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Die Wahrheit · 1928-10-19 · Heft 42 (19.10.1928) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 42 (19.10.1928)
Date
1928-10-19
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 ji!l!!l!lfffl!llllllll!!i DIE WAHRHEIT Europa Juden dieser Gepflogenheit huldigen. Man kann sich leicht denken, welche Antwort der Rabbiner gab. Der Bürgermeister beeilte sich zwar, zumal inzwischen auch das verloren geglaubte Kind heil und gesund aufgefunden wurde, beim Rabbiner und dem Vorstand der jüdischen Gemeinde sich persönlich zu entschuldigen. Nichtsdestoweniger hat sich die Entrüstung der amerikanischen Juden über den Vorfall nicht ganz gelegt. Man findet, daß der Bürgermeister schon durch seine an den Rabbiner gerichtete Frage der Ehre des Judentums nahegetreten sei. Das stimmt. Aber die Juden in Amerika sollten es jedenfalls als mildernden Umstand für den Bürgermeister gelten lassen, daß seine Anfrage an den Rabbiner im Grunde genommen die eigentlich schärfste Insulte gegen die — hohen europäischen Staatsbehörden involviert. Auch der Bürgermeister des 5000 Einwohner zählenden Städtchens weiß, wenn er kein Analphabet ist und auch in Uebersetzung Auszüge aus europäischen Zeitungen zu lesen bekommt, daß in Europa, und zwar auch in den Kulturzentren Ritualmordprozesse keine Seltenheit sind. Er weiß aber dann auch, daß hohe staatliche Instanzen die zarteste Rücksicht gegenüber den Ritualmordhetzern in Wort imd Schrift an den Tag legten, ja sorgsam alles vermeiden, was diesen das Handwerk erschweren würde. Das hat den guten Mann vielleicht derart verwirrt, daß er seine auf den Ritualmordglauben bezügliche Anfrage an die falsche Adresse richtete. Von diesem weiß allerdings kein Rabbiner etwas. * Numerus clausus und kein Ende! Nun muß Graf Klebelsberg erfahren, daß selbst er zu schwach ist, die Geister — wenn der Ausdruck hier gestattet ist — zu beschwören, die er gerufen. Der demokratische Abgeordnete Pakots lieferte ihm Beweise, daß die Universitätsbehörden in Budapest in schändlichem Mißbrauch des revidierten Numerus clausus die Zulassung von Juden jetzt noch mehr beschränken, und da fühlte sich der Herr Graf schänden- oder ehrenhalber doch bemüßigt, die nachträgliche Aufnahme einiger jüdischer Studenten, welche die Matura mit Auszeichnung bestanden, zu verlangen. Der Unterrichtsminister erhielt vom Senat der Budapester Universität eine ablehnende Antwort. Die Schützer der rassenschützlerischen Studenten, die den Sinn des Numerus clausus am besten erfaßten, denken mit Recht, daß wenn sie schon jüdische Studenten zulassen, sie am liebsten gerade die unfähigsten heraussuchen möchten, die werden später die ungefährlichsten Konkurrenten. * * :•: Bischof Rassay sagte vor einigen Tagen in einer großen Sensation erregenden Rede: „Das Gesetz garantiert in Ungarn die Gleichberechtigung der Religionen und Konfessionen. Aber in dem Trianoner Ungarn ist das nur ein heiliges Prinzip, das aber in Wirklichkeit nicht eingehalten wird." Bischof Rassay hatte über das Verhältnis des Staates zu der katholischen und der protestantischen Kirche gesprochen. Aber die ungarischen Juden dürften doch die Empfindung haben, daß der ausgezeichnete Redner auch ihnen aus der Seele gesprochen habe. Ego. Der antike Synkretismus und das Judentum. Eröffnungsvortrag des neuen Studienjahres im Maimonides- Institut. Unter überaus starker Beteiligung der Mitglieder und Freunde fand am 9. Oktober, 6¥> Uhr abends, die Einweihung der neuen, vortrefflich eingerichteten, mit efinemBethause verbundenen Räume des Maimomdes-Instituts, IL, Darwingasse 21, sitatt. Unter den Gästen befanden sich vom Vorstande der Isr. Kultusgemeinde die Herren Präsident Generaloberstabsarzt Prof. Dr. A. Pick, Dr. Kl aber, Dr. S. Beer und Amtsdirektor Regicrungsrat Dr. Adler; von der Isr. Theologischen Lehranstalt Prof. Dr. S. Krauss; von den B.