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Die Wahrheit · 1928-10-19 · Heft 42 (19.10.1928) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 42 (19.10.1928)
Date
1928-10-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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e & aiatiiuituiän^^ WAHRHEIT ländischen Respektspersonen zu Schaden kamen, sondern „nur" einheimische Juden — in Oppenheim auch ein einarmiger Kriegsinvalider darunter — haben die nationalsozialistischen Führer einen Widerspruch mit der „Idee" ihrer Bewegung nicht konstatiert. Die Bremer Jungmannen werden daher gut daran tun, ihrer Ausrüstung mit Schlagringen, Gummiknüppeln usw. auch je ein Exemplar von Günthers „Rassenkunde" zuzufügen. Dann werden sie in Zukunft nicht mehr an den Unrechten geraten und Hitler wird gewiß mit Freuden einen Strahl der Gnadensonne, die ihm jetzt die Regierung der preußischen „Judenrepublik" aufgehen ließ, seinen verirrten Schäflein in Bremen leuchten lassen . . Dr, Hugo S p i e g l e r (Erfurt). Judentum. Aus einem Vortrag von Jacob Wassermann. (Schluß.) Mein Mann argumentierte folgendermaßen. Als ich ihm bemerkte, ich hätte mit dem Zionismus nichts zu tun, fragte er nicht vielleicht nach den Gründen dieser Behauptung, sondern er berief sich anmaßend auf meine Seele, die mehr von mir wüßte als ich selbst. Das kostete mich nun doch ein Lächeln, denn hierin, wenn überhaupt irgendwo, weiß ich Bescheid, sagte ich ihm. Wollen wir doch einmal über die Judenfrage ganz offen sprechen, schlug ich vor. Ich sagte: der Grundirrtum, dem Sie verfallen sind, ist der daß Sie die Juden als Nation bezeichnen. Das sind sie nicht, das können sie nie wiedersei n. Die Juden sind eine Summe von Individuen. Darin liegt ihr Verhängnis, darin liegt ihre europäische Vergangenheit, dann liegt ihre Gegenwart und wahrscheinlich auch ihre Zukunft. G elingt es den Juden heute, einen Staat zu gründen, so werden sie vielleicht eine Nation sein, vielleicht als „Volk" gelten und anerkannt sein; Juden im bisherigen Sinn werden sie dann aufgehört haben zu sein. Wohlfahrt, staatliche Bindung, politische Wirkung, einen Rang zwischen den anderen zahlreichen nationalen Gebilden, wenn auch einen noch so geringen, werden sie sich möglicherweise erobern, ihre weltgeschichtliche Mission ist aber damit zu Ende. Ich erwähnte die Geschichte des Volkes Israel von Renan und wie überzeugend dort nachgewiesen sei, daß alle die hohen gesetzgeberischen und moralischen Anlagen des Volkes erstarrten und zu unfruchtbarem Konventionalismus wurden, als sie aufhörten, Nomaden zu sein und sich in Kanaan staatlich und seelisch zur Ruhe setzten. Man kann, führte ich aus, dem Begriff des Nomadentums einen sehr hohen Sinn geben, z. B. als Verkündertum, Botenschaft, Vermittlertum; Unseßhaftigkeit als Schutz gegen Quietismus ist unter Umständen eine historische Sendung. Aber man muß vielleicht ein visionäres Wissen vom Gang der Völkergeschichte und -geschicke haben, um solche Umstände als einen Vorrang gelten zu lassen. Nun, ich hatte solche Augenblicke der Vision, das darf ich ruhig sagen, und ich erinnere mich, daß mein intransigenter Philosoph ein recht verdutztes Gesicht machte, als ich mich zu dem Satz verstieg, man schlage die Juden tot, man treibe sie aus, man lösche ihre Namen von der Tafel der Geschichte, das alles wäre minder verhängnisvoll für das Schicksal der Kulturmenschheit, als wenn sieselbersichaus der Rolle ausschalteten. „Sie können mich zu einem Exilierten machen," rief ich meinem Philosophen zu, „zu einem Asiaten machen können Sie mich nicht." „Aber das Blut", entgegnet er mir. „Das Blut", sage ich, „ist bekanntlich ein ganz besonderer Saft, ich habe noch keinen Professor gefunden, der seine chemischen Veränderungen im Laufe zweier Jahrtausende so genau analysiert hätte, um sagen zu können: einer sei zweifellos Julius Cäsars oder Karls des Großen oder König Davids Enkel, und achtzig oder hundert Ahnenhochzeiten hätten an der ursprünglichen Beschaffenheit und Reagens nicht das mindeste verändert. Mit der Genealogie der Menschheit sieht es nun doch ein wenig anders aus als mit dem Pedigree für die Zöglinge eines englischen Rennstalls. Ich leugne nicht den Blutstrom, der mich trägt und nährt, den gewalten des Ostens, ich bin stolz darauf, ich glaube, daß er Reichtümer erhält, vermittels welcher ich spenden und schenken kann, aber warum sollte er mich entheimaten dürfen? Sind nicht die Hunderttausende ausgewanderter Deutscher heute vollgültige und vollgültig genommene Amerikaner, auch wenn sie ihr Deutschtum vertreten, was sie durchaus nicht immer tun. was zum Beisoiel irn Krieg ein großer Teil von ihnen sehr klüglich unterlassen hat? Sollen immer und immer wieder nur die Juden die Ausnahmen von den menschlichen, sozialen, biologischen Gesetzen und humanen Uebereinkünften sein? Warum? Wie viele Deutsche gibt es nicht, die noch vor hundert, vor fünfzig Jahren Slawen, Romanen, Skandinavier, Kelten waren, und die nun mit dem dicksten Kuüppelnationalismus Deutschlands Antlitz verunstalten? Es hat dieses ganze Gerede über „die" Deutschen, „die" Juden keinen Sinn und Zweck. Angewandt auf soziale Erscheinungen, sind es Hilfskonstruktionen und Ablenkungstheorien. Ich kenne nur Menschen, ich weiß nur von einzelnen Menschen. Für mich hat Gültigkeit nur die Gestalt, die Kategorie ist nicht meine Sache. Was die Gruppe am Individuum verändert, fällt erfahrungsgemäß in der Geschichte weniger ins Gewicht, als was das Individuum an der Gruppe verändert. Denunzierte Rassemerkmale sind in der Regel die Krankheitssymptome JAC. 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