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Die Wahrheit · 1928-10-19 · Heft 42 (19.10.1928) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 42 (19.10.1928)
Date
1928-10-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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DIE WAHRHEIT issMMiiifl Seite 9 Wollen Sife SeBlM* SP«glS«BlB Versuchen Sie die seit 60 Jahren bestehende Telephon D 42-3-70 und bestrenommlerte -rar Kielte im Telephon P 42-3-10 HOTEL-RESTAURANT „GUTH" »■ " Arrangiert jedes festliche Ereignis, in jeder Preislage in und außer Hause unter Beistellung von geschultem Personale und vollständigem Service Prachtvolle geräumige saie iür Hochzeiten, vereine und Gesellschaften Verwendung von nur Prima Gansfette — Mittags- und Abendmenü zu S 2*20 und S 3*20 Palästinaweine vom Faß Zum Besuche ladet höflich ein Schwechater Bier Josel Guth, Hotelier und Rcstauroteur einer sterbenden, die Entartungssymptome einer überzüchtigen Rasse. Als mein unerbittlicher Philosoph den Juden Mangel an Naturgefühl vorwarf, nannte ich ihm bescheiden die Mendelssohnsche Musik zum „Sommernachtstraum", das Mahlersche „Lied von der Erde", ein Dutzend Bilder von Max Liebermann, Heinrich Heines „Lorelei"; wenn da überall kein Naturgefühl ist, und in Künstlern und Dichtern kommen ja nur die latenten Fähigkeiten der anonymen Masse zum Ausdruck, die in der Masse schlummern, so müssen wir eine neue Vokabel dafür finden. Die Bausch-und-Bogen-Kritiker vom Schlage meines Philosophen vergessen immer den historischen Tatbestand. Sie vergessen, daß seit der sogenannten Emanzipation noch nicht hundert Jahre verflossen sind, und daß noch um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts sich ein großer Teil der deutschen Juden in mittelalterlicher Zwangshaft befand; hier in Bayern zum Beispiel war das demütigende Matrikelgesetz noch um 1850 in Kraft. Der Schritt von der Dunkelheit ins Licht geschah gleichsam ohne Uebergang, in fünf Jahrzehnten sollte eingeholt werden, was in einem Jahrhundert versäumt worden war: Mitleben, Mitschaffen, und das in einer widerstrebenden Welt, die die gleichberechtigte bürgerliche Existenz nur als eine Gnade gewährte. Was bei der Betrachtung aller andern menschheitlichen Gruppen mühelos geschehen kann, Lokalisierung, charakteristische Teilung, Verbundenheit, Uebersichtlichmachung des historischen Ablaufs, alles dies stößt hier auf unüberwindliche Schwierigkeiten. Schon die einfache Frage: was ist ein Jude? ist kaum recht beantwortbar. Er ist nicht der Angehörige einer Nation. Die jüdische Nation hatte auf den Trümmern Jerusalems und Bethars aufgehört zu existieren; der jüdische Staat ist vor zweitausend Jahren unter den Tritten der römischen Legionen zusammengebrochen. Die innere Verbindung erhielt sich durch zahllose, über ganz Europa versireute Gemeinden und konnte. dauern, solange der äußere Druck keine anderen Stützpunkte bot als die religiösen Ueberlieferun^en. Sie bestehen heute nur noch in orthodoxen Zirkeln, die ebenfalls über die ganze Erde verstreut sind, nichtsdestoweniger heißen und nennen sich auch diejenigen Mitglieder des ehemaligen Volkskörpers Juden, die mit dem Ritus und Kultus der Vorväter nichts mehr zu schaffen haben, die frei sind von irgendwelcher religiöser Bindung und nichts mehr in sich tragen von jenem Gefühl des Glaubensmartyriums, das überall, wo Juden wohnten, blutige Schauplätze geschaffen hat, unter der Magierherrschaft an den Ufern des Euphrat, wie in Spanien, am Rhein und in den russischen Steppen. Es ist ein rätselhafter Vorgang, der in der Geschichte keine Analogie hat. Das ganze Leben der Juden in der Diaspora spielt sich zwischen den zwei Gefühlspolen Erinnerung und Hoffnung ab, und die ganze Geschichte der Juden durch diese zwei Jahrtausende ist keine Heroen- und Dynastengeschichte, keine Darstellung blutiger Ereignisse und kriegerischer Verwicklungen, sondern lediglich eine Kulturgeschichte, die nicht einzelne überragende Geister zu Trägern hat, sondern ein ganzes Volk. Ich habe einmal ein Gleichnis gelesen, das ich nicht vergessen habe: Wie ein mächtiger Strom, der sich ins Meer ergießt und trotz der innigen Berührung mit dem neuen Element seinen eigenen Lauf einhält und seine Farbe nicht wechselt, so haben die Juden inmitten der Bewegung durch die Völker ihre Art behalten und ihr Wesen sich bewahrt. Und es ist so, etwTas von tiefer Stammeserinnerung steckt in jedem, etwas von der seligen Messiashoffnung in jedem. In der Seele eines jeden Juden sind Engramme des Leidens zu finden und verbliebene Aengste des Gehetzten und Verfolgten. Zweitausend Jahre sind eine Ewigkeit für das Individuum, im Gedächtnis der Generationen bedeuten sie nur eine kurze Spanne Zeit. Und es ist für jeden Juden das wichtigste Lebensproblem, wie er mit dem ihm innewohnenden Generationengedächtnis fertig wird. Als ich während meines Aufenthaltes in New York durch die Straßen der Bronx ging, dieses beispiellosen Elendsviertels, in dem Millionen Menschen ärger zusammengepfercht leben als in den mittelalterlichen Ghettos, als ich da die Tausende und Tausende von Judenkindern sah und die unfaßliche Melancholie in den unwissend-wissenden Augen, wurde es mir klar, daß der Aufstieg einzelner zu Reichtum und Macht in den meisten Fällen nur der vehemente Gegenstoß der Generationenverzweiflung ist. Denn die Erfüllten gehen einen anderen Weg. Sie leben eine Freiheit voraus, die nicht mehr von Emanzipation und Toleranz abhängt. Vielleicht ist das der eigentliche Sinn ihres Lebens. VERGESSEN Sie nicht Ihr Wahlrecht zu reklamieren I

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