-B.-Logen Hof rat Prof. Dr. S. F r a n k f u r t er und Hofrait Dr. S. Fuchs. Die kantoralen Funktionen versah mit Meisterschaft Oberkantor M a r g u 1 i e s. Herr H. Intrator begrüßte namens der Verwaltung die erschienenen Gäste, worauf der Leiter des Instituts Rabbiner Dr. A. Ka m i n k a die Eröffnungsrede hielt. Er sprach zunächst über die besonderen Aufgaben des Instituts, das nicht nur als ein „Beth hamidrasch" eine Pflegestätte für den Geist des Judentums durch intensives Studium des alten Schrifttums darstellt, sondern im Geiste Maimonides systematisch die neuesten historischen, philologischen, archäologischen und philosophischen Forschungsergebnisse heranzieht, um sie fruchtbar für eine bessere Kenntnis und Würdigung das geistigen Besitzes unserer Religionsgemeinschaft zu verwenden, wobei das Institut durch das Entgegenkommen des Rektorates der Wiener Universität auch auf akademischem Boden einem weiten Kreise wissenschaftlich gebildeter Zuhörer aus allen Fakultäten die Kenntnis der Ethik des Judentums, des talmudischen Schrifttums und der jüdischen Geschichte zu vermitteln in der Lage ist. . Als Beispiele dafür, wie die neuesten Forschungen überdenaltenOrient und den religiösen Synkretismus, die Verschmelzung iranischer und hellenistischer Mythen, die Bedeutung des Judentums nicht nur nicht verdunkeln, sondern in ein noch viel helleres Licht setzen — wobei man allerdings die des Hebräischen' häufig wenig kundigen Forscher berichtigen muß — führte der Vortragende u. a. folgende an. Die zahlreichen babylonischen und ägyptischen Parallelen zu unsern Psalmen, die in jüngster Zeit entdeckt wurden und die aus der Zeit vor David stammen, zeigen, daß die Redewendungen und Bilder der Bibel nicht originell hebräisch sind; wie es jetzt einen allgemein europäischen dichterischen Stil gibt, so hat es um 1000 v. Ch. einen vorderasiatischen Stil gegeben, der gleichmäßig in Niniveh, in Babylon, in Tyrus und in Jerusalem angewendet wurde. Dafür bestätigt aber diese Wahrnehmung die volle Echtheit unserer Ueberlieferung im Gegensatz zu den meisten Exegeten der Neuzeit und zeigt die höheren universalistischen Gedanken der. hebräischen Dichtung. Daniels Deutung des Traumes Nebuchadnezars auf vier mit Metallen verglichene Weltreiche findet ihre Parallele in einem älteren Mythus von Zarathustra und in der noch älteren Dichtung H e s i o d ss. der in den „Erga" zu den vier Zeitaltern noch eine fünfte, das der Heroen hinzufügt. Daraus ergibt sich einerseits, daß die Parabel bei Daniel an sich eine Entlehnung ist, daß aber ajiiderseilfcs der originelle Gedanke Daniels eben der des Judentums überhaupt ist: die Menschheit würde nach ihrem tiefsten Sinken, in einem Reich der Wahrheit und Gerechtigkeit, in einem Reiche Gottes sich wieder erheben. In der Satire Juvenals, die die religiöse Propaganda in Rom verspottet, wird neben Priestern aus Phrygien, Aegypten und Armenien, die als Scharlatane einer römischen Matrone Tauchbäder im Tiber, Rutschen auf den Knien um den Tempel und Sühneopfer empfehlen und dafür große Honorare erhalten, eine arme Jüdin angeführt, die nur eine winzige Gabe erhält und dabei der Matrone ohne Hokus-Pokus als Priesterin des Himmels von den Gesetzen Jerusalems erzählt — ein unwillkürliches Zeugnis des Satirikers für die Hoheit des Judentums. Nach einer weiteren Ansprache von Rabbiner M, H o r o w i t z dankte Präsident Prof. Dr. A. Pick namens der israelitischen Kultusgemeinide der Leitung des Instituts für die erfolgreiche Tätigkeit im Dienst der Wissenschaft des Judentums. FRÄULEIN zu 2 Kindern, 7- und ICjährig, mit Hebräisch, Französisch und Klavier, für Nachmittage gesucht. Angebote unter: „Nur _gute Jfldin" an die Adm. d. Bl.

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