, wie er sich ausdrückte, zu seinen „Branchegenossen im weiteren Sinne" zu sprechen und führte folgendes aus: „Als Geschäftsmann und Gewerbetreibender, der mit unseren Mitbürgern aller Stände und Konfessionen in ständigem Kontakte steht, wiH ich zunächst feststellen, daß alle Bestrebungen der Jüdisch nationalen, sich vom Boden unerer Staatsgrundgesetze fortzubegeben und sich unter den Schutz eines außerstaatlichen Minderheitsrechtes zu stellen, für den jüdischen Handel und das jüdische Gewerbe von nicht wiedergutzumachendem Schaden sind. Je mehr wir uns von unseren Mitbürgern isolieren, desto mehr werden wir auch von ihnen nicht nur im öffentlichen und privaten Leben, sondern auch — ich spreche hier leider aus Erfahrung — in Handel und Verkehr isoliert werden. Vor 30 Jahren etwa sind wir sehr gut mit unseren Mitbürgern ausgekommen und selbst zur Zeit eines Schönerers oder eines Versani haben wir den Antisemitismus im Geschäftsverkehr nicht in dem Maße zu fühlen bekommen wie heute. Wenn sich heute die Provinzkundschaft deT Alpenländer von den jüdischen Geschäftsleuten immer mehr abwendet, so ist» daran neben der Tätigkeit der österreichischen Antisemiten auch das jüdSschnationale Treiben, vor allem aber das Gehaben ehemaliger Glaubensgenossen schuldtragend, der dem Antisemitismus immer neue Nahrung liefert. Damit bin ich auch schon bei der zweiten Partei, gegen welche sich unser Abwehrkampf richtet!, angelangt, den Sozialdemokraten, die sich, wie Ihnen ja bekannt ist, in irreführender Absicht als „Werktätige Juden" bezeichnen. Seit wann hat die sozialdemokratische Partei Interesse für Kultusfragen? Steht es nicht mit ihrem immer wieder verkündeten Grundsätze der Areligiosität im schärfsten Widerspruche, wenn sie sieh in die inneren An-

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