Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 42 (19.10.1928)
- Date
- 1928-10-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064248-3064288--16653-3089415- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
»HiithtiRiiniuitiiiliiiiiiiuto Seite ii unseres Vereines anwesend und die Urkunde, die in den Grundstein versenkt wurde, schloß mit den Worten: .,Wir legen den Grundstein in ernster Zeit. Möge das Gotteshaus, das wir erbauen, beitragen zur Hebung der Gottesfurcht und des Friedens. Mögo ein Zeitalter erstellen, in dem die Menschen als Ebenbilder Gottes einander schätzen, Liebe und Duldung die Gemüter beseelen und der Gedanke sich durchringe, daß der Höchste, der über den Wolken thronet, allen denen, die hienieden redlich und rechtschaffen wandeln, ein milder und erbarmungsvoller Richter im Jenseits ist.'* Beinahe alle, die diese schönen, beherzigenswerter. Worte unterschrieben, mit ihrer Unterschrift bekräftigt haben, weilen nicht mehr unter uns. Bewegten Herzens gedenken wir in_dieseir Festesstunde derjenigen, die uns im Tode vorangegangen sind. Das Erbe, das wir von ihnen übernommen, haben wir getreulich verwaltet und wollen es unseren Nachfolgern rein und unvermindert hinterlassen. Und so flehen wir zu Gott dem Allmächtigen, daß er uns die Kraft verleihe, unsere heiligen Aufgaben zu erfüllen, mit ganzem Herzen, mit Liebe und Ausdauer zum Wohle unseres geliebten Vereines, zum Segen iür das Judentum, zur Ehre Gottes. Sehr geehrter Herr Rabbiner! Seit einem Vierteljahrhundert wirken Sie beim Josefstädter Tempel verein als Seelsorger und Prediger, als religiöser Führer unserer Gemeinde. In vorbildlicher Weise haben Sie Ihre Seelsorgepflichten stets erfüllt. Sie haben uns das Wort Gottes verkündet, die Bibel erklärt und erläutert und den Gottesdienst geleitet. Wenn wir das Gotteshaus bedrückt betraten, niedergedrückt von den Sorgen des Alltags, niedergedrückt durch Kummer mannigfacher Art, wir haben es stets in gehobener Stimmung verlassen, aufgerichtet, voll froher Hoffnungen, gestärkt an Leib und Seele. Diesen Erfolg dankten wir Ihren erhebenden Worten edeister Vaterlandsliebe, tiefster Religiosität, reinster Menschenliebe, wahrhafter Gottesfurcht. Durch die Erhaltung unserer Bibelschule, durch die Veranstaltung von Konfirmationen, durch die Abhaltung des Jugendgottesdienstes bemühen wir uns in unserer Jugend religiöses Gefühl zu wecken, unsere Kinder für die heiligen Gebete und Gebräuche, iür die erhabenen Lehren unseres Glaubens empfänglich zu machen. Mit heiligem Eifer unterstützen Sie, verehrter Herr Rabbiner, diese unsere Bemühungen durch die umsichtige Leitung und Pflege unserer Bibelschule, durch den Konfirmandenunterricht, durch Ihre stete Anwesenheit beim Jugendgottesdienst. Der Josefstädter Tempelverein dankt Ihnen, sehr geehrter Herr Rabbiner, für diese Ihre langjährige hingebungsvolle, ersprießliche Tätigkeit, und hoffen und wünschen wir, Sie, geehrter Herr Rabbiner, noch viele, viele Jahre, der gleichen Liebe wie bisher, zu unser aller Stolz und Freude als unseren religiösen Führer verehren zu können. In Ihrer Antrittspredigt vor 25 Jahren sprachen Sie über das Thema „Tempelerbauungen'-. Sie sprachen darüber im allgemeinen, im beonderen