Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1928-10-19 · Heft 42 (19.10.1928) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 42 (19.10.1928)
Date
1928-10-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064248-3064288--16648-3089410
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 annii»»^ DIE WAHRHEIT Hohes Lob spendet Maria Groener dem Buche „Rasse und Erotik" von Herwig Hartner, das bekanntlich zu beweisen sucht, daß die ganze „erotischrevolutionäre Bewegung" von den Juden nur entfacht worden sei, um die deutsche Rasse zu vernichten. Frau Groener bedauert nur, daß „der Verfasser des trefflichen Buches nicht ihre Einstellung zur Erotik hat. Er hätte von solcher Warte aus noch schonungsloser seine jüdischen Opfer geißeln können." (Seite 186.) — Daß unter denen, die ein ungezügeltes Ausleben empfehlen, sich auch einzelne jüdische Schriftsteller befinden, ist beileibe kein Grund, die Gesamtheit der Juden zu verdammen; denn alle sittlich und verantwortlich empfindenden Menschen — Juden und Nichtjuden — werden diese frivole Richtung in gleicher Weise ablehnen. Gerade das Judentum hat in seinen Bekennern ein starkes Gefühl für sittliche und geistige Pflichten entwickelt. Nichts liegt dem Judentum ferner, als ein „Wühlen in sinnlichen Vorstellungen" gutzuheißen. Erst kürzlich hat der verdiente Gelehrte R. Travers Herford festgestellt, daß sich im ganzen Talmud keine Zote oder Erzählung mit schlüpfriger Pointe auffinden läßt. Wo gibt es noch einmal eine Literatur, von der sich dies behaupten ließe?! Die Rede von dem verderblichen Einfluß des Judentums auf die sittlichen Begriffe, ist gefährliche Demagogie. Der Kampf gegen die Verantwortungslosigkeit, auf den es doch allein ankommt, wird dadurch alles weniger als gefördert. Der Streit an der Klagemauer. Am Vormittag des Jörn Kippur kam es, wie wir bereits in unserer vorletzten Nummer berichteten, in Jerusalem zu einem scharfen Angriff der Polizei gegen die vor der Klagemauer betenden Juden und Jüdinnen, der unter der palästinensischen Judenschaft ungeheure Empörung verursacht hat. Während des Vormittagsgottesdienstes, der vor der Klagemauer unter freiem Himmeü stattgefunden hat, erschien ein Polizeitrupp unter Führung des britischen Polizeiinspektors Duff und befahl mit lauter Stimme den in der Andacht verharrenden Juden, die Scheidewand, die zwischen den Männern und den Frauen aufgerichtet worden war, zu entfernen. Als die Betenden diesem Befehle nicht nachkamen, befahl Duff den Polizisten, die Wand miederzulegen. Die Polizisten gingen mit großer Brutalität vor, sie zerstörten. die Wand und verletzten mehrere der zur Andacht' versammelten Männer und Frauen, unter ihnen eine amerikanische Jüdin. Unter der Jerusalemer Judenheit hat dieses Vorgehen der Polizei tiefste Empörung hervorgerufen. Die Zionistische Weltexekutive erließ eine Erklärung — zu den Vorgängen an der westlichen Tempelmauer in Jerusalem, in der es heißt: Die gesamte jüdische Welt beklagt aufs tiefste die Ereignisse, die sich in Jerusalem vor der Klagemauer am Tage des Versöhnungsfestes abgespielt haben. Die ZionistSsche Exekutive behält sich eine weitere Stellungnahme nach Eintreffen ausführlicher Informationen vor. Im weiteren Verlaufe der Erklärung weist, die Zionistische Exekutive darauf hin, daß sie noch vor zwei Jahren das Problem der Klagemauer aus Anlaß vorangegangener bedauerlicher Zwischenfälle, die die tiefsten Empfindungen der Jud_en verletzten, vor der Mandatarmacht und dem Völkerbund aufgetrollt und dabei der Hoffnung Ausdruck gegeben hat, daß Mittel und Wege gefunden werden, die einem Zustande ein Ende