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Die Wahrheit · 1928-10-19 · Heft 42 (19.10.1928) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 42 (19.10.1928)
Date
1928-10-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE WAHRHEIT iHMitiiiuiin Seite? Eine zielbewußte Bekämpfung der geistigen Seuche müßte daher in erster Linie die H e t z e r unschädlich machen. Solange man diesen aber noch Vorschub leistet, wird man durch Bestrafung ihrer urteilslosen Jünger nicht viel ausrichten, zumal ein Komitee, das sich „nationale (!) Gefangenenhilfe" nennt, eifrig am Werke ist, den jungen Leuten die Haft zu erleichtern und ihnen, sobald sie aus dem Gefängnis entlassen werden, den weiteren Lebensweg zu glätten. „National"gesinnte Frauen veranstalten im Dienste dieses Komitees „gemütliche Kaffeetafeln", bei denen für die süßen Opfer „jüdischer Rachsucht" Liebesgaben verfertigt und gesammelt werden. Ob Schiller wohl bei seinen Versen:, „Ehret die Frauen, sie flechten und weben himmlische Rosen ins irdische Leben!" an die deutschvölkischen Damen gedacht hat, die beim gemütlichen Kaffee Wolljoppen und warme Strümpfe für — Grabschänder stricken, damit sich ihre Lieblinge bei künftigen Ruhmestaten auf jüdischen Friedhöfen oder bei nächtlichen Pirschgängen auf jüdische Spaziergänger nicht etwa den Schnupfen holen. . . Zu diesem körperlichen Schutze kommt noch der moralische, da die völkischen Jünglinge den Tadlern ihrer Sitten das Goethe-Wort entgegenhalten können: „Willst du wissen, was sich ziemt, frag nur bei edlen Frauen an!" Und solche Tadler sind nicht bloß im gegnerischen Lager zu finden, um dessen Urteil sich ein echter Hakenkreuzler den Teufel kümmert, sondern offenbar auch im eigenen. Es muß doch wohl auch in den völkischen Reihen Leute geben, die für Grabschändungen keine rechte Sympathie aufzubringen vermögen. Sonst wäre das publizistische Organ des Herrn Hitler sicher nicht so sehr darauf bedacht, von dieser Art des „politischen" Kampfes abzurücken. Die Taktik, die dabei eingeschlagen wird, ist höchst charakteristisch: Der „Völkische Beobachter" hat vor kurzem, als man die Schuld für die damals gerade vorgefallene Friedhofsschändung den Nationalsozialisten in die Schuhe schob, einen- Preis von 1000 Mark dem geboten, der diese Beschuldigung beweisen könne. Ein anderes Hakenkreuz ist jüngst noch weiter gegangen, indem es die Friedhofschändungen überhaupt bestritt und als — Erfindung des Centraivereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hinstellte! Der nächste Schritt auf diesem Wege konnte nur die Behauptung sein, daß die Juden selbst die jüdischen Fried höfe schänden, um die harmlosen Hakenkreuzler verleumden zu können. Tatsächlich ist dieser Schritt auch schon gemacht worden, denn soeben wird aus Köln gemeldet, daß ein Sicherheitsorgan, das Friedhofschänder in flagranti ertappte,, sie verscheuchte (!) und mit einem sogar ringen mußte (ohne ihn festzunehmen!), auf die Frage des den Fall „untersuchenden" Polizeikommissärs nach besonderen Kennzeichen des „Ringers", den Bescheid gab: „Krause Haare und gebogene Nase!" Darauf fragte der Kommissär: „Also jüdischer Typ?" Was der Meldende bejahte . . . Unter solchen Umständen ist es verständlich, daß die meisten hakenkreuzlerischen Freveltaten ungesühnt bleiben. Gewöhnlich werden die Uebeltäter trotz hoher, von den jüdischen Gemeinden ausgesetzter Ergreiferprämien gar nicht eruiert und wo dies — hauptsächlich durch die Ungeschicklichkeit der Gesuchten selbst — doch glückt, dort werden so lächerliche Strafen verhängt, daß die Jungen sich eher zur Fortsetzung ihrer Heldentaten ermutigt als abgeschreckt fühlen. So wurden jüngst ein achtzehnjähriger Mechaniker und ein zwanzigjähriger Volontär, die im April 1927 acht Grabsteine auf dem jüdischen Friedhofe zu Ansbach zerstört hatten, zu Geldstrafen (!) von 30, bzw. 70 Mark verdonnert. Ob der eingangs zitierte Erlaß des preußischen Justizministers hierin Wandel schaffen wird, muß abgewartet werden. Hitler hat schon vor längerer Zeit die Parole ausgegeben, nicht die toten, sondern die 1 e b e n d e n Juden zu bekämpfen. Das hat zwar bisher kein Nachlassen der Friedofsschändungen bewirkt, wohl aber eine größere Aktivität der Hakenkreuzler in bezug auf Straßenexzesse. In E s s ie n und Krefeld wurden die Synagogenfenster, die wertvolle Glasmalerein zierten, eingeworfen. In Bremen, Hannover und Oppenheim belustigte sich in der letzten Zeit die völkische Jungmannschaft, indem sie jüdisch aussehende Straßenpassanten von hinten überfiel, mißhandelte und beraubte. Dabei passierte ihr in Bremen ein kleines Malheur. Dort wurde dieser kriegerische Sport an einem bestimmten Tag der Woche, nämlich jeden Mittwoch, ausgeübt, was ein Zeichen streng geregelten Klublebens bei den Hakenkreuzlern ist. Die Polizei zeigte vor so viel Sportdisziplin Achtung und hütete sich, als Spielverderber störend einzugreifen. Leider beobachtet aber das Ausland jeden Ertüchtigungsversuch der wehrhaften deutschen Jugend mit Mißtrauen und so geschah es, daß sich eines Tages einbrasilianischerKonsul, der heimtückischer Weise wie ein Jude aussieht, unter die Opfer der Hakenkreuzler mischte, natürlich nur, um einen diplomatischen Eingriff des Auslandes ins innerdeutsche Parteileben zu ermöglichen. Daß gerade Brasilien die Initiative ergriff, beruht auf der Erwägung, daß die Hansastadt Bremen speziell zu diesem Ueberseestaate gute Beziehungen zu pflegen gezwungen ist. Man beachte das Raffinement dieser Taktik! Die arglosen Hakenkreuzler, in ihrem treuherzigen Gemüt so schwarzer List sich nicht versehend, behandelten dsn Mann nach allen Regeln ihrer Kunst, so daß er drei Tage lang das Bett hüten mußte. Natürlich gab es diplomatische Verwicklungen und der Bremer Senat mußte sich in aller Form entschuldigen. Er tat dies mit dem Hinweis darauf, daß der Konsul das Opfer einer „u nliebsamen Personen Verwechslung" (wörtlich!) geworden sei, was jedenfalls ein merkwürdiges Geständnis einer Behörde ist, daß ihr die Exzesse an sich, sofern man nur die „Richtigen", also die Juden erwischte, keine Aufregung verursacht hätten . . . Auch die natinoalsozialistische Gauleitung Weser-Ems hat die falsche Rassendiagnose ihrer Bremer Jungen nicht verwinden können und die schuldige Ortsgruppe aufgelöst, weil solche Vorkommnisse „mit der Idee der Bewegung absolut unverein - bar" seien. In den anderen Orten, wo keine aus-

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