auf die kleine Josefstädter Tempelgemeinde verweisend, wo von den Herzen bloß einiger weniger, das Feuer der Begeisterung zur mächtigen Flamme auflodernd, immer weitere Kreise ergriff, gezündet, zu edler Nachahmung angeeifert, dieses Gotteshaus erstehen ließ. In der Festesstunde, da Sie, geenrter Herr Rabbiner, der Sie, wie Sie sagten, in hohem Maße ehrenden Berufung des Josefstädter Temperlvereines folgten, haben Sie die Priesterwache in diesem Tempel übernommen. Immer wieder erschallt Ihr Ruf, immer wieder tönt es uns ans Ohr „Er, der seinen Namen in diesem Hause thronen läßt, lasse walten unter euch Liebe und Brüderlichkeit, Frieden und Freundschaft." Der Priestersegen, mit dem Sie Ihre Predigt schlössen, hat sich bis auf den heutigen Tag an uns bewährt. Frieden und Eintracht herrschen in diesem Hause und ermöglichen es dem Vorstande, seine heiligen Aufgaben zu erfüllen. Treu Ihrem Gelöbnis haben Sie, geehrter Herr Rabbiner, Ihre heiligen Obliegenheiten als Seelsorger und Prediger durch 25 Jahre eriiiHt. Dankbaren Herzens feiern wir heute mit Ihnen Ihr silbernes Amtsjubiläum. Ich bglückwünsche Sie hierzu im Namen des Gesamtvorstandes und aller Mitglieder des Josefstädter Tempelvereines, es ist unser Herzenswunsch, daß es Ihnen vergönnt sein möge, auch Ihr goldenes Amtsjubiläum an dieser heiligen Stätte zu feiern. — Das walte Gott. Sehr geehrter Herr Kantor! Seit 25 Jahren sind Sie beim Josefstädter Tempelverein als Vorbeter und Kantor als Scheliach Zibur tätig. Tief bekümmert kommen wir oft hierher und schütten aus vor Gott unser Herz. Es glätten sich die aufgeregten Wogen in unserem Innern und himmlischer Frieden zieht ein in unsere Brust, wenn Sie, geehrter Herr Kantor, unsere heiligen Gebete, unsere heiligen Gesänge zum Vortrage bringen. Wenn Sie die Morgenandacht abhalten, eilen die glaubenstreuen Mitglieder unserer Gemeinde hierher. Gottes Segen zu erbitten, für des Tages harte Arbeit, für die oft nur zu mühevolle, sorgenschwere Tagesarbeit. Zum Abendgebet kommen die einen, die Glücklicheren Gott danken für das tägliche Brot, das er Ihnen gab. Die anderen, die Entmutigten, die Enttäuschten neue Hofinung schöpfen, vertrauend auf Gottes Hilfe für den nächsten Tag. Mit voller Hingebung sind Sie, geehrter Herr Kantor, ihren heiligen Pflichten durch 25 Jahre nachgekommen. Ich danke Ihnen hierfür im Namen unserer Gemeinde und hoffe, daß Sie uns noch viele Jahre durch Ihre Sangeskunst und treue Pflichterfüllung erfreuen werden. Sodann übermittelte Vizepräsident Ludwig Medak den Herren Moritz Paszkus und Nathan Weiß den herzlichsten Dank des Vorstand*». Nachdem nun Herr Oberkauto'; J. Landau, begleitet vom gemischten Chor und Orgel, Sulzers Psalm 111 in eindrucksvoller Weise zum Vortrage gebracht hatte, bestieg Se. Ehrw. Rabbiner Dr. Moritz Bauer die Kanzel, von der er durch ein Vierteljahrhundert in guten und bösen Tagen der Gemeinde Belehrung, Trost und Erbauung gespendet hatte, und begann seine Festrede damit, daß er mit vor Erregung zitternder Stimme zunächst dem Allmächtigen dafür dankte, daß er ihm die Kraft gegeben, durch 25 Jahre sein heiliges Amt auszufüllen und ihm habe diesen Tag erleben lassen. „Fünfundzwanzig Jahre", führte Dr. Bauer aus, „sind ein großer Zeitraum in unserer raschlebigen Zeit. Da geziemt es sich wohl ein wenig stille zu halten und gleich dem Wanderer, der einen bedeutenden Abschnitt seines Weges erreicht hat. das durchmessene Stück rückblickend zu betrachten, um aus der Kenntnis der Vergangenheit Richtlinien für die Zukunft zu gewinnen. Im Mittelpunkte unserer Feier steht unser geliebter Tempel. Dennoch aber möchte ich, wie ich dies an der gleichen Stätte bereits vor einem Vierteljahrhundert getan habe, daraut hinweisen, daß der Wert, die Bedeutung des Gotteshauses iür das Judentum ebensowenig überschätzt wie unterschätzt werden darf. Nicht diese Mauern sind es, innerhalb welchen Gott wohnt, sondern die wahre Stätte, an welcher wir dem Ewigen ein Heim bereiten sollen, ist unser Herz. Darum laßt uns Gott nicht außerhalb, sondern innerhalb unserer Seele suchen; denn nur dann, wenn Gottes Geist in uns lebt, dann lebt auch Gott in uns, und dann haben wir ihm eine Stätte geweiht, überall, wo wir weilen; lebt hingegen das Wort Gottes nicht in unserem Munde, sein Geist nicht in unseren Herzen, dann stehen wir auch im Hause Gottes, das dann nur fälschlich diesen Namen trägt, auf ungeweihter Stätte. Wozu, dienen dann, so werden Sie mit Recht fragen, überhaupt die von Menschenhand erbauten Heiligtümer wie das Gotteshaus, in dem wir uns befinden? Sie dienen eben dazu, die Erkenntnis von der wahren Stätte, an welcher Gott waltet, in uns zu wecken, dem Menschen, der im Drange der Geschäfte so leicht vergißt, immer wieder zu sagen, daß in seinem Herzen und nur in seinem Herzen Gottes Geist zu wohnen habe, damit er seine wahre Bestimmung erfülle, ein Ebenbild Gottes zu sein. Nicht Selbstzweck soll also der Tempel sein, sondern Mittel zum Zweck, uns die Stätte Gottes in unserem Herzen zu bereiten. Und ebenso wie das aus Stein gemauerte Gotteshaus nicht die wahre Stätte Gottes ist, sondern das von Gottesfurcht erfüllte Herz des Menschen, ebenso ist der wahre Gottesdienst nach der Lehre unserer Bibel die sittliche Tat, während der Gottesdienst an dieser Stätte uns nur zum sittlichen und daher gottgefälligen Handeln anzuspornen hat. Das hier entzündete Heilige Licht hat seine Kraft außerhalb dieser Mauern zu bewähren, indem es unseren Lebenspfad erhellt und uns auf allen Wegen, die wir wandeln, vorausleuchtet. Daß das Heilige Licht, das vor nunmehr 25 Jahren hier entzündet wurde, diese seine Bestimmung erfüllt hat, das sehen wir aus dem Wachstum unserer Gemeinde, deren Glieder in treuer Freundschaft und durchdrungen von unerschütterlichem Einheitsbewußtseir. an der Erhaltung und Ausgestaltung dieses Gotteshauses gearbeitet haben. Wenn wir uns diese Freundschaft, dieses feste Zusammengehörigkeitsgefühl weiter bewahren, dann wird auch der Zweck dieses Gotteshauses weiter erfüllt werden, dann wird auf diesem Hause und auf unserer ganzen Gemeinde ruhen der Segen Gottes, den ich in dieser feierlichen Stunde auf uns alle herabflehe mit den erhabenen Worten des Priestersegens, die ich an dieser Stätte vor 25 Jahren gesprochen, als ich mein Amt angetreten habe. „Es segne dich der Ewige und begleite dich, es lasse dir leuchten der Ewige sein Antlitz und sei dir gnädig, es wende dir der Ewige sein Antlitz zu und gebe dir Frieden! Amen!"