machen, der schwere Besorgnisse für die Zukunft rechtfertigt. Die Exekutive hegt nun die bestimmteste Hoffnung, daß angesichts der jüngsten Ereignisse die Frage der Klagemauer nunmehr einer ernstesten Betrachtung unterzogen) werden wird. Die jetzigen Vorkommnisse am der Klagemauer haben bii'.zurtig die gegenwärtigen Verhältnisse in Palästina beleuchtet. Die Regierung des Landes begnügt sich in dem Streit der Nichtjuden und Juden mit recht wenig glücklichen Verwaltungsmaßnahmen, die auch die letzten Illusionen rauben mußten, als ob ihr Streben tatsächlich der Errichtung der sogenannten jüdischen Heimstätte gelte. Anderseits zeigt sich, daß die Erbitterung der Araber gegen die Juden in Palästina iiLden letzten Jahren nicht abgenommen hat; droht doch die arabische Presse sogar mit Unruhen für den Fall, daß die Juden versuchen sollten, ihre Rechte an der Klagemauer zu erweitern. Hinzu kommt noch, daß die Araber in der letzten Zeit mit ständig wachsender Entschiedenheit ein Selbstverwaltungsrecht für Palästina fordern, wobei sie offensichtlich die Hoffnung anspornt, durch ein Parlament der Landesbevölkerung weitere jüdische Einwanderung verhindern zu können. So zeigt sich, wie naiv die Betrachtungsweise Palästinas als Land ohne Volk, auf das die Juden historische Ansprüche geltend machen könnten, gewesen ist, und daß die Förderung „Palästina den Juden wie England den Engländern4" ohne Achtung der Rechte der eingeborenen arabischen Bevölkerung erhoben wurde. Der jetzige Streit an der Klagemauer muß von allen Juden als ernstier Anlaß genommen werden, die Bedeutung Palästinas als jüdisches Kolonisationsland und das Schicksal der Juden in Palästina in der Zukunft erneut zu erwägen. Brief aus Deutschland. „Die kleinen Diebe hängt man . . ." Der preußische Justizminister hat in einer allgemeinen Verfügung die Strafverfolgungsbehörden ersucht, im Einvernehmen mit den Polizeibehörden den Schändungen jüdischer Friedhöfe auch weiterhin ihr besonderes Augenmerk zuzuwenden und um deren Aufklärung, die trotz Aussetzung erheblicher Belohnungen leider nicht immer gelungen ist, nachdrücklich bemüht zu sein. Bei der Stellung der Strafanträge in der Hauptverhandlung werde zu berücksichtigen sein, daß solche gegen die Ruhe der Toten gerichteten Straftaten in allen Kreisen des Volkes als besonders verabscheuungswürdig empfunden werden und es nach den Erfahrungen der letzten Jahre nicht möglich erscheint, ihnen ohne empfindliche Strafen mit Erfolg zu begegnen. Man müßte diese ministerielle Aufforderung zu größerer Energie wenigstens den scheußlichsten Ausgeburten des Hakenkreuzes gegenüber mit Genugtuung begrüßen, zumal die innerhalb der letzten fünf Jahre vorgefallenen Schändungen jüdischer Friedhöfe in jüngster Zeit die Zahl 60 erreicht, ja sogar schon überschritten haben. Leider wird aber diese Genugtuung durch die Tatsache wesentlich herabgemindert, daß dieselbe Regierung zur gleichen Zeit das seit dem Novemberputsch von 1923 in Geltung gewesene Redeverbot gegen Hitler in Preußen aufgehoben hat. Diese Doppeltaktik der preußischen Regierung bestätigt wieder einmal die alte Erfahrung, daß die kleinen Diebe gehängt werden, während die großen munter ihrer Wege gehen dürfen. Alle diejenigen, die sich in den letzten Jahren in den verschiedensten Gegenden Deutschlands wegen Ausschreitungen gegen tote oder lebende Juden gerichtlich verantworten mußten, haben sich als jugendliche Individuen mangelhafter Intelligenz entpuppt, die einer planmäßigen Verhetzung zum Opfer gefallen waren. 5)ie vorliegende Hummer ist 20 feiten stocfe==